Beueler-Extradienst

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Leben in einer Alarmismusgesellschaft?

Die Wetterwarnungen überschlugen sich seit Freitag. Katastrophenwarnungen in jeder Nachricht, sogar meine Tochter schickte mir vorgestern über den datenschutzfreundlichen Messenger SIGNAL – hier klaut nicht Herr Zuckerberg Ihre Daten wie bei Whatsapp – eine offizielle Unwetterwarnung. Bei ihr in Berlin lagen dann gestern sensationelle 10 cm Schnee. Das Corona-adäquate Treffen unserer beiden Nachbarhaushalte – Ehepaar + eine dritte Person am Samstag stellten wir trotz naher Haushaltsentfernung von 700m Luftlinie vorsichtshalber telefonisch unter die Bedingung: Im Zweifelsfall können wir alles einfrieren. Ich überlegte heute den ganzen Tag, wo ich mein Auto parke, damit ein potenziell den leichten Hügel bergab schleuderndes Fahrzeug  nicht auf das meine prallen würde, und natürlich füllte ich nochmal das Vogelfutterhäuschen auf. Claudia Kleinert warnt in den Tagesthemen vor Glatteis, aber es nieselt bisher nichtmal.

Ich erlebe das nicht zum ersten mal. Regelmäßig warnt der Deutsche Wetterdienst ausführlich vor “Katastrophen” – Schneefall, Eisregen, Sturmböen, Überschwemmungen, als ob der Weltuntergang vor der Tür stünde. Was soll das eigentlich bezwecken? Und was passiert, wenn auf Katastrophenwarnungen nichts als ein laues Lüftchen oder ein mittleres Schneechen folgt? Dass im Winter die Straßen glatt werden können, weiss jedes Kind. In meiner persönlichen Erinnerung kam Blitzeis, d.h. Regen auf gefrorenen Boden und dadurch Glatteis besonders an Silvester/Neujahr, aber auch im gesamten Winter häufig vor. Ich erinnere mich noch gut, dass ich als Jungdemokraten-Landesvorsitzender 1977 mit meinem Autobianchi-Frontantrieb von Tübingen nach Ravensburg fuhr und auf einer langgezogenen Abfahrt und Brücke etwa 1 Km vor dem Blaulicht eines Unfalls zu bremsen begann und erst 3m vor dem Hindernis zum Stehen kam.  Ich kam drei Stunden zu spät – so what!

Ja, es war ein harter Winter 1978/79 – als meine Freundin und ich aus den schneeerfahrenen Schwabenland nach Bonn zurückkehrten, wunderten wir uns, dass eine Art “Schienen” auf der Adenauerallee entstanden waren und man nach einer “Weiche” suchte, in die Reuterstrasse abzubiegen. Ursache war, dass sich in den Vertiefungen der Fahrspuren das Salzwasser sammelte, weil offensichtlich der Bonner Streudienst zwar reichlich Salz verteilte, aber den Pflug vorn am Wagen nicht auf die Straße herunterließ. In Norddeuschland brauchte es damals Bundeswehr-Bergepanzer vom Typ “Leopard”, um die erfrorenen Autobahnen zu räumen und den  Truckern Hilfe zu bringen. Es war halt ein harter Winter. Ich habe als geborener Kölner noch Fotos meiner Kindheit aus den 50er Jahren, auf denen der Rhein zugefroren war. Heute undenkbar. Aber wäre dann vielleicht heute, falls das passieren würde, eine Weltuntergangs-Warnung angemessen?

Legende ist, wie etwa 1970 der SV Werder Bremen den Rasen im Weserstadion bespielbar machte: Erst kam ein Trecker mit Egge, der das eventuell vorhandene Eis aufriss, dann ein hinter einen zweiten Trecker gespannter “Schneekäfig”, ein Drahtgestell, in dem sich wie in einem Pflug die Schneemassen sammelten, nach Bekenntnis des Platzwarts hatte der Gerät “800 Mark” gekostet – viel günstiger als ein Spielausfall, und der Rasen war bespielbar. Werden wir langsam alle Jammerlappen, wenn etwas nicht läuft, wie immer? Oder haben die Versicherer und Rückversicherer dieser Welt Wetterdienst, Medien und Politik soweit im Griff, dass sie diese Warnungen auch völlig übertrieben ständig herauspusten, damit die Schäden minimiert werden? (Achtung, keine Verschwörungslegende, sondern Ironie!!!)

Was mir bei allem zu denken gibt, ob – gerade angesichts der Corona-Pandemie – solche Warnungen nicht völlig kontraproduktiv sind. Denn Menschen gewöhnen sich daran, wenn Warnungen sehr dezidiert und übertrieben ausgesprochen werden und dann nicht in vollem Umfang eintreffen, dass sie sie nicht mehr ernst nehmen. Insofern können übertriebene und allzu häufige Katastrophen- oder Unwetterwarnungen genau das Gegenteil dessen erreichen, was sie intendieren: Sie werden ignoriert und nicht mehr ernst genommen. Und das ist gerade in Corona-Zeiten tödlich. Offizielle staatliche oder mediale Warnungen müssen angemessen und verhältnismäßig sein, sollen sie glaubwürdig sein und ernstgenommen werden. Das Unwetter-gejammer der letzten Jahre hat der Glaubwürdigkeit von Katastrophenwarnungen einen Bärendienst erwiesen. Es führte zu Abstumpfung und Skepsis gegenüber Alarmismus. Und könnte somit dazu beigetragen haben, dass viel mehr Menschen Corona-Warnungen gegenüber so kritisch reagieren, wie sie es tun, die nicht zu Corona-Leugnern gezählt werden können.

Ergänzung am 8.2.2021:  1966 warb die Deutsche Bundesbahn mit einem Plakat, das mit einer die Schneemassen durchpflügenden 110 (Standard-E-Lok, 80 to, V-max 160 km/h) behauptete: “Alle reden vom Wetter – wir nicht!” Der Slogan und das Ergebnis waren so glaubwürdig, dass die 68er Bewegung Plakate mit Marx, Engels und Lenin, ud die Grünen mit Kretschmann, Palmer und Kuhn Anpassungen vornahmen.  54 Jahre später muss die DB Fernzüge absagen, Regionalbahnen haben 4-12 Stunden Verspätung oder werden gestrichen. Ist das technischer Fortschritt? Nein – die damalige DB als Staatsbetrieb hatte einfach etwa 100.000 Mitarbeiter mehr, die Weichen schmierten, Eis beseitigten, Strecken kontrollierten, Rollendes Material in Betriebswerken warteten und rund um die Uhr für den reibungslosen Betrieb sorgten. Beamte, Angestellte und Arbeiter im Öffentlichen Dienst. Zuverlässig und sozial abgesichert. Bis zur “Bahnreform 1994” der Zusammenlegung von Deutscher Bundesbahn (BRD) und Deutscher Reichsbahn (DDR) zu einem “Unternehmen” in Bundeshand. Dann wurde alles anders, weil den Bahnchefs internationale Engagements in Logistik wichtiger  waren, als der Kerngeschäft der DB, der Personen- und Güterverkehr in Deutschland. Um an die Börse zu gehen und die Frage der Schieneninfrastruktur einer separaten Gesellschaft und ebenfalls dem Börsenkapitalismus zu überlassen.         

7 Comments

  1. Gernot G. Herrmann

    Lieber Roland,

    Du hast ja so recht!
    Aber: Fakt ist, dass der Rheinländer (ich bin sicher, es ist ein Männerproblem) bei der ersten Sichtung einer Schneeflocke in sein Auto steigt, auf die nächste Hauptstraße fährt – und bremst. So schafft es der Rheinländer locker, bei einer geschlossenen Schneedecke von ca. 3 mm ein Verkehrschaos zu erzeugen, völlig unabhängig von Wetterdienst und Regierung.

  2. Klaus Böttger

    Ok Boomer… ;-)

    einfach ist es, mit dem Finger auf die “Alarmisten” zu zeigen, wenn es vor der Haustür nur 10cm Schnee hat. Was mich betrifft, bin ich froh darüber, dass der Winter sich im Münsterland aber mal genau an den Fahrplan gehalten und sich pünktlich nach Vorhersage und – vor allem – am Wochenende niedergeschlagen hat, und nicht erst heute zum Berufsverkehr oder so.

    Wir sind hier jetzt auch nicht gerade als Wintersportgebiet bekannt, in so weit sind die Verkehrsbetriebe und Räumdienste – aber insbesondere Autofahrer*Innen nicht wirklich darauf eingestellt sich kurzfristig auf 40-50 cm Neuschnee vorzubreiten. In meinem Vorgarten hat er sich schon meterhoch aufgeweht… da komm ich mit dem Schneeschieber schon an meine Grenzen… und daran, das Grundstück mit dem Auto zu verlassen ist gar nicht zu denken.

    “Unser” letzter Winter mit vergleichbaren Bedingungen hat sozusagen 2010 stattgefunden – und davor, 2005. Das sind drei Winterereignisse in knapp einer Generation. Das aber bedeutet, da draußen gibt es Autofahrer*Innen, die haben es noch nie im Leben erlebt, auf einer geschlossenen Schneedecke unterwegs sein zu müssen…! Von Winterpflichtfahrstunden im Schwaben- oder Sauerland steht eben auch nichts in der münsterländer Prüfungsordnung…

    Bis jetzt ist sowohl der Bus- als auch der Schienenverkehr eingestellt. Auf den Strassen ist nur unterwegs, wer unbedingt muss. #Flockdown – stimmt schon. Wenn nicht heute auch hier die #Covid-Impfungen beginnen würde, könnte mensch auf die Idee kommen, das Robert-Koch-Institut hätte dieses Wetter bestellt.

    Roland & Gernot repräsentieren gewissermaßen die letzte Generation, die noch auf Spikes fahren durfte – obwohl ich Zweifel habe, dass es die für den Autobianchi überhaupt gegeben hat… ;-)

  3. Roland Appel

    Lieber Klaus, Du wirst Dich wundern: In der entsprechenden Größe 135/80 SR 13 gab es selbstverständlich Spikereifen – schließlich hatten die “normalen NSU 1100 /1200 nur 12 Zoll Reifen gleicher Breite und die Autobianchis hatten schon dieselben Schlappen wie NSU TT oder TTS – Legenden, nach denen heute Audis benannt werden.

  4. Klaus Böttger

    Ha, Roland… mich wundert gar nichts! Hab doch früher auch Autoquartett gespielt. Einen NSU haben wir heute auch. Gebaut 2004 im schönen Neckarsulm… allerdings mit 4 Ringen und benannt nach der Bundesautobahn die in der Summe wohl die meisten Kilometer im schneefallbedingten Stillstand zu verzeichnen hatte. Viel weniger cool als ein Prinz. Weniger anfällig als ein Autobianchi, vermutlich, aber ebenso mit Frontantrieb – und völlig entfesselten 75PS. Dank Vollaluminiumkarosserie und des dadurch geringen Gewichtes ein ideales Winterauto. Wir suchen zur Zeit noch freundliche Zeitgenoss*inn*en die uns beim ausgraben helfen möchten… und welche den dabei anfallenden Schnee auch entsorgen würden. Auf dem Grundstück ist nämlich kein Platz mehr – da türmt er sich zum Teil auf 2 Meter!

  5. Roland Appel

    Ein A2 – krass – eines der besten Ökoautos der Welt, wenn nicht das beste, das je gebaut wurde! Bis heute unerrreicht! Geräumig, leicht, sparsam! Verkauft den bloss nicht – der wird immer wertvoller!!! Allerdings hat der schon 155er oder gar 175er Räder. Bein Ausgraben vorsichtig sein – Karosserieschäden bei Alu müssen unter Schutzgas geschweisst werden und sind teuer – einziger Nachteil des Wägelchens. Am besten wartest, bis es regnet…aber ich geb zu, dass ich in rheinischem Größenwahn – bei uns sind heute ca. 3 Flocken/qm gefallen – gnadenlos verharmlost habe bzw. die Vernunft oder den Starrsinn mancher A2- Benutzer völlig unterschätzt habe.

  6. Roland Appel

    Natürlich meint der letzte Satz die Autobahn A2.

  7. Klaus Böttger

    Krass ist die Tatsache dass dieser A2 schon unser dritter ist. Die ersten beiden mussten wir bei einer Gesamtfahrleistung von zusammen über 500.000 km dann doch mal ersetzen… Dieser wurde gekauft als 15-Jahreswagen… mit 53.000 km auf der Uhr aus erster Hand – vom größten VW Händler in Münster. Der hat geweint, als wir ihn mitgenommen haben. ;-)

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