In einer materialreichen Studie lotet der Kunsthistoriker Henry Keazor die nicht endende Anziehungskraft von Raffaels berühmtem Fresko „Die Schule von Athen“ aus
58 Gestalten in antiken Gewändern, versammelt in einer marmornen Tempelhalle, zu der eine Treppe hinaufführt. In der Mitte der lebhaft diskutierenden Runde stehen zwei Männer: Platon, das Buch seiner Weltentstehungslehre „Timaios“ in der Hand, weist mit erhobener Hand zum Himmel. Aristoteles, sein Gegenüber, hält seine „Ethik“ und streckt die Hand horizontal nach vorne.

Bis heute gilt Raffaels Fresko „Die Schule von Athen“ wegen seiner Komposition, der Farben und des unwahrscheinlichen Personals – Raffael postierte Denker nebeneinander, die sich so nie getroffen haben können – nicht nur als eine der ewigen Inkunabeln der Kunstgeschichte.

Das 1511 für die Stanza Segnatura, die Privatgemächer von Papst Julius II. im Vatikan, entstandene Werk, ist auch ein Symbolbild: für die Einheit des Geistes, die Philosophie als Krone des Denkens und für den offenen Dialog. Kein Wunder, dass es ungefähr so häufig im kollektiven Bilderhaushalt auftaucht wie Leonardos „Abendmahl“. Vor allem aber, dass es so viele Nachahmer fand.

Der Heidelberger Kunsthistoriker Henry Keazor hat sich der Mühe unterzogen, die Rezeptionsgeschichte eines der berühmtesten Kunstwerke aller Zeiten nachzuzeichnen. Und hat eine unglaubliche Menge an Beispielen zusammengetragen, die demonstrieren, wie Künst­le­r:in­nen sich dieses Bild ikonologisch und ikonografisch aneignen.

Diese Beispiele reichen von William Hogarths Druckgrafik „Lottery“ von 1721 bis zu dem von dem Regisseur Ben Newbury gedrehten Musikvideo „Tesselate“, welches die britische Indie Rockband alt-J 2012 auf Youtube veröffentlichte.

Im ersten Werk geißelte der sozialkritische Maler und Grafiker aus dem Großbritannien des 18. Jahrhunderts das Lotteriewesen, mit dem der britische König den kolonialistischen Südsee-Handel in Schwung brachte und dabei reich wurde.

In dem Musikvideo treffen in einem arkadenähnlichen Raum wie bei Raffael 46 zahnspangenbewehrte Gangster aufeinander. Einer von ihnen – im Unterhemd – nimmt mit ausgestrecktem Mittelfinger Platos in den Himmel weisende Zeigegeste auf.

Zu den lustigsten Adaptionen zählt sicher das Bild, welches ein anonymer spanischer Ethikdozent 2017 auf seinem Twitter-Account „EthicsInBricks“ postete: Auf einem aus Legosteinen nachgebauten Modell von Raffaels Bild sind 15 zeitgenössische Den­ke­r:in­nen versammelt. Hier prostet ein rot gewandeter Slavoi Žižek seinem Kollegen Sokrates mit der Kaffeetasse zu. Und mit Martha Nussbaum taucht auch endlich mal eine Frau unter den großen Denkern auf.

Keazors Buch ist ein virtuoses Beispiel dafür, wie sich Kunstgeschichte nicht nur als dröge Stilkunde betreiben lässt, sondern wie sie ihren Bildfundus kritisch auslotet. Trotzdem hätte er die geistesgeschichtlichen Implikationen seiner Analyse vertiefen können. Sie blitzen unter der Überlast an akribisch ausgedeuteten Bilddetails nur in Ansätzen auf.

Etwa wenn Keazor das Fresko und seine ikonografische Anziehungskraft damit erklärt, dass es die „perfekte Matrize zur Veranschaulichung einer sich über bestimmte Parameter (Beruf, Kultur et cetera) definierenden Gemeinschaft“ sei. Selbst Marvels Superhelden gibt es als „Schule von Athen“.

Oder wenn Keazor das Werk als Beleg für die ungebrochene Wertschätzung der Alten Meister quer durch Generationen und Kulturen heranzieht. Das stimmt alles. Aber Keazor zeigt ja auch, dass sich oft ideologische Motive mit der Adaption verbanden.

Einige der Figuren hatten ihre Köpfe durch Maschinen wie Fernseher, Uhren oder Kameras ersetzt

Als etwa der Künstler Giorgio Ghisi aus Mantua 1550, also vierzig Jahre nach Raffael, seinen Kupferstich „Predigt des Paulus in Athen“ schuf, wollte er die berühmte Szene christlich umdeuten. Aus dem Philosophen Plato wird bei ihm der Apostel, der den Heiden die Umkehr nahelegt. Aus dem später von Jürgen Habermas „herrschaftsfreier Dialog“ genannten Gespräch wurde eine Rhetorik der Verpflichtung.

Ein besonders interessantes Beispiel aus dem faktengesättigten Parforceritt durch mehr als 500 Jahre Kunstgeschichte verweist zudem auf einen spannenden Wandel.

Auf dem von Raffael inspirierten Gruppenbild, das der Paderborner Kunstprofessor Hermann-Josef Keyenburg 1982 mit zwölf seiner Studierenden nachstellte und zum Wandgemälde verarbeitete, sieht man einen jungen Mann Wasserpfeife rauchen, eine Nonne spielt E-Gitarre. Am unteren Bildrand schunkelt eine Janosch-Ente.

Einige der Figuren hatten ihre Köpfe durch Maschinen wie Fernseher, Uhren oder Kameras ersetzt. Deutete bei Raffael Aristoteles noch auf seine „Ethik“, weist auf dessen Paderborner Wiedergänger ein Bannerträger auf ein leeres weißes Transparent.

Der überzeitliche Olymp des Denkens ist in ein individuell fragmentiertes Szenario von Entfremdung, Zerstreuung und Fremdsteuerung zerfallen.

Henry Keazor: „Raffaels Schule von Athen. Von der Philosophenakademie zur Hall of Fame“. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021, 304 Seiten, 32 Euro. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.