Haben Sie sich die Pandemie schöngetrunken? Ich habe gestern in einem der zahllosen Ratgeberbeiträge der Medien gehört, dass ich sogar optimale Darmkrebsprophylaxe betreibe: täglich ein Glas Rotwein! Lesen Sie ausserdem die Porträts von 90- oder 100-jährgen in Ihrer Lokalpresse. Von denen erfahren Sie in der Regel: täglich ein Schnäpschen! So berichtete es mir einst auch unser verstorbener Bezirksbürgermeister, der solche Jubilar*inn*e*n zu ehren hatte, was ihm grosse Freude bereitete. Bei ihm wars leider täglich mehr als ein Bier, und mehr als eine Zigarette. Heute steht alles unter der Hauptfrage: wie kann ich mich und mein Leben optimieren? Das ist exakt der Fehler.
Nach über einem Jahr werden nun die Schäden diskutiert, die das Pandemiegeschehen Kindern und Jugendlichen zugefügt hat. Die sind in der Tat beträchtlich. Vor allem die sozialen Schäden. Zuhause mit Eltern und Geschwistern eingesperrt waren sie notwendigerweise genötigt, sich noch mehr, als sie es sowieso tun, mit sich selbst zu beschäftigen. Sie sind selbst ihr*e schärfste*r Kritiker*in. Ihre Selbst-Unzufriedenheit – wo soll sie hin? Ist ja sonst niemand da. Sie richten sie also gegen sich selbst. Meine These: Essstörungen und andere Selbstverletzungen, schon zuvor mit pandemischem Ausmass, haben sich noch ausgebreitet.
Unschön zu studieren war das in dieser Zapp-Reportage/NDR von Inga Mathwig. Es geht vordergründig um die problematischen Algorithmen des asozialen Netzwerks Instagram (Facebook-Konzern). Im Kern geht es darum, wie die profitsüchtigen Kapitalinteressen sogar die innersten Konflikte junger Menschen kapitalverwertbar machen, widerlich. Allein vom Betrachten dieser Konstellation könnte ich selbst eine Essstörung entwickeln. Durchaus problematisch finde ich in diesem Zusammenhang die NDR-Mode, die von ebendiesen Netzwerken ausgeht und betrieben wird, der “Presenter”-Reportage. Einerseits gönne ich jungen Volontärinnen das Berühmtwerden. Wenn sie Wert darauf legen, meinetwegen. Falsch finde ich jedoch, wenn sie das von ihren Ausbilder*inne*n aufgeschwatzt bekommen. Bei mir wurde Frau Mathwig auffällig durch die richtige Botschaft. Und dass sie zwei junge Frauen hoffentlich nicht verführt, sondern sachlich überzeugt hat, sich selbst blosszulegen, um die brutalen Konzerninstrumente sichtbar und bekämpfbar zu machen. Zu diesem Mut sind die Protagonistinnen zu beglückwünschen.
Was können sie nun tun, um stärker zu werden? “Richtige” Ernährung? Ja sicher, ist einer von vielen Faktoren. Wird aber total überschätzt. Die Medien kleckern uns von oben bis unten mit dem Thema und Besserwissereien voll. Dabei sind die Gewissheiten der Ernährungswissenschaften noch weit geringer, als die der Viren- und Impfstoffforschung. Doch dann fand ich gestern beim gleichen Sender den ultimativ zutreffenden Ratgeber-Beitrag, wie die meisten politisch relevanten in einer Satiresendung: hier finden Sie die Rezepte für ihre nächste Superfood-Mahlzeit (Video 5 min). Und dazu, nicht vergessen, ein Glas guten Wein (nicht unter 10 €/Fl.)!
Wenn es am Ende lustvoll war, war es keine Sünde – sondern richtig. “Optimiert” – denn die Zeit ist knapp ;-)