Freiheit oder Islamismus?
Nein es soll hier nicht um die Grünen gehen. Dafür wäre die Überschrift ein paar Jahrzehnte zu alt. Es geht um Wichtigeres. Guido Steinberg/SWP gab der gestrigen taz ein Interview, von dem heute eine Langfassung online steht. Ich weiss von seinem Ex-Chef Volker Perthes, dass er für ihn ein satisfaktionsfähiger Kollege und Partner war. Und das ist auch mein Eindruck. Nur über eine Stelle bin ich gestolpert.
Aus europäischer Perspektive meint er – beschreibend durchaus zutreffend: “Fakt ist, ein stabiler autoritärer Staat wie etwa Saudi-Arabien ist einem Bürgerkriegsstaat vorzuziehen.”. Steinberg wird selbst wissen, dass das kein stabiler Zustand ist. Er hat sogar mehrfach öffentlich kritisch analysiert, dass solche “stabilen, autoritären Staaten” nicht nur ein Zustand, sondern auch Akteure sind, die aus Zuständen Dynamiken machen. Und diese sind in den konkreten Fällen zutiefst reaktionär.
Im islamistischen Spektrum sind zwei rivalisierende Strömungen zu erkennen: die “Muslimbruderschaften”, die strategisch u.a. von Erdogan und Qatar instrumentalisiert werden. Und die Wahabiten, deren strategisches Zentrum sich unter dem Schutz der Sauds befindet, und worum sich die Mehrheit der feudalistischen arabischen Emirate gruppiert. Beide Strömungen “spielen” strategisch mit terroristischen Gruppierungen, deren Aktivitäten sich von Westafrika über Mittelasien und Afghanistan, China (Uigurien) bis nach Indonesien erstrecken. Die meisten ihrer Opfer sind dementsprechend keine braven demokratischen Soldat*inn*en aus Nordamerika und Europa, sondern proletarische Muslime. Für die Terroristen sind sie nichts als Material, oder um es in hiesige Kapital-Sprache zu übersetzen: “Ressource”. Verbreitung von Furcht und Angst: darum konkurrieren die Guten und die Bösen: wer das am effektivsten beherrscht.
Diese Dynamiken sind mittlerweile so komplex, dass Joe Biden absolut richtig erkennt: die Grossmacht USA ist davon strategisch, intellektuell, kulturell – komplett – überfordert. Der Erste, der es öffentlich ehrlich zugibt. Respekt. Sein Agieren dient exakt diesem Effekt: dass auch Chinas von dem langjährigen Dilettieren strategisch profitierende Führung exakt das Empfinden möge, Respekt.
In der FAZ-Paywall hat vor wenigen Tagen – ich hatte es wegen dieser Paywall übersehen – mein einstiger Lieblingskandidat für das Bundespräsidentenamt Navid Kermani eine bitterkluge Afghanistan-Abrechnung veröffentlicht. Erst durch eine kulturalistisch aufgeladene Entgegnung des heutigen UK-Korrespondenten Buchsteiner (ebenfalls Paywall) bin ich darauf aufmerksam geworden. Kermani bleibt Buchsteiner in der Kenntnis der Region überlegen, weil seine sozialen Kontakte in die Wirklichkeit denen Buchsteiners überlegen sein dürften. Er rechnet mit der Militarisierung und Kommerzialisierung der Politik der kapitalistischen Grossmächte ab, die damit ihre “Soft-Power”-Überlegenheit mutwillig verspielen. Und er hat einen Schlüsselabsatz, der aktuelle Gültigkeit für unsere Republik besitzt, den ich hier zu zitieren wage, möge mich die FAZ-Verlagsgesellschaft GmbH auch dafür verklagen:
“Es schadet den eigenen, nationalen Interessen, sich für die Welt nicht zu interessieren, gleichzeitig das Außen- und das Verteidigungsministerium Politikern ohne jede internationale Expertise zu überlassen oder wie die meisten europäischen Regierungschefs einschließlich der Bundeskanzlerin Europa kontinuierlich zu schwächen, so dass es heute außenpolitisch völlig handlungsunfähig ist. In einer globalisierten Welt ist es keine Realpolitik, sondern Idiotie zu meinen, man könne sich als westliche Staatengemeinschaft oder Europäische Union aus Krisenregionen heraushalten.”
Hierzulande wird vorzugsweise über Milliardenaufträge für staatsmonopolistische Grosskonzerne gejubelt. Ich bin Fan von Eisenbahnbau, auch von diesem. China baut seit langem am meisten davon, weltweit. Doch die deutsche strategische Begeisterung für das ägyptische Militärregime ist eine der vielen, alten Sackgassen. Wer wird sich die nächsten blutigen Nasen holen?