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Von der Politik leben

– oder für die Politik – Wer braucht Berufspolitiker?
Früher… war alles besser? Nicht alles, aber manches. Zum Beispiel hatten Bundesvorsitzende der Jusos auch in meiner Jugendzeit durchaus eine reale Chance, nach diesem Amt zumindest für ein paar Legislaturperioden in den Bundestag oder ins Europa Parlament zu gelangen. Das macht auch Kevin Kühnert so. Nur hatten die Juso-Bundesvorsitzenden früher auch noch neben ihrem Amt einen normalen Beruf.
Heidemarie Wieczorek-Zeul war von 1974 bis 1977 Bundesvorsitzende der Jusos. Sie hatte zuvor ein Lehrer-Studium abgeschlossen und war von 1965 bis 1978 auch als Lehrerin tätig. Nebenberuflich war sie Bundesvorsitzende, wegen ihrer Haarfarbe aber auch der hier zugeordneten politischen Richtung “die Rote Heidi” genannt. Nach dem Juso-Bundesvorstand wurde sie 1979 ins Europa-Parlament gewählt, danach war sie im Bundestag und war bei Schröder und auch noch in der ersten Regierung Merkel Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Willy Piecyk etwa war zuvor Polizeibeamter, später machte er sein Abitur nach und studierte Erziehungswissenschaft und Politik. 1979 bis 1992 arbeitete er mehrere Jahre als Studienleiter an der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente. Juso-Bundesvorsitzender war er von 1980 bis 1982.
Zwei Beispiele aus vergangenen Zeiten. Heute ist alles ganz anders. Kevin Kühnert hat nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr mal ein paar Jahre Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert, das Studium abgebrochen, drei Jahre in einem Callcenter, zwei Jahre in Büros von Mitgliedern des Berliner Abgeordnetenhauses gearbeitet. Danach wurde er, 2017, Bundesvorsitzender der Jusos. Aus diesem Amt schied er vor einigen Monaten aus, mit der Ansage für den Bundestag kandidieren zu wollen.
Als Callcenter-Agent lernt man üblicherweise weniger die Höhen aber ganz bestimmt die Tiefen des Lebens kennen. Denn viele der dort tätigen Menschen haben zuvor bessere Zeiten erlebt, und viel zu viele von ihnen haben nicht einmal ausreichend Geld für ihre Krankenversicherung. Auch Wohnungslosigkeit ist in diesen gesellschaftlichen Kreisen nicht unbekannt.
Bleibt zu hoffen, dass sich der Abgeordnete Kühnert, einmal ins Hohe Haus gewählt, daran noch erinnert.
Aber was hat er sonst zu bieten? Er kann schreiben und gut reden. Doch was passiert mit ihm, wenn nach vier Jahren Schluß ist mit dem Bundestag?
Seine Nachfolgerin als Juso-Bundesvorsitzende Jessica Rosenthal hat ein Lehramtsstudium abgeschlossen und arbeitet als Vertretungslehrerin für Deutsch und Geschichte in einer Bonner Realschule. Während also früher die Reihenfolge galt- Studium, Beruf, Juso Vorsitzende und danach Bundestag oder Europaparlament, will die neue Juso-Chefin direkt in den Bundestag. Sie ist bereits Vorsitzende des Bonner SPD Unterbezirks und hat in dieser Funktion bereits den jüngsten Kommunalwahlkampf mit zu verantworten. Knapp 16 Prozent für die SPD. Das war übersichtlich.
Auch die Oberbürgermeister-Kandidatin der SPD könnte ein Trauerlied davon singen, was sie aber sicherlich nicht tun wird.
Viele in der Bonner SPD fragen sich, ob es nicht sinnvoller wäre, eine oder einen anderen Kandidaten aufzustellen.
Vielleicht jemand mit ein bisschen mehr Lebens- und Berufserfahrung.

Ein Kommentar

  1. Klaus Thüsing

    Lieber Helmut!
    Genau den Kern des Problems getroffen. Heute macht man Karriere in der Politik, indem man mit Netzwerken verbunden ist, in denen man sich gegenseitig fördert (bekanntestes und schlimmstes Beispiel der vergangenen Jahre: Andrea Nahles). Jessica Rosenthal wird bei der in einer Woche anstehenden Kandidatenaufstellung zur Bundestagswahl genau damit punkten: Mit mir habt ihr in jedem Fall die Sicherheit, daß ich in den Bundestag komme, gleichgültig wie die SPD in Bonn abschneidet. Als Juso-Bundesvorsitzende habe ich Anspruch auf einen sicheren Platz der Landesliste der SPD in NRW. Der Platz ist mir aber auch sicher, weil ich eine Frau bin und die Landesliste nach dem Prinzip “Mann- Frau- Mann -Frau” oder ungekehrt “Frau-Mann-Fau-Mann” aufgestellt wird. Und die SPD hat in NRW insbesondere im Bezirk Mittelrhein Probleme damit, überhaupt Frauen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad zu finden und es gibt zu wenig Frauen, die wegen ihrer politischen Arbeit oder ihrem Bekanntheitsgrad Ansruch auf einen sicheren LIstenplatz in NRW erheben könnten. Also wird Jessica Rosenthal in den Bundestag kommen und kann Bonn dann vergessen; müßte sich nur in vier Jahren mit den gleichen Ansprüchen in Bonn zurückmelden.

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