Lieber nicht so hastig
Auf dem Bröltalweg hat ein*e Kreidekünstler*in schon komplett Bescheid gewusst: “die Regierung” und “der WDR” tun nix. “Die Merkel” feiert lieber Geburtstag. Solche Bescheidwisser*innen sind bekanntlich in Krisenlagen immer die grösste Hilfe. Den Rücktritt Horst Seehofers vom Amt des Bundesinnenministers fordern wir in diesem Blog schon seit vielen Jahren. Ich formuliere mal so: die aktuelle Krisenlage liefert keinen Grund, davon abzuweichen. Ist aber angesichts des nahenden Wahltermins mittlerweile müssig. Es gibt differenziertere Betrachtungen.
Die grünen Fachfrauen äusserten sich heute morgen im Radio: Irene Mihalic im DLF, und NRW-Fraktionschefin Verena Schaeffer im WDR5 (Audio 6 min). Sie blieben noch etwas unkonkret, weil sie nicht mitten in den Aufräumschufterei mit Besserwisserei auffallen wollen. Richtige und angemessene Akzente setzte auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Sehr aufklärerisch und angesichts seiner persönlichen Lage aussergewöhnlich unpolemisch äussert sich bei heise-online Manuel Atug. Er “ist Mitbegründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG KRITIS) und hat nach dem fehlgeschlagenen Warntag 2020 eine Experten-Analyse mit verfasst”.
Was Atug vorträgt, und auch was ich bei meinem gegenwärtig reisenden Mitautor Roland Appel erfragt habe, verdichtet in mir ein Bild vom Ablauf nach der europaweiten Unwetterwarnung. Ich nehme mal an, dass die beteiligten und zuständigen Behörden nicht mehr per Brief und Telegramm kommunizieren, sondern gewisse Informationstechniken der letzten 30 Jahre schon benutzen gelernt haben. Die technischen Inkompatibilitäten, die sie bis ins heutige 21. Jahrhundert pflegen, muss Roland mal erklären – das ist mir zu kompliziert.
Wie aber sieht es in den Behörden aus? Welche Führungs- und Verantwortungskultur wird dort gelebt? Muss mit Entscheidungen gewartet werden, bis “der Chef” morgen früh wieder am Schreibtisch anzutreffen ist? Oder ist er gerade auf einer Konferenz und kommt erst übermorgen wieder? Wie eigenständig dürfen “Untergebene” arbeiten, handeln, nach aussen kommunizieren? Wenn der Seehoferhorst gerade erst einen Amtsleiter beim Katastrophenschutz als Sündenbock abgeschossen hat – welche “Lehren” wird dann dessen Nachfolger daraus gezogen haben? Diese Fragen nach der Führungs- und Verantwortungskultur stellen sich für alle Politik- und Amtsebenen: Bundesministerien, Bundesbehörden, Landesministerien, Landesbehörden, Bezirksregierungen, Landratsämter und Gemeindeverwaltungen. Wenn in jedem dieser Häuser Entscheidungen und Verantwortung von Schreibtisch zu Schreibtisch geschoben werden, braucht die Efas-Unwetterwarnung bis, sagen wir mal, Altenahr ungefähr zwei Wochen. Und dann muss die ehrenamtliche Bürgermeisterin ja noch ihre Einwohner*innen warnen.
Ähnlich der WDR. Dort fallen um 23 h die Kugelschreiber, und es läuft die “ARD-Infonacht (Übernahme vom Norddeutschen Rundfunk”, bei dem war zufällig schönstes Sommerwetter). Die regionalen Studios, z.B. in Wuppertal, waren selbst abgesoffen und nicht sendefähig. Was fehlte war ein (funktionierender und interventionsfähiger) Notdienst. Den Hochwasser-Betroffenen wird egal sein, ob Herr Buhrow, Herr Schönenborn oder Frau Weber “schuld” ist, oder alle zusammen, sondern eher denken: “wann wird man jeh verstehn?” Wenn die Sendeverantwortung ab 23 h beim NDR liegt, dann ist wohl keine*r “dabeigewesen”, also alle unschuldig.
Der WDR ist jedoch als Sündenbock ebenfalls längst ungeeignet. Es gibt kein “Lagerfeuer”-Medium, um das sich die Gesellschaft versammelt. Die Mediennutzung, die Tagesrhythmen, das Arbeits- und Freizeitverhalten sind so ausdifferenziert, dass jede der genannten Behörden umfangreiche PR-/Medienabteilungen betreiben muss – jedenfalls wenn “alle” erreicht werden sollen. Fragen Sie mal bei einem x-beliebigen Bundesligaverein.
Jetzt muss erstmal geholfen werden, da haben sogar die Herren Seehofer und Laschet recht. Der Seehoferhosrst schafft es vielleicht rechtzeitig, dem zu entgehen. Der Schwitzkasten für Laschet dagegen, der wartet schon.