Was wird in Politik und Fussball überleben?
Für Konservative sind es schwere Zeiten. Machtverhältnisse werden umgekrempelt. Wenig, fast nichts, bleibt, wie es lange war. Die CDU ist nur sichtbarer Ausdruck grundlegender Umwälzungen, die erst noch beweisen müssen, ob sie Wenden zum Besseren sind. Sollte das Wirtschaftssystem überleben, wofür es angepasste Angebote gibt, wird wenig achtsamer, und vieles brutaler werden.
CDU
Wie immer machte Die Anstalt/ZDF ein als Satire verkleidetes seriöses Analyseangebot. Ältere wie ich haben fast jeden CDU/CSU-Skandal als Teil eigener politischer Lebensgeschichte wiedererkannt. Alban Werner/Jacobin ergänzt diesen tiefen Griff in die Geschichte um eine sachliche Analyse des Jetzt: “… denn solange Merkel weiten Teilen der Bevölkerung als alles absorbierende Projektionsfläche diente, konnten sich die Unionsparteien sicher sein, das Kanzleramt zu besetzen.” Richtig. Und diese Projektionsfläche hat sich als weit instabiler erwiesen, als die grosse Schaubildtafel der Anstalt, und bricht gegenwärtig zusammen.
Die neue Projektionsfläche ist schon da: die Baerbock-Grünen machen den Herrschenden in Kapital und Medien ein ernsthaftes Angebot: wenn “wir” zusammen den Klimaschutz anpacken, tun wir Euch nur so viel weh, wie es nicht anders geht. Die klugen Teile des Kapitals sagen: “Deal!”. Und denken: wenn die Mist bauen, suchen wir uns eine neue Partei. Ein vorläufiges Zweckbündnis des fortschrittlicher und grösser gewordenen Bildungsbürgertums mit den weitblickenden Fraktionen des Grosskapitals. Ob die CDU es noch schafft, Teil davon zu bleiben, ist nicht mehr gesichert. Je länger frau*mann ihrem Treiben zuschaut, umso unwahrscheinlicher wird das.
Wie konnte es so weit kommen? Zwei Dinge verbinden sich, bzw. sie bauen aufeinander auf. Die Boomer*innen, weit mehr in West als in Ost, spielen die Vorteile aus, die sie durch die Bildungsexpansion in der alten BRD gewonnen hatten. Zumal: sie sind Viele. In der Familie mussten sie Macht abgeben. Sie hassten und veränderten die autoritären Familienverhältnisse, in denen sie noch selbst aufgewachsen waren. Kindesmisshandlung war neuerdings (2000) verboten. Sie begannen ihre Kinder zu lieben. Wenn ich aus der Schule kommend zuhause über prügelnde Lehrer schimpfte, haben meine Eltern die instinktiv verteidigt. Heute verteidigen sie ihre Kinder mit militantem Einsatz von Rechtsanwält*inn*en. Zahlreiche Kinder nutzen die Gelegenheit, kapitalistische Gesetzmässigkeiten lernend und umsetzend, die patriarchalen Machtverhältnisse in der Familie zum eigenen Nutzen umzudrehen und die Diskursmacht zu ergreifen. Auch wenn sie noch wenig Begriff vom notwendigen Neuen haben, wissen sie immer präziser, was sie alles nicht wollen. Erste Schritte sind gemacht.
Wenn die Grünen nun glauben, sie könnten alte Erbschaften antreten, sind sie also schief gewickelt. Sie sind im zukünftigen Kapitalismus so austauschbar, wie es die SPD schon hinter sich hat, und CDU/CSU gerade erleben. Da kann auch eine scheintote AfD eines Tages zu einer Option werden. Oder eine rechtsgewendete CDU. Wird die dagegen erforderliche Vorsicht überleben? Jetzt wird es spekulativ … aber nicht abwegig. Ein Blick nach Frankreich sollte warnen.
Grosskapital dreht weiter: Fussball
Die herrschenden Mächtigen der Welt haben den Kontakt zum wahren Leben da draussen verloren. Das ist lebensgefährlich. Denn manche von ihnen können mit einer einzelnen Entscheidung, einem Knopfdruck, menschliches Leben auf diesem Planeten beenden. Wie sehr sie überdrehen, demonstrieren sie derzeit im Fussballgeschäft. Barney Ronay/Guardian und Johannes Ehrmann/Freitag analysieren das treffend. Ehrmann übertreibt allerdings den Determinismus. Denn die scheinbar machtlosen Fans erleben sich selbst anders, als Selbstermächtiger, wie sie jüngst bei der Verhinderung des wichtigsten Spiels des englischen Ligafussballs gezeigt haben.
Sie sehen, wie die verschiedenen Fraktionen der Herrschenden in Fifa, Uefa, DFB und DFL den Fussball, wie wir ihn liebten, selbst zerstören. DFB und DFL haben dabei ein Stadium erreicht, das der Selbstzerstörung der CDU/CSU ähnelt wie ein Ei dem anderen. Die konservativ bis reaktionären lernresistenten Sachwalter des “Amateurfussballs” sind die ersten, die organisationspolitisch ins Gras beissen werden. Das Virus ist schon auf die olympische Fraktion des deutschen Profisports übergesprungen (feines Näschen bei Michael Vesper, der rechtzeitig das Weite gesucht hatte). Überleben wird ein von Betriebswirtschaft unabhängiger Oligarchen- und Feudaldespoten-Fussball. Er wird eingekapselt in eine Medien-Scheinwelt und eines Tages durch Virtualität, Avatare, Künstliche Idiotie (KI) u. ähnl. ersetzt werden – als würdiger Nachfolger der altrömischen Circus-Konzepte.
Den anderen Fussball müssen wir dann selbst organisieren. Frau und Mann braucht nicht viel dafür. Das geht. Aber wie lässt sich das politisch übertragen?