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Ausgeträumt

Kunst oder Event? / Katastrophenbilder und die Sicherheit der Schlafmützen
Helge hat Ärger. Und davon viel. Ob sein Management den durch Ungeschicklichkeit bei Vertragsverhandlungen mitverursacht hat, muss an dieser Stelle offenbleiben, keine Ahnung. In der Sache aber ist er ein Held. Kunst ist nicht die Petersilie auf der Suppe. Wann wird mann jeh verstehn? Ich erinnere mich an einen vergleichbaren Fall mit Volker Pispers, einen hochpolitischen Erster-Klasse-Kabarettisten.
Es waren die 90er Jahre, die Grünen waren noch ganz jung im NRW-Landtag, und es gab irgendwas zu feiern. Pispers sollte das mit ein bisschen Humor garnieren. Ein schwerer Denkfehler der Organisatoren. Die Gäste, die kamen, hatten sich nämlich länger nicht gesehen, und sehr viel miteinander zu besprechen, bei ausnehmend guter Stimmung. Was hätte Pispers dazu beitragen können? Ohne Bühne, Mikro und Programm sicher eine Menge. Es war eine Zumutung – vor allem für den Künstler. Vielleicht war er jung und brauchte das Geld? Viel gab es nicht.
Bei der Augsburger Zumutung gegen Helge Schneider erinnerte ich mich an ein wunderschönes Open-Air-Fussballgucken in Wuppertal. Das Gelände war idyllisch in einen der in Wuppertal zahlreichen Berge gehauen, herrlicher Ausblick auf Himmel und Tal. An einem Ende des riesigen Biergartens eine Riesenleinwand, auf der eine WM oder EM gezeigt wurde. Ich traf mich dort u.a. mit einer meiner damaligen Lieblingsarbeitskolleginnen. Es gab sehr viel zu erzählen. Und ab und zu guckten wir bei Torchancen oder Fouls auch mal zur Leinwand.
Oder die Hofgarten-Friedensdemo ’81
Andreas Zumach, seinerzeit Vertreter der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, schlug ein Engagement von Arlo Guthrie im Kulturprogramm der Schlusskundgebung vor. Die Mehrheit im Koordinierungsausschuss wiegte kritisch den Kopf: so hohe Kosten (Atlantikflug aus den USA) für so ein bisschen Musik? Andreas putschte es auf eigenes Risiko durch. Es war ein Erlebnis: für Andreas, für Arlo und für die 300.000 im Hofgarten. Vor kurzem erst erinnerten wir uns an einem (Open-Air-!) Restauranttisch in der Beueler City mit Arlos Schwester Nora und Schwager Michael daran, bei bestem Rosso di Montalcino. Eine tolle Erinnerung.
Was lehrt uns das? Kunst ist keine Petersilie. Wer sie als Garnierung wünscht, missbraucht sie. Künstler*innen, die sich nicht dagegen wehren, tun dies aus Schwäche und Hilfsbedürftigkeit. Helge ist nicht schwach, sondern stark.
FAS besorgt um die Grünen
“Ist der Wahlkampf der Grünen noch zu retten?” fragt in der FAS der Herr Bollmann, der schon vor 10 Jahren von der taz zur FAZ migrierte. Sein Text wurde zwischenzeitlich eingemauert. Nah an der Antwort ist die im gleichen Blatt interviewte “Medienökologin” Birgit Schneider: “Betrachter, die sich selbst in Sicherheit befinden, können, wie Schiller es in Bezug auf das Erhabene nennt, ‘das peinliche Gefühl unserer Grenzen’ mit einer abgründigen Schaulust des Davongekommenen erleben. Die Bilder dieser elementaren Zerstörung sind also durchaus ambivalent.” Das ist die Antwort auf das “Wunder”, dass die Umfragewerte der CDU/CSU trotz Katastrophe nicht fallen.
Die glücklich Davongekommenen krallen sich an das, was sie für ihre Sicherheit halten. Und die versprechen ihnen die am glaubwürdigsten, die “keine Experimente” wollen. Dass die Kampagnenführung der Grünen genau das zu kopieren versucht, statt ihre eigene einstige Originalität weiterzuentwickeln und gerade jetzt zuzuspitzen, führt sogar in den Leitartikelspalten der eher labbrigen als radikalen SZ (Alexandra Föderl-Schmid) zu lautem Entsetzen.
Es ist Deutschland hier.

Ein Kommentar

  1. andré dahlmeyer

    ich bin auch zweimal von der bühne runter, einmal in bremen (der “auftritt” schaffte es sogar auf einen tape-sampler), einmal in berlin-mitte. nie hab ich mich besser gefühlt. die bremen-chose verkomplizierte sich damals. veranstalter zahlte nicht und zurücktrampen bei 20 grad minus. egal. das wars wert. für arschgeigen gibt man nicht den lui.

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