Wenn Männer auf Mädchen treffen
Wer könnte das die Menschheitsgeschichte durchziehende Spannungsverhältnis zwischen Männern und Frauen besser charakterisieren, als ein ausgebildeter Volltheologe? Gerade heute morgen las ich Hans Conrad Zanders Erinnerung an den “heiligen Hieronymus”, und “Wie die heilige Paula den Zölibat erfand” (in: “Warum es so schwierig ist, in die Hölle zu kommen”, Paderborn 2021). Der heilige Hieronymus machte das einzig Richtige: er verpisste sich aus dem dreckigen, versündigten Rom ins “heilige Land”, um dort die “heilige Schrift” aus dem Hebräischen und Griechischen ins Lateinische zu übersetzen. Die reichen, unabhängigen Frauen, die ihre Ehemänner bereits glücklich ins Grab gebracht hatten, stellten ihm dennoch über selbstfinanzierte Schiffsreisen nach, sodass ihm die rettende Idee mit der Propagierung des Zölibats kam. Ca. 385 n.Chr. soll das gewesen sein.
Heute wissen wir, dass der weise, heilige Hieronymus komplett erfolglos geblieben ist. Zölibat funktioniert nicht, bei niemandem, und nirgends – am schlimmsten ist sein Scheitern bei denen, die es bis heute propagieren. Männer ziehen sich nicht, wie der heilige Hieronyms, in entlegene Schreibstuben zurück, sondern haben eine jahrhundertelange terroristische Gewaltherrschaft errichtet, deren Elemente in zu grosser Zahl bis in die Gegenwart fortwirken, und erst im vorigen Jahrhundert eine feministische Bewegung entstehen liessen, die an die Tradition der damals Hieronymus verfolgenden, reichen und darum selbstständigen Weiber anknüpft.
Simone Biles z.B. ist so eine. Im Kampf mit der Welt und sich selbst hat sie tapfer auf den Gewinn von olympischen Goldmedaillen verzichtet, eine Männerbelustigung der IOC-Mafia. Stattdessen geht sie, darin Megan Rapinoe ähnelnd, auf einen politischen Feldzug. Mit zahlreichen mit ihr solidarischen jungen Leistungssportlerinnen hat sie sich keinen geringeren Gegner gewählt, als das Federal Bureau of Investigation (FBI), das geschlagene 17 Monate abgewartet hat, um einer Strafanzeige wg. sexualisierter Gewalt im US-Turnsport nachzugehen. Was bleibt da, wenn mann ein Gegner der Todesstrafe ist? Lesen Sie hier die Berichte von Andrea Schültke/DLF und Thomas Winkler/taz. Den wie immer informativen Jürgen Kalwa hat die FAZ leider eingemauert.
Die begangenen Straftaten sind kein einzelner Akt. Sie sind, das arbeitet Biles in ihren öffentlichen Einlassungen treffend heraus, Teil eines Systems. Dieses System tut den Mädchen und Frauen nicht einfach nur weh. Es zerstört sie als Mensch, und ruiniert ihr Leben. Es stiehlt ihnen mittels einer lebenslänglichen Traumatisierung Elemente des Lebens, die zu den potenziell Schönsten hätten gehören können. Mehr Sadismus geht nicht.
Kapitalverbrecher “Ana-Coach”
Junge Männer im Alter jugendlicher Fussballprofis haben, kreativ wie sie sind, ein neues Sadismus-Modell entwickelt: der “Ana-Coach”. Der gräbt pubertierende Mädchen in asozialen Medien an, und richtet sie übers Hungern und Kotzen zugrunde. Abhängigkeit durch Selbsthass und Kontrollzwang – im neoliberalen Selbstoptimierungs-Kapitalismus mit Individualisierungs-Fetisch, eine einfache, geradezu “geniale” Waffe im Geschlechterkrieg.
Die nach Angaben der taz-Redaktion 15-jährige Autorin Carla Siepmann hat sich selbst als Lockvogel in erhebliche Gefahr gebracht, um authentisch über diese Arschlöcher reportieren zu können. Das ist ihr gelungen, Glückwunsch und Dank für diese frauhafte Leistung.
Und jetzt meine 100-Punkte-Frage: welche Konsequenzen zieht die Politik? Haben Sie im Wahlkampf irgendwas dazu gehört? Wie hoch ist der Anteil von Frauen an der Wähler*innen*schaft?