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Zwangspause für Verschwörungserzählungen

Nun ist es schon wieder passiert: Facebook, Whatsapp und Instagram waren stundenlang nicht erreichbar. Schon Anfang der vergangenen Woche ist das geschehen, ganze sechs Stunden lang waren die (a)sozialen Netzwerke und Messenger nicht erreichbar. Nachrichtensendungen zeigten verzweifelte Menschen, die angeblich ihre Verabredungen nicht einhalten oder ihre Eltern nicht erreichen konnten. Wie wärs mit telefonieren?  Das kann man mit Smartphones auch – und SMS schicken – eine Technik aus dem letzten Jahrhundert.

Was aber noch unterblieb, waren Millionen von Hassmails, rechter und terroristischer Kommunikationsmist, sinnlose kommerzielle Selbstbespiegelungen sogenannter “Influencer*innen” und jede Menge Fakenews. Unterm Strich ein Gewinn für die Gesellschaft. Ein finanzieller Verlust für die Oligarchen um Mark Zuckerberg und Co. Vor allem vor dem Hintergrund der Ansagen der Whistleblowerin und ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen, die Facebook als “Bedrohung für ihr Land und die ganze Welt” sieht, weil Profit vor Sicherheit gestellt werde. So würden die Algorithmen Gewalt, Extremismus, Terrorismus, Missbrauch nicht in der notwendigen Weise zurückdrängen.

„Die Dokumente, die ich weitergegeben habe, beweisen, dass Facebook uns wiederholt darüber getäuscht hat, was seine interne Forschung über die Sicherheit von Kindern, seine Rolle bei der Verbreitung von Hetze und polarisierenden Botschaften und so viele andere Dinge enthüllt.“ Facebook forme, zitiert die FAZ Haugen,  „unsere Wahrnehmung der Welt durch die Auswahl der Informationen, die wir sehen“. Dabei wisse bisher aber nur der Internetkonzern selbst, wie er den Newsfeed der Nutzer personalisiere.

Die Whistleblowerin forderte Regulierung, die das Unternehmen zu mehr Transparenz zwingen würde, etwa indem externe Forscher vollständigen Zugang zu Facebook-Daten bekommen. Anders als von Facebook dargestellt, seien die Probleme „lösbar“. Danach machen die beschriebenen drei Internetgiganten ihrer Bezeichnung als (a)soziale Netzwerke alle Ehre.

Handlungsbedarf der künftigen Koalition

Wie abhängig weite Teile der Gesellschaft weltweit von diesen (a)sozialen Netzwerken bereits sind, zeigen die Folgen des Ausfalls in Brasilien, wo Teile des Internethandels besonders bei der ärmeren Bevölkerung über diese Datenkraken abgewickelt werden. Die Enthüllungen Haugens machen aber auch klar, dass die Bundesregierung und die EU bisher viel zu wenig getan haben, um die Bürgerinnen und Bürger vor der Aktivität der Datenkraken zu schützen.

Volle Transparenz über die Algorithmen und Profilbildungen fordert Haugen – eine Forderung, die sich die Koalitionäre in Berlin, namentlich FDP und Grüne, mit in ihre Koalitionsvereinbarung schreiben sollten. Denn aus den  “Gesprächen” die Heiko Maas noch als Justizminister mit Facebook vor einigen Jahren geführt hat, sind ausschließlich windelweiche Kompromisse zugunsten des Datennetzes hervorgegangen, und die entsprechende Netzgesetzgebung gegen Hetze und Gewalt ist ein zahnloser Tiger.

Nur Schafe lassen sich zum zum “Follower” machen

“Nur Schafe lassen sich zählen!” war bezeichnenderweise 1987 die Überschrift eines Flugblatts der Volkszählungsboykott-Bewegung, die damals dem Land einen beachtlichen Schub an Datenschutzbewusstsein verschafft hat. Weitgehend unbeachtet dagegen bleibt heute – neben der Naivität im Umgang mit Daten –  die gesellschaftsverändernde Wirkung der (a)sozialen Netzwerke, die unterhalb jeder strafbaren Handlung liegt, aber sehr wohl Wirkung entfaltet.

So baut das Geschäftsmodell von Instagram auf die Förderung von übersteigertem Narzissmus und unreflektierter Gefolgschaft. “Follower” sind eben nicht selbstentscheidende Konsumenten, sondern Fans, Anhänger,  – Schafe, die sich lenken lassen und z.B. kaufen, was irgendwelche Internet-Sternchen ihnen unterjubeln.  – Manipulationen sind Tür und Tor geöffnet.

Das wurde auch anlässlich der Stellungnahmen zum Ausgang der Bundestagswahl deutlich, als AfD-Sprecher Chrupalla damit prahlte, das die AfD in den öffentlich-rechtlichen Medien ja so gut wie nicht vorgekommen sei, dass aber ihre Anhängerschaft in den sozialen Netzwerken in die Millionen ginge. Kein Wunder, kann man doch jede Menge Fake-Follower kaufen. Bei “Fanslave” etwa kosten 10.000 Follower 599 Euro.

Neben direkter Manipulation und Fakenews ist aber noch eine weitere Entwicklung zu beobachten, die insbesondere mit dem Messengerdiensten zusammenhängt.

Auch unterhalb der Strafbarkeit kulturelle Zerstörung

Viele Menschen, auch der älteren Generation übrigens, tauschen über Whatsapp Banalitäten aus, die – so zeigen es die stichprobenartigen Einblicke, die ich im persönlichen Umfeld habe –  neben persönlichen Grüßen und den unvermeidlichen Katzenvideos Späße oder Witze enthalten, über die ich zumeist nicht lachen kann. Denn wie in Witzheftchen der 50er Jahre – ja, so etwas gab es – enthalten die meisten Animationen dieser Art eine Menge Häme, Schadenfreude, unterschwellige Frauenfeindlichkeit, machen sich über Schwächere oder Ungeschickte lustig, und enthalten nicht selten auch stereotype Rassismen oder Vorurteile.

All dies findet weit unter der Schwelle offener Diskriminierung, Beleidigung oder extremistischer Angriffe statt. Die Mehrzahl der Machwerke ist, ähnlich wie entsprechende primitive Sendungen des Privatfernsehen im Stile “Der größte Trottel” oder “die dümmsten Polizisten” auf niedrigstem Niveau und  eigentlich nur peinlich. Ob sie soziale Wirklichkeit und das Verhalten ihrer Rezipienten beeinflussen und prägen, ist viel zu wenig untersucht.

Hier könnte aber eine nicht unwesentliche Ursache liegen, wenn wir das Absenken sozialer Hemmschwellen gegenüber Gewalt, zunehmender Hang zu Vorurteilen, die Erfolge von Verschwörungserzählungen und die Neigung zu Pauschalierungen und scheinbar einfachen Lösungen beklagen. Auch hier könnte die Koalition über ein Digitalministerium solide Forschung fördern.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel, Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Er arbeitet und lebt im Rheinland.

Ein Kommentar

  1. Heiner Jüttner

    Kann man nicht der/demjenigen, die/der das veranlasst hat, irgendeinen Preis verleihen ? Und sie/ihn fragen, wie man das macht. Man sollte das öfter mal wiederholen, das mindert dann auch die Sucht bzw. Abhängigkeit.

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