Was alles versprochen wurde, was alles insinuiert wurde – was alles vergessen wurde: ein Weihnachtsfest im Kreis der Lieben, wenn man sich an Lockdown-Regeln halte. Dass es November-Hilfen gebe, gerade für die kleinen Selbstständigen. Dass die Hilfen ohne bürokratischen Aufwand zu beantragen seien. Dass es ein Fehler gewesen sei, die Grenzen zu schließen. Dass es mit dem Impfen gegen Covid-19 funktionieren werde. Die Infektionszahlen sanken wie gewünscht. Doch nichts von alledem traf ein. Stattdessen wurden Erklärungen und Entschuldigungen in schwindelnde Höhen getrieben.
Schuldige wurden gesucht: die Mutanten aus Großbritannien, auch wenn die nicht zu einer Erhöhung der Inzidenzwerte führten; die Familien, die sich ins Sauerland aufmachten; die Jugendlichen, die sich an Glühwein-Ständen tummelten; die Ministerpräsidenten, die der Kanzlerin nicht folgten; Europa, Pharmaproduzenten und Krankenschwestern aus Tschechien; Arbeitnehmer, weil sie immer noch ins Büro gingen; Gesundheitsämter, weil ihre Technik nicht auf dem Stand von Estland sei.
Psychologen machten sich verständnisheischend ans Werk. Dem Volk sei zu danken, weil es sich an das halte, was verlangt werde. Dem Murren, dem Unmut und sinkenden Umfragewerten wird mit therapeutischen Weisheiten begegnet: Die Menschen sind eben mürbe. Man kennt das von Kindergartentanten: Die müden Kleinen maulen halt. Sicherheitshalber werden am liebsten Experten aus Medizin (und Statistik) zu Rate gezogen, denen es mit dem Lockdown nicht weit genug gehen kann. Nebenwirkungen und Risiken werden nicht geleugnet – doch ohne Konsequenz. Theater und Opern bleiben geschlossen. Mit der irrwitzigen Begründung, in der Straßenbahn dürfe es kein Gedränge geben. Als ob sich jemals Opernbesucherinnen in der Straßenbahn gedrängelt hätten. Weil Blumenläden zu schließen haben, drängen sich die Leute im Supermarkt – am neuen Blumenstand dort. Parfümerien bleiben offen, sofern sie Waschmittel anbieten. Was nicht nebenbei ein neues Feld für Interessenvertreter eröffnet: Wir sorgen für Systemrelevanz.
Jüngst ein Scherz, in Beschluss gegossen: Die Einschränkungen sollten bis zum 14. Februar gelten. Zum Dank ein Tusch der Karnevalisten? Für den 15. des Monats steht Rosenmontag im Kalender. Die Erfahrung lehrt: Wenn von vier weiteren Lockdown-Wochen die Rede ist, sind acht gemeint. Mindestens. Die tollen Tage fallen aus. Oder kommen erst noch.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge im Beueler-Extradienst sind Übernahmen aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF