von Britt Weyde
Weiblicher Aufbruch und Durchbruch im Funk

Die Sache bleibt ambivalent, jetzt, wo die Männermacht im Funk langsam aufgeknackt wird. Wo verorten sich die zahlreichen, mitunter sehr erfolgreichen, Frauen im Funk? Ermächtigte Feministin oder aufgebrezeltes Sexpüppchen, oder vielleicht gar beides? „Es gibt keinen totalen Bruch mit sexistischen Vorstellungen im Funk, genauso wenig aber ein hundertprozentiges Reproduzieren“ sagt die Sozialwissenschaftlerin Carla dos Santos Mattos in der Publikation „Funk: Qual é o role?“. Es gebe Brüche und Kontinuitäten, häufig gleichzeitig und miteinander verwoben. Der weibliche Aufbruch im Funk hat vor etwa 20 Jahren begonnen. Und bereits für eine Menge Kontroversen gesorgt.
Noch in den 90er Jahren war Funk eine absolut männlich dominierte Welt. An den beliebten Bailes de Corredor, den Tanz-Battles, beteiligten sich ausschließlich Jungs, die Mädels näherten sich noch nicht einmal der Tanzfläche, schauten lediglich von oben zu. Doch langsam begannen Frauen ihren Platz im Funk-Universum zu erobern, zunächst als Tänzerinnen, die die MCs bei deren Shows auf der Bühne begleiteten. Anfang der 2000er Jahre tauchten dann die ersten weiblichen MCs auf. Sie griffen zu den Mikrofonen und ergriffen das Wort.
Die Pforte ins Funk-Reich
Diese Entwicklung ging damit einher, dass Funk immer beliebter wurde, was auch mit den nun im Funk besprochenen Themen zu tun hatte: Die zuvor dominierenden Topics, raue Anekdoten aus dem von Armut und Drogenkriminalität geprägten Alltag in der Favela, waren nicht interessant genug für einen Massenmarkt. Songs, die offen über Sex sprechen, hingegen schon. Das war die Geburtsstunde des Funk Putaria, der um Sex und Beziehungen kreist und dabei recht klassische Geschlechterverhältnisse widerspiegelt. Paradoxerweise öffnete ausgerechnet dieses Subgenre den Frauen die Pforte ins Funk-Reich. Was als eine Frage der Markterweiterung begann – schließlich besteht die Hälfte der Funk-Konsument*innen aus Frauen – sollte auf längere Sicht politische Folgen haben. In den 2000er Jahren stieg die Zahl der Funk-Künstlerinnen, Funkeiras, rasch an. Tati Quebra Barraco, Deize Tigrona und Valesca Popozuda gehören zu den Pionierinnen auf einer immer länger werdenden Namensliste. In ihren Tracks geht es genauso explizit um Sex wie bei ihren männlichen Kollegen. Bei diesen Funk-Pionierinnen war es oft eine strategische Entscheidung, ihre Texte aufs Vögeln (wollen) und Gevögelt-werden zu beschränken. Deize Tigrona etwa erzählt, dass es eine Frage des sozioökonomischen Überlebens war, Putaria zu performen; und MC Dandara, eigentlich eine Aktivistin aus der Favela, gab ihre Protestmusik zugunsten des politisch und künstlerisch flachen, dafür aber umso lukrativeren Funk Putaria auf.
Die Sprache ist voller Codes
En passant hat der Funk Putaria den Nebeneffekt gehabt, dass Frauen beginnen, selbstverständlich über ihre eigene Lust zu singen und mit der Vorstellung zu brechen, dass der Mann über den Körper der Frau verfügt. Einige der im Funk häufig verwendeten Begriffe, wenn Frauen gemeint sind, muten allerdings nicht besonders emanzipatorisch an: Cachorras (Hündinnen), preparadas (bereit für Sex), oder popozudas (mit großem Hintern). Wo soll es hier bitteschön einen Bruch mit althergebrachten feuchten Mackerträumen geben? Eines darf dabei nicht vergessen werden: Die Welt des Funk, die Texte und Inszenierungen sind unglaublich spielerisch, voller Doppelsinn, frotzelnden Lästereien und Witzen. „Wir können nicht sagen, ob Funk zum Beispiel feministisch oder machohaft ist. Die Sprache ist voller Codes. Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass es beides gleichzeitig sein kann“, sagt die Anthropologin Izabela Nalio Ramos, die 2016 an der USP ihre Masterarbeit zur Rolle der Frau in Hiphop und Funk veröffentlichte.
Die im Funk vorherrschende Ästhetik präsentiert Frauen mit vielen Kurven, knapp und körperbetont bekleidet. Laut Izabela Ramos spiegelt dies die „Hypersexualisierung des Körpers der Schwarzen Frau in der brasilianischen Gesellschaft“ wider. „Viele Schwarze Aktivist*innen sprechen darüber, wie sie als diejenige gesehen wird, die man nicht heiratet, mit der man auf der Straße nicht Händchen hält, diejenige, mit der man heimlich Sex hat“, erklärt sie in einem Interview für das Jornal do USP. Wenn diese Frauen nun selbst über Erotik und Sex sprechen, habe das im besten Fall eine empowernde Wirkung.
“Toller Hecht” und “Hure”
Eine der ersten Sängerinnen, die Texte mit einem feministischen Ansatz verfasste, ist die 1978 geborene Valesca Popozuda. Seit 2000 war sie als Tänzerin und Gründungsmitglied der Gruppe „Gaiola das Popozudas“ aktiv, etwa 2005 startete sie ihre Solo-Karriere als Funk MC. In einem ihrer frühen Hits, „Agora virei Puta“ („Jetzt bin ich Hure“), erzählt Valesca von einer Frau, die von ihrem Partner geschlagen und betrogen wurde. Sie rächt sich an ihm, indem sie sich einen anderen sucht. Damit wird sie nach gängigen machistischen Vorstellungen zur „Hure“, da ja nur der Kerl ein Recht auf Promiskuität hat. In einem Interview mit der BBC aus dem Jahr 2013 erklärt Valesca, warum sie begann, feministisch anmutende Texte zu verfassen (was ihr, der Frau aus der Favela, viele akademische Feminist*innen nicht zutrauten): „Als ich merkte, dass ich mehr männliche Fans als weibliche habe, hat mich das geärgert. Ich wollte Frauen dazu bringen, meine Musik zu mögen. Deswegen begann ich über Themen zu singen, die für sie wichtig sind, wie Gleichberechtigung oder dass ihr Körper ihnen gehört und sie damit machen können, was sie wollen. Wenn ein Funkeiro davon rappt, dass er mit vielen Frauen Sex hat, ist er ein toller Hecht. Warum kann eine Frau nicht ähnliche Lieder schreiben?”, fragt sie.
Ronaldo Lemos, Direktor des Instituts für Technologie und Gesellschaft in Rio, glaubt, dass Funk-Songs wie die von Valesca Popozuda die sozialen Veränderungen in Brasilien widerspiegeln. Mitunter sind dann auch einige Funk-Tracks etwas politischer, wie etwa im „Funk do Lula“ von der Gruppe Gaiola das Popozudas mit Valesca an der Spitze im Jahr 2008. Darin rappt Valesca, dass sie den (damaligen) Präsidenten in der Favela Complexo do Alemão getroffen habe. Er habe ihr auf den Arsch geglotzt. Sie aber habe ein Anliegen. Sie sei die Stimme des Morro (des Hügels, der Favela). Luis Inácio sei einer aus dem Volk, deshalb solle er gut zuhören: Die Leute aus der Favela seien viele, sie wollten einfach nur glücklich sein. Funk sei nicht das Problem, sondern für viele Jugendliche ein Ausweg. Und wer weiß, vielleicht werde sie, Valesca, eines Tages Bildungsministerin.
Ermächtigende Role Models
Der meist explizite Inhalt von Valescas Songs, der von vielen als vulgär angesehen wird, löste in Brasilien eine Debatte aus – nachdem nämlich die Funk MC und ihre Entwicklung, was Texte, Musik, Performance und Körperform betrifft, zum Thema einer Masterarbeit wurden. Mariana Gomes, Doktorandin an der Universidade Federal Fluminense in Rio, nimmt die Künstlerin Valesca Popozuda als Beispiel für die Fragestellung, wie sich Frauen durch den Funk Gehör verschaffen, wie sie zu ermächtigten und ermächtigenden Role Models werden und feministische Botschaften verbreiten. Für die Journalistin Rachel Sheherazade vom Fernsehsender SBT war die These, die in dieser Arbeit formuliert wird, nämlich die Verbindung von Funk und Feminismus, „ein schlechter Witz”.
Erotisierter Körper als Tauschwert
Valesca Popozuda ist übrigens nach der Größe ihres (chirurgisch vergrößerten) Pos benannt. Jede Pobacke enthält 550 Milliliter Silikon, ihr Gesäß ist für fünf Millionen Reais (aktuell etwa 760000 Euro) versichert. Sie hat auch Brustimplantate. Was soll daran feministisch sein, fragen sich bestimmt viele. Das bestärkt die Objektifizierung der Frau. Der Körper einer/-s jeden Einzelnen wird in der Konsumgesellschaft zu Kapital, wie Jean Baudrillard herausarbeitete. Gerade bei den Funkeiras springt dieser Zusammenhang ins Auge: Körper, Kurven, Haare; Mode, Schmuck, Schminke; Sun-Tan mit Bikinistreifen, Body-Toning, Schönheits-OPs – diese Investitionen produzieren soziales Kapital. Schönheit wird zu Kapital, der erotisierte Körper bekommt eine soziale Funktion als Tauschwert.
Das Unbehagen bestimmter akademischer Feministinnen gegen die kühne Verbindung von Funk und Feminismus hat zum einen eine klassistische Schlagseite, zum anderen aber auch einen schlichten Kern: Natürlich sind nicht alle Funkeiras Kämpferinnen für die Rechte der Frau, geschweige denn erklärte Feministinnen. Zwar haben sie mit den jüngeren feministischen Bewegungen zwei Themen gemein: die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung sowie – bei einigen, nicht allen – der Kampf gegen vorherrschende Körpernormen. Vielleicht sind sie „intuitive Feministinnen“, wie es die bolivianische Feministin Maria Galindo einst genannt hat: Allein aufgrund ihres von machistischer Gewalt geprägten, rechtlosen Alltags als arme, rassifizierte Frauen in der Favela stellt sich automatisch ein Aufbegehren gegen so viel Ungerechtigkeit ein. Aber vielleicht wollen sie einfach nur der Armut entkommen. Und bestenfalls richtig fett Kohle machen.
Und so inszeniert sich Superstar Ludmilla als „Rainha da Favela“, als Königin der Favela. Und Valeska Popozuda verweist im Clip ihres Songs „Beijinho no ombro“ als machtvolle Imperatorin ihre Feind*innen majestätisch in die Schranken – mit einem „Kuss auf die Schulter“.

Für vertiefende Lektüre:
Mariana Gomes Caetano, „MY PUSSY É O PODER. A representação feminina através do funk no Rio de Janeiro: Identidade, feminismo e indústria cultural
Mylene Mizrahi, „Rio de Janeiro is a Land of Vain Men: Women, Masculinity and Money among The Baile Funk“
CCJ | Funk: Qual é o Rolê? by CCJ – Centro Cultural da Juventude – issuu
Clara Eisler-de Souza Oliveira, „O quê o homem pode fazer, ela pode fazer também!” – Identitätskonstruktionen und Handlungsmöglichkeiten junger Frauen im Kontext von urbaner Gewalt und Funk Carioca in Rio de Janeiro
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 445 Mai 2021, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links und Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Gastautor*inn*en

Unter dem Namen "Gastautor*inn*en" fassen wir eine Reihe ganz verschiedener und oft unregelmäßig erscheinender Autor*inn*en und Quellen zusammen. Hierbei kann es sich um individuelle Personen, aber auch Institutionen handeln. Wir bedanken uns sehr für die freundliche Genehmigung zur Übernahme der Beiträge!