Ziel der Dritten Berlin Britzenale soll es sein, multimediale Kunst am Stadtrand zu zeigen. Ort des Ganzen ist ein eigentlich kunstferner Ort: 62 Parzellen der Kleingartenanlage „Morgentau“ an der Neuköllner Blaschkoallee
Ein Tempeltor aus weißen Pyrophor-Steinen, eine himmelblaue Hollywood-Schaukel und ein Pflanzenkleid mit grünen Kugelaugen in einem Baum. Wer an diesem Wochenende eine der Parzellen in der Britzer Kleingartenanlage „Morgentau“ im Südwesten Berlins betritt, kommt ins Stutzen. So richtig scheint das Ensemble nicht zu einem Schrebergarten zu passen. Zu allem schillernden Überfluss bekommen Be­su­che­r:in­nen dazu auch eine Portion Götterspeise serviert. „Lustgarten“ hat das nomadische Künstlerkollektiv „stay hungry“ seine Installation in dem 62-Parzellen-Areal am Südrand von Neukölln genannt – eine Vokabel, die man nicht unbedingt mit Schrebergärten assoziiert.
Dialektik im Regelbiotop
Trotz allen Milieuwandels stehen Schrebergärten in Kolonien für kleinkarierte Vereinsmeierei zwischen Heckenhöhe, Pflanzzeiten und Nationalflaggen vor Siedlerhütten. Schon „Morgentau“, der Name des 1932 gegründeten Vereins, atmet den charakteristischen Beiklang dieses Instituts aus Romantik und Autarkie. Der kleine Lustgarten, eine von 16 Kunstwerken, die Kurator Christoph Zwiener am Stadtrand versammelt hat, ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie man diesem kleinbürgerlichen Regelbiotop eine grenzüberschreitende Dialektik entlocken kann. Auf die Idee für seine Biennale im Spießerparadies zwischen Stockmalven, Bohnen und Kirschbäumen gekommen ist der Berliner Künstler, als er vor Jahren selbst den Zuschlag für eine der Morgentau-Parzellen bekam.

Sofort hatte er die Idee, auf dem zwischen zwei Hauptverkehrsstraßen eingeklemmten Grünflecken Kunst auszustellen. 2016 versammelte er die 14 Teil­neh­me­r:in­nen der ersten Britzenale noch auf seiner eigenen Scholle. Bei der dritten Ausgabe platziert er sie auf einem vegetationsschonenden Parcours in den Gärten. Dabei herausgekommen ist erneut ein wunderbares Beispiel dafür, wie man diesen ästhetischen Spin-off-Effekt der Globalisierung ins Lokale zurückübersetzen kann, ohne ins Belanglose oder Niedliche zu verfallen. Zwieners Britzenale ist pandemietauglich, im Lebensalltag situiert, die Kunst ufert nicht aus, sondern wirkt qualitätsvoll. Zwiener hat beziehungsreich kuratiert – ohne die Kunst unter das Joch eines gestelzten Mottos zu beugen. Das grenzbewusste, konfliktbereite Denken nimmt das Künstlerinnenduo Pätzug/Hertweck aufs Korn. Sie haben zwei hochstehende Tennis-Schiedsrichterstühle auf zwei aneinandergrenzende Parzellen gestellt. Dazwischen verläuft ein Maschendrahtzaun.

In einem faszinierenden Video zieht Pola Sieverding eine Parallele zwischen der Bondage-Technik und dem Garten als gewaltsam gebändigter Natur. Mit Bändern umgürtete Bäume und Sträucher hört man das Ächzen und Stöhnen.

Wahrscheinlich kennt auch kaum jemand die Rolle der Schrebergärten zur NS-Zeit. Der kleine Maulbeerbaum vom Peloponnes, den Deborah Jeromin auf den Vereinsplatz der Kolonie gepflanzt hat, erinnert an das historische Kapitel, wie die Nazis in deutschen Schrebergärten Seidenraupen züchteten. Aus der gewonnenen Seide wurden die Fallschirme gefertigt, mit der Wehrmachtsoldaten im Mai 1941 bei der Invasion von Griechenland über Kreta absprangen.

Und dann gibt es wieder eine Arbeit wie die von André Linpinsel. Seine Metallskulptur „Johannisstrom“ changiert zwischen Zellstruktur und einem abstrahierten Flusslauf. Die Assoziationen Wachstum, Wasser, Garten steigen diffus im Bewusstsein dessen auf, der das in einem der akkurat gepflegten Bio-Rechtecke aufgestellte Werk aufspürt.

So balanciert die Biennale subtil zwischen sozialökologischem Problembewusstsein und Poesie. Über allem weht die „Liberté“-Fahne von Raul Walch an einem Mast am Vereinsplatz. „Sie ist aber auch ein Moment der Öffnung“, erklärt Zwiener die Idee seines dritten Biennale-Anlaufs. Angesichts der verzweifelten Suche nach Bauland in den Städten verschwinden immer mehr Kleingärten, die Kolonien stehen unter wachsendem Druck, ihren Nutzen für die Allgemeinheit zu belegen. Mit Aktionen wie der in Neukölln werben sie um größere Akzeptanz.
Die Sinne öffnen
Vor allem aber öffnet diese Biennale die Sinne und das Denken. In die Laube Nr. 55 hat Sonya Schönberger ihre Audioinstallation aus dem historischen Vogelstimmen-Archiv Ludwig Kochs gestellt. Der 1936 nach Großbritannien emigrierte Bioakustiker und ehemalige Chef der Kulturabteilung der Deutschen Grammophon, erstellte damals diese Sammlung erst in Deutsch, später in Englisch. „Kuckuck“ intoniert in der kleinen, blitzblanken Wohnstube Kochs Stimme über zwei Lautsprecher den Namen eines Vogels, dann erklingt der melodische Zweiton. Die Arbeit erinnert nicht nur an einen von den Nazis vertriebenen Kulturschaffenden, dessen Erbe im Zeitalter von Biodiversität und der Tierrechte längst nicht mehr wie bloß eine Skurrilität klingt.

Versunken dämmert dem Besucher da in der säuberlich parzellierten Idylle die Erkenntnis: Nur Vögel kennen keine Grenzen.

Dritte Berlin Britzenale, 6. bis 8. August. Kleingartenanlage Morgentau e. V., Blaschkoallee 52, 12539 Berlin. Öffnungszeiten: 6. August: 18.00 bis 22.00 Uhr, 7. und 8. August: 12.00 bis 19.00 Uhr. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Links wurden nachträglich eingefügt.