Im Zeichen der sich zuspitzenden Klimakrise schleichen Lobbyisten der existenzbedrohten Atomindustrie derzeit wieder durch diverse Hinterzimmer in Europa. Auf ihre skurrilen Botschaften ist nicht nur der französische Präsident Macron hereingefallen. Am 22. Oktober verkündete Kommissionspräsidentin von der Leyen, die EU wolle ein “Nachhaltigkeitslabel” und damit Milliardensubventionen für Atom- und Gaskraftwerke entwickeln. Auch Armin Laschet wurde von einem Keulenschlag der energiepolitischen Neandertaler gestreift, als er gegen jede historische oder politische Logik den Unsinn in die Welt setzte, man habe leider die falsche Energieart abgeschaltet – man hätte Kohle mit Atom tauschen können. Nach Three Miles Island, Tschernobyl oder Fukushima erstaunlich, mit welcher verantwortungslosen Dreistigkeit die Atomgefahr ausgeblendet wird.

Dieser Erfolg der Atomindustrie könnte sich vor allem als ein strategischer Schlag gegen die erneuerbaren Energien und die notwendige Erneuerung der Energieverteilung, sowie dem Übergang von einer Sauriertechnologie zur dezentralen Energieversorgung auswirken.

Selbst Fridays for Future getäuscht

Die Atomindusrie hat versucht, selbst Teile der FFF-Bewegung zu täuschen, die zu jung sind, um Tschernobyl oder Fukushima bewusst erlebt zu haben. Solarenergie und Windstrom bedeuten nämlich neben der notwendigen Speichertechnik, die nach wie vor nicht hinreichend schnell gebaut wird, vor allem dezentrale und verlustarme Verteilung von Elektrizität statt zentralistischer Versorgung über Mammutanlagen und weite, verlustreiche Transportwege. Übertragen auf die Wärmeversorgung würde eine Renaissance der Atomkraft in Europa bedeuten, dass anstelle von effizienten Heizungen in jedem Gebäude die Wärmeversorgung von etwa vierzig Riesenheizkraftwerken erfolgen würde – mit entsprechenden Leitungsverlusten und niedrigen Wirkungsgraden – aber hohen Profiten für die Betreiber der Anlagen. Zentralisierung der Versorgungsinfrastruktur bedeutet neben Anfälligkeit für Störungen auch immer Zentralisierung von Gewinnen und Subventionen.  Dass die in Deutschland tätigen Energieriesen E-ON, Vattenfall und RWE noch nicht auf den Zug zum Atom aufgesprungen sind, ist dem fortschreitenden Prozess der Dezentralisierung und dem Atomausstieg zu verdanken, der die Last der milliardenschweren Endlagerungskosten für Atommüll von ihnen genommen und dem Staat aufgebürdet hat.

Endlagerung weiter unsicher

Dass die sichere Lagerung von Atommüll bis heute ungeklärt ist, hier eine Technik betrieben wird, die einem Flugzeug gleicht, das gestartet ist, ohne dass es dafür irgendwo auf dem Planeten  eine Landebahn gibt, sollte seit 1986 Allgemeingut sein. Aber  Bildung und Wissen sind flüchtig und die Atomindustrie außerhalb von Deutschland ist ein industrieller Komplex, der von Subventionen geschaffen wurde, von Subventionen lebt und nach Subventionen giert. An der Atomkraft ist nichts ökonomisch und schon gar nichts CO² neutral. Ihre scheinbare Renaissance dieser Tage gründet sich auf Ammenmärchen. Denn allein Planung, Genehmigung und Bau eines AKW dauern 25-30 Jahre. Wenn Emmanuel Macron derzeit die Atomenergie als Lösung der Klimakrise darstellt, begeht er entweder einen Irrtum, der auf schlechten Beratern basiert und sich in der kommenden Wahl tödlich rächen kann, oder er streut den Franzosen wissentlich Sand in die Augen – was sich bei der kommenden Wahl ebenso tödlich rächen könnte.

CO² Neutralität eine glatte Lüge

Eine ganzheitliche Betrachtung des Zyklus der atomaren Energieerzeugung, die alle Immissionen berücksichtigt, wie sie inzwischen bei jedem Auto, Kühlschrank oder Fernseher gang und gäbe ist, zeigt, dass auch die angebliche CO² Neutralität der Atomkraft ein Märchen ist. Denn allein der Bau der bunkerartigen Gebäudeanlagen aus Beton und ihrer Aggregate verschlingt hunderttausende Tonnen CO², dazu der Uranabbau, die Erst-Aufbereitung des Brennstoffs, Zwischenlagerung, Abbau des AKW und  Endlagerung – ein weltweiter Problemkreislauf, der von Gebäuden, Anlagen und Transportmitteln jede Menge CO² produzierende Schutzmassnahmen verlangt. Dazu kommen die Kosten für Castor-Transporte, Wiederaufbereitung des Atommülls und die sozialen Kosten der Bewachung der Anlagen wie der Demonstrationen und des politischen Widerstands. Die Atomenergie wäre ohne Milliardensubventionen niemals ans Netz gegangen, sie hat zu keinem Zeitpunkt ohne Subventionen profitabel gearbeitet und sie ist unter Berücksichtigung der Entsorgungskosten ein ökonomisches Desaster, dessen Folgen zusätzlich noch eine ökologische Zeitbombe darstellen.

Der sozialistische Irrweg

Wer glaubt, diese beherrschen zu können, braucht eine Menge Vermessenheit oder Naivität. Ich konnte so eine Fehleinschätzung 1977 anlässlich eines DDR-Besuchs der Jungdemokraten – damals der FDP nahestehende Jugendorganisation – miterleben. Die Staatsjugendorganisation FDJ flog zur Widerlegung unserer Position, Atomkraft sei überall – im Sozialismus und Kapitalismus – unsicher, zwei Atomwissenschaftler ein – die zum Entsetzen der Staatsjugend unsere These bestätigten. Was der FDJ blieb, war das realsozialistische Dogma: “Allein wir als sozialistische DDR haben die Fähigkeit, den Atommüll 40.000 Jahre (die Halbwertszeit von Plutonium) zu bewachen.” 1986 explodierte das realsozialistische AKW in Tschernobyl und schon 4 Jahre später war der Spuk des realen Sozialismus vorbei. Soviel zu politischen Systemen, die Jahrtausende überdauern.

Ich würde gerne jenen, die aktuell noch oder wieder in der Atomkraft ihr Heil suchen, einen Deal anbieten: Nehmen Sie einen abgebrannten Brennstab im Castor mit nach Hause und in die Obhut Ihrer Familie, um einen ganz persönlichen Beitrag zur Zwischenlagerung bis zur Findung eines sicheren Endlagers zu leisten. Da aber dies die Ampelkoalition vermutlich nicht beschließen wird, können wir alle etwas für die Energiewende tun und die Petition gegen Von der Leyens absurde Pläne unterzeichnen.

Scharlatane und Phantasten der Gegenwart

Nachtrag:  Die Atomindustrie hat niemals aufgehört, mit neuen Projekten der Qualität von UFO-Sichtungen und Wunderheilungen Subventionen zu erschwindeln. Es ist schon erstaunlich, dass Grüne, als sie in den 80er Jahren Solar- und Windenergie forderten, als Spinner diffamiert wurden, während die industriellen Spinner von heute ernst genommen werden. Der Flugzeugtriebwerkshersteller Rolls Royce verfolgt laut “Kölner Stadtanzeiger” ein Projekt zum Bau eines Mini-Atomkraftwerks für den Antrieb von Lastwagen. Man stelle sich die physikanischen Lachnummer vor: Intensiv strahlende Atomhitze – kaum regelbar – wird umgewandelt in Dampf, der treibt eine Turbine an, diese einen Generator, dieser einen Elektromotor, dessen Strom wird zwischengepuffert in Batterien und treibt einen LKW an.  Und der havariert dann in einem nächtlichen Auffahrunfall auf dem Kölner Autobahnring – ein Ereignis, das jährlich dort mindestens dreimal stattfindet und für manchen Fahrer tödlich endet. Und in der Rolls-Royce-Version Teile einer Millionenstadt verstrahlen würde. Wer sowas für realsistisch hält, glaubt auch, dass rosa Elefanten fliegen können, wie Harald Lesch schön erläutert.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net