Zwischen Bonn und dem Ruhrgebiet wird nichts wirklich besser, seit 50 Jahren
1972 fuhr meine Mittelstufenklasse mit dem D-Zug in die Hauptstadt. Zunächst von Gladbeck-West, direkt neben unserer Schule, mit der Regionalbahn nach Oberhausen, und dann das, was damals “Schnellzug” hiess. Nach 1 1/2 Stunden war die Fahrt vorbei. Sie hätte damals von mir aus gerne länger dauern dürfen. Ich war 15, einer der Jüngsten in meiner Klasse. Wir waren drei Jungs und 24 Mädels. Sozialwissenschaftlicher Zweig, war damals was ganz Neues. Der sozialdemokratische Direx, der diese Idee hatte, lebt noch mit weit über 90: Herbert Sokolowski.
1972 liefen wir aus dem Bonner Hauptbahnhof heraus direkt gegen eine Bretterwand. Dahinter wurde damals das berühmt werdende “Bonner Loch” gegraben, mit der unterirdisch verlegten Strassenbahn. Mit etwas Mühe fanden wir dann den Busbahnhof, von wo es rauf zur Jugendherberge Venusberg ging, quasi direkt gegenüber dem Gartenanwesen von Bundeskanzler Willy Brandt, wo wir den damals noch nicht so bekannten 10-jährigen Matthias Brandt hätten spielen sehen können. Aber ich schweife ab.
Seitdem wurden für viele, viele Milliarden ICs und ICEs angeschafft. Und was noch schlimmer ist: kompliziertest mögliche Tarifsysteme ausgedacht. Ich hole mir die Fahrkarte immer extrem traditionalistisch am mit einem echten Menschen besetzten Fahrkartenschalter im Bahnhof Beuel. Damals gab es noch diese klitzekleinen bunten Dinger aus dicker Pappe, die in Sekundenschnelle ausgedruckt waren (und als Rückfahrkarte zwei Monate gültig). Heute ist es ein langer Papierlappen mit dem Layout eines typisch deutsche Formulars, passt aber immerhin in die Innentasche einer Jacke. Nur: Ausdrucken dauert dreimal so lange, wie damals. Computer halt.
Die Hinfahrt nach Essen am Freitagnachmittag war wie so oft im IC problemlos. Lässige 10 Minuten Verspätung. Das Spektakuläre war die freie Platzwahl. Mein Waggon nahe der Zugspitze war zu weniger als 30% ausgelastet. Am Freitagnachmittag, an dem zu gewöhnlichen Zeiten immer alles zusammenbrach.
Das Abenteuer ist immer die Rückfahrt. Zu normalen Zeiten gab es bis 23 h ab Essen stündliche IC/ICE-Verbindungen nach Bonn, allenfalls mit direktem Umstieg in Köln. Manche dieser Züge waren verspätet, kamen aus Binz/Rügen, oder, wie heute um 20 h aus Westerland. Nur: nach 20 h fährt nichts mehr nach Bonn. Die Züge danach von Essen nach Köln fahren verlangsamt und haben keine vertaktete Verbindung nach Bonn mehr.
Ich erreichte also den “Deichgraf” aus Westerland. Trotz des ausgedünnten Fahrplans war auch er nur zu 50% ausgelastet. Am Freitagabend! Zahlreiche Bundeswehr im Zug, und – Überraschung! – überhaupt nicht besoffen. Dafür aber angeschmiert, was ihre Heimreise betraf. In Düsseldorf blieb unser IC stehen, “wegen einer technischen Überprüfung am Zug”. Dann erhielten wir gleichzeitig Ausfahrt mit dem fahrplanmässig hinter uns folgenden RE1 nach Aachen. Überraschenderweise wurden wir in Düsseldorf-Volksgarten an der ehemaligen Landesgeschäftsstelle der NRW-Grünen angehalten, und der RE1 erhielt die Vorfahrt. Der hat Fahrplanstopps in Benrath, Leverkusen, Köln-Mülheim und Köln-Deutz. Mit entsprechend vermindertem Tempo unser IC hinterher. Der ICE nach Stuttgart, mit dem einige unserer Vaterlandsverteidiger nachhause wollten, “konnte leider nicht warten”. Mit 10 Minuten Verspätung verliessen wir den Kölner Hbf. in Richtung Bonn.
An normalen Tagen hasse ich diese verspäteten ICs, weil ich in einer der Regionalbahnen sitze, die zu seinen Gunsten ausgebremst werden. Zunächst aber wurden wir unmittelbar vor Köln-Süd ausgebremst. “Wegen eines Rettungseinsatzes am Gleis”. Köln-Süd ist seit gefühlt hundert Jahren dafür bekannt, dass die Stadt und die Deutsche Bahn es nicht schaffen, beide Bahnsteige an die Zülpicher Strasse anzuschliessen, sondern nur einen. Insbesondere an von Feiern gefüllten Wochenenden bevorzugen zahlreiche nüchterne wie alkoholisierte Fahrgäste den illegalen Weg über die Gleise, um einen Nahverkehrszug nach Bonn oder in die Eifel noch zu bekommen. Darum sind Rettungseinsätze an diesen Gleisen keine Überraschung, sondern Gewohnheit, lebensgefährliche.
Zurecht durchquerte unser IC in Schritttempo den Bahnhof Köln-Süd über Gleis 2. Auf Gleis 1 parkte der National Express, der um xx:38 den Hbf. verlassen haben muss. Wir fuhren weiter mit verringerter Geschwindigkeit, denn vor uns fuhr noch die Mittelrheinbahn, die nach Fahrplan drei Minuten nach uns den Hbf. verlassen hätte. Aber wir waren ja verspätet. Diese bedauernswerten Pendler*innen wurden mal wieder in Brühl von uns ausgebremst.
Angesichts solcher Unbill waren 20 Minuten Verspätung, zusammengefahren seit Essen, ein gemässigter Schaden. Aber wo war im Vergleich zu 1972 der Fortschritt?