Mediathekperle des MDR
Die Filmproduktion Schulz/Wendelmann kannte ich bisher nicht. Kein Wunder, die sitzen in Leipzig. Aufmerksam wurde ich durch ihre Produktion “Hoyerswerda ’91”, gesendet in der Reihe “Geschichte im Ersten”, gestern wiederholt auf dem Doku-Sendeplatz des MDR-Fernsehens, dienstags 22.10 h, noch ein knappes Jahr Mediathek. Egal, ob Sie damals schon lebten oder nicht. Gucken Sie sich das an. Sie werden dazulernen.
Ich habe mich prompt mehr für die Filmfirma interessiert, die ein spannendes bis aufregendes Dokumentar- und Rechercheportfolio vorweisen kann. Und natürlich für die heutige Lage in Hoyerswerda. Die ist leider nur so mittel.
Die historische Relevanz bezieht die Dokumentation aus der Tatsache, dass die rassistischen Pogrome 1991 – höflich ausgedrückt – nicht allen damaligen politischen Führungskräften unangenehm waren. Das ist in den Szenen, in denen Mitglieder der sächsischen CDU-Landesregierung von Kurt Biedenkopf auftreten, zu erkennen und wird durch einen damligen Einsatzleiter der Polizei bezeugt. Die Polizeikräfte, die die Flüchtlinge und Vertragsarbeiter*innen hätten schützen müssen, wurden tagelang von ihrer strategischen Führung hängengelassen. Die Pogrome entpuppten sich später als Startschuss einer ganzen Reihe von Straftaten, die in den 90ern CDU, FDP und SPD (unter Führung ihrer Freiheitskämpfer Engholm/Parteivorsitz und Lafontaine/Stimmführer im Bundesrat) dazu bewegten, das Grundrecht auf Asyl preiszugeben (“Auf Abs.1 kann sich nicht berufen …”). Effizienter konnte Rassismus in Deutschland kaum ermutigt werden.
Das Gute an dem Film von Nils Werner und Christian Hans Schulz ist, dass er sowohl die Opfer der damaligen rassistischen Pogrome zu Wort kommen lässt, als auch die zivilgesellschaftlichen Akteur*inn*en, die im Sinne des Wortes die ehemalige Braunkohlestadt zivilgesellschaftlich zu retten versuchen. U.a., indem sie den vertriebenen mosambikanischen Vertragsarbeiter*inne*n zusenden, dass sie nicht vergessen sind, und Menschen aus Hoyerswerda sich bis heute dafür engagieren, dass sie entschädigt und für ihre geleistete Maloche gerecht entlohnt werden.
Nun raten Sie mal, wer in dieser Stadt in Sachsen heute die stärkste Partei ist. Einmal raten genügt: die AfD. 73,6% haben bei der letzten Kommunalwahl eine demokratische Partei gewählt. Das ist immerhin recht viel. Wenn die sich engagieren, liesse sich einiges (wieder) aufbauen. Die Linke und die SPD, 1994 noch stark gewählt, sind beide seitdem mehr als halbiert worden. Ob die ehrlich untersucht haben, wie es dazu kam? Das weiss ich nicht. Die Grünen kamen in der Braunkohlestadt noch nie über 5%. Aber in den den letzten zwei Kommunalwahlen kam die neue Gruppe “Aktives Hoyerswerda” zweimal über 8% und bildete mit den Grünen eine gemeinsame Fraktion.
Das in der Stadt an 1991 erinnernde Denkmal sagt: “Hoyerswerda vergisst nicht.” Das macht Hoffnung. Wir sollten es auch nicht.