Um Sklavenarbeit zu sehen und zu bekämpfen, muss niemand weit reisen
Extradienst-Leser*innen wissen, dass ich samstags regelmässig das DLF-Wochenendjournal höre. Anschliessend suche ich mein Bad und dort die Dusche auf. Heute merkte ich, wie die Wut immer weiter hochkochte. Und bevor ich was kaputt mache oder Terrorist werde, schreibe ich es Ihnen lieber hier. Manfred Götzke war nach einem Jahr wieder in Westfalen, und wollte hören, was sich nach einem Jahr inkl. Gesetzesänderungen geändert oder gar gebessert hat (hier unsere Würdigung seiner damaligen Reportage). Um es vorwegzunehmen: Engagement lohnt sich. Kurzes dagegen nicht.
Dem verdienstvollen katholischen Pfarrer Peter Kossen hat es sogar den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen eingebracht. Behängt wurde er vom Kanzlerkandidaten Armin Laschet, der auf seine exzellenten Beziehungen zum Klerus nichts kommen lassen will. Das ist vielleicht, aber nicht nur Zynismus meinerseits – es ist auch ein Ansatz. Denn aus Götzkes erneuter Reportage geht hervor: als die öffentliche Aufmerksamkeit gross war, bewegte sich was, sogar in der deutschen Politik.
Der DLF liess heute morgen auch die Pointe nicht aus, in seinen Nachrichten vor und nach Götzkes Reportage zu berichten, die G7 wollten jetzt was gegen die Zwangsarbeit in der chinesischen Provinz Uigurien unternehmen (die Bezeichnung “chinesische Provinz” ist in diesem Zusammenhang von mir). Es darf also Hoffnung geben, dass sich um das Schicksal der Betroffenen dort von mächtigen Kräften gekümmert wird. Oder?
Aber wie ist es in Westfalen? Wirklich geändert, ausser einem Gesetz, hat sich im wirklichen Leben fast nichts, wie es Götzke auch von Peter Kossen persönlich berichtet wird. Kossen bezeugt das Wissen in der Bundesregierung. Die ist nicht ahnungslos, im Gegenteil. Sie hat in Bezug auf die Fleischindustrie, unter Druck durch Corona-Infektionsherde, gesetzlich gehandelt. Der zuständige Minister Hubertus Heil (SPD) weiss sehr genau, dass das Problem viel grösser ist, und noch grössere und mächtigere Branchen betrifft (u.a. Logistik!!!). Aus Rheda-Wiedenbrück wird berichtet, dass der druckerprobte Milliardär Tönnies tatsächlich einige Unterkünfte renovieren lässt. Nicht nur wg. Virus, sondern auch, weil sich immer mehr Anwohner*innen zusammenschlossen und engagieren.
Bevor Sie heute Schnitzel und Würstchen auf den Grill schmeissen, hören Sie sich also bitte “Ein Jahr Fleischskandal” an (Audio 49 min). Der Teaser-Text des Senders dazu: “Ein Jahr ist es her, dass sich massenweise rumänische Arbeiter in den Fabriken von Westfleisch, Tönnies und Co. mit dem Corona-Virus infizierten. Es wurde offenbar, unter welch katastrophalen Bedingungen diese Menschen leben und arbeiten. Fast alle waren damals noch Werkvertragsarbeiter – beschäftigt bei Subunternehmern. Viele dieser Firmen haben die Arbeiter um den Mindestlohn geprellt – und ihnen für Wucherpreise Betten in heruntergekommen Häusern vermietet. Arbeitsminister Hubertus Heil ließ daraufhin die Werkverträge verbieten. Ist nun alles gut in der Fleischindustrie? Manfred Götzke geht im Wochenendjournal dieser Frage nach.” Wenn es Ihnen danach noch schmeckt, z.B. weil sie die*den Metzger*in und die zu verspeisenden Tiere persönlich kennen, dann wünsche ich Ihnen (ehrlich) guten Appetit.
Und wenn Sie als Rheinländer*in glauben, das sei ein Westfalenproblem – erwähnte ich nicht oben die Logistik? Fährt bei Ihnen etwa kein DHL auf und ab, parkt die Strasse in der zweiten Reihe zu, um Ihnen Ihre Amazon(= Steuerbetrüger, ein paar Nullen grösser als Uli Hoeness)-Pakete zu bringen? Da sehen Sie: selbst als Rheinländer*in können Sie selbst was tun. So wie es der DLF und Götzke können. Und der Beueler Extradienst. Und jetzt: Sie!
1968 hiess es z.B.: “Enteignet Springer!” Wenn das gelänge, könnte vieles schneller gehen …