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Warum nicht mal so richtig Asi sein?

Corona hat ja viele schlechte menschliche Eigenschaften an den Tag gebracht, die, so sagen uns die Psycholog*inn*en und Politolog*inn*en, verdeckt natürlich immer vorhanden waren. Von der Prügelei um die Klopapierpackung im Supermarkt während des ersten Lockdown über die  Corona-Leugner, denen jetzt wissenschaftlich bescheinigt wurde, dass ihre Veranstaltungen und Aufzüge in der Tat zur Erhöhung von Corona-Fällen bei den Teilnehmer*innen beigetragen haben, bis zu der Ärztinnenpraxis in Köln-Ehrenfeld, die wegen Verstoß gegen die Corona-Gesetzgebung durchsucht wurde, und deren Ärztin von den Kriminalbeamten “den Beweis forderte, dass Corona existiere”, ist die Gesellschaft ja schon einiges gewohnt. Es geht aber immer noch perverser:

Sie kennen die “Geisens”?  Müssen Sie nicht – eine fiktionale, reiche Prollfamilie des Privatfernsehens, 180% Asi pur, sozusagen. Die würden sicher diese Reise buchen, die – kein Scherz – ein Duisburger Reisebüro derzeit anbietet: Urlaub auf den Seychellen, nach Israel oder in die Vereinigten Arabische Emirate – um eine Corona-Impfung für Privilegierte zu bekommen. Mein Bruder (80) wird in Baden-Württemberg vielleicht gegen Ende März, wenn er Glück hat, einen Impftermin bekommen.  Hunderte Millionen Menschen in Südamerika, Afrika oder Südostasien haben voraussichtlich in diesem Jahr überhaupt keine Chance auf eine Covid-Impfung. Entweder können sich ihre Staaten keine Impfungen leisten, oder unfähige und korrupte Regierungen wie der faschistoide Präsident Brasiliens, Bolsonaro, haben zwar ihre Slums als Testgebiete für Pharmakonzerne bereits 2020 zur Verfügung gestellt, aber ihre Gesundheitssysteme haben keine Gnade mit Armen, und vermutlich den fertigen Impfstoff inzwischen ausschließlich für Eliten gebunkert.

Es reicht offensichtlich nicht, dass die reichen Staaten des Planeten in der Impfkampagne vor allem an sich selbst und an die Profite der Konzerne denken und dabei verdrängen, dass das Virus keine Grenzen kennt.  Die erste Mutation, die sich an zumindest einer vorhandenen Impfung, der von Astrazeneca, vorbeizumogeln versucht, ist die südafrikanische Variante des Sars COV2 Virus. Diese Fälle werden sich häufen. Das Virus an sich ist ja dumm, aber es hat die Möglichkeit, sich lange und ausführlich in seinem menschlichen Wirtskörpern umzuschauen und neue Umgehungsstrategien des Immunsystems zu entwickeln.Da könnte es schnell passieren, dass die Touristen auf Impf-Exkursion schneller von einer mutierten Variante erwischt werden könnten, als sie sich bei der anschließenden “happy Hour” betrinken können.  Ernsthaft: wie asozial muss Mensch sein, um einen derartigen Ego-Shooting-Trip zu buchen – ohne Rücksicht auf alle anderen, ob zuhause oder auf dem Rest des Planeten? Und wie asozial muss ein Reisebüro “Sonnenklar.tv” sein, der mit dem Reiseveranstalter “Fitreisen” in Frankfurt behauptet, in Israel oder anderen “durchgeimpften Ländern” Impfungen zur Fernreise anbieten zu können?

Als die Bundesliga 2020 behauptete, aufgrund ihrer Teststrategie gäbe es keine Nachteile für andere, war das bereits mehr als unglaubwürdig. Bis heute fehlen in vielen Alten- und Pflegeheimen Tests und Schnelltests, werden die Kita- und Grundschulmitarbeiter*innen – im Gegensatz zu Fußballmillionären – noch lange nicht hinreichend getestet. Nun hat Bayern München im Wettbewerb um den Titel des asozialsten Vereins des Planeten einen nahezu uneinholbaren Vorsprung gewonnen: Karlheinz Rummenigge hat vorgeschlagen, dass eine Impfung der Fußballprofis – sind die alle über 80? – ein gutes Beispiel für die Impfkampagne darstellen könne. Und für seine Millionärstruppe entfielen natürlich die unangenehmen Testprozeduren und – wie aktuell aufgrund eines Corona-Falles notwendig – Quarantänen und Isolierungen.

Was sind das für Menschen, die wie Rummenigge solche offensichtlich asozialen Vorschläge machen, und welche Menschen haben keinerlei Skrupel, Fernreisen mit dem “Goodie” Corona-Impfung als Bonus anzubieten, wie einen Zoobesuch im Rahmen einer Busreise nach Köln? Fernreisen spielen ohnehin eine nicht unwesentliche Rolle in der Ausbreitung der Corona-Pandemie.  Nicht wenige Infektionsausbreitungen gehen auf die Fernreisenden über Weihnachten und den Jahreswechsel zurück. Mitarbeiter*innen der “Lufthansa”, die Corona-Tests vor Fernflügen anbieten, berichten von rücksichtslosen Verhaltensweisen von Passagieren, die “ihr Recht auf Flugreise und Test” mit Vehemenz durchzusetzen versuchten. Für die Profiteure und Hinterleute dieser Strategie des Egoismus sind offensichtlich diese asoialen Verhaltensweisen Geschäft und kein Problem.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel, Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Er arbeitet und lebt im Rheinland.

Ein Kommentar

  1. rudolf schwinn

    Dank an Roland Appel für dieses nüchterne Sittenbild.
    Der “reale Spätkapitalismus”, der – wie (auch) Gregor Gysi befand – “übrig geblieben ist”, erzeugt eine lebensgefährdende Dimension an Verkommenheit, die an ein Diktum von Rosa Luxemburg denken lässt: Sozialismus oder Barbarei.
    Als respektvoller Leser grüsst
    rudolf schwinn

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