Die Herren Jakob Augstein und Bernd Ulrich haben sich unterhalten. Es geht um Grundsätzliches. Ich empfehle, diesen Text des Altlinken Joachim Hirsch dazu zu lesen. Beides selbstverständlich im Wachzustand Ihres eigenen kritischen Bewusstseins.
Zum Herrn Augstein als Person fiele mir viel Kritisches ein, Ihnen wahrscheinlich auch. Den Herrn Ulrich habe ich seit Anfang der 80er kritisch im Auge. Ähnlich wie der von mir bis heute hochgeschätzte Dietrich Schulze-Marmeling war er mal Urlaubsvertretung für die “Autonomen” im Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung; das war damals der sich selbst so verstehende “linke Rand” (wers glaubt). Das nächste Mal begegnete mir der Herr Ulrich als Bundestagsmitarbeiter von Antje Vollmer. Beide wurden damals von linken Grünen wie mich als Kurzzeitbellizist*inn*en (Erster Irakkrieg, frühe 90er) wahrgenommen. Von da aus gesehen haben sich beide bis heute doch erfreulich positiv weiter entwickelt. Ulrich ging später zum Holtzbrinck-Konzern, zunächst beim Berliner Tagesspiegel, danach übernahm er, immer ein wenig in dessen Windschatten segelnd, zusammen mit Giovanni di Lorenzo die Redaktionsleitung bei Die Zeit. Und Kompliment: nach meiner Kenntnis ist das die letzte auf Papier gedruckte deutsche Zeitung, die noch steigende verkaufte Auflagen bilanziert.
In den letzten Jahren erschienen mir seine publizistischen Interventionen immer der Debatte wert. Er versteht sich auf Zuspitzungen, um im allgemeinen Gerausche überhaupt wahrgenommen zu werden. Das hat er wiederum mit Augstein gemein.
Das ist nun gar nicht das Talent des staubtrockenen Altlinken Joachim Hirsch. Der verfügt dafür immerhin noch über Reste einer materialistischen Analyse. Das ist selten und damit wertvoll. An die Arbeit für Strategien müssen sich dann jedoch wieder Andere machen. Die Parteien, ihre Strukturen und ihr Personal, erweisen sich hierbei immer mehr als Ausfall. Fridays For Future ist mitten in einem intensiven Lernprozess, manches beginnt dort wieder “ganz von vorne”; das ist eine stark vergröbernde Redensart, denn Vieles stellt sich heute (s. Ulrich im Gespräch mit Augstein) sehr “neu” dar. Die Alten haben sich als unfähig erwiesen, ihr Erfahrungswissen adäquat weiterzugeben. Ich nehme mich da nicht aus. Dieser Blog ist ein Versuch, wenigstens daran zu arbeiten.
Praxis
Als ein Quell der Auffindbarkeit kämpferischer politischer Praxis erweist sich schon seit langem netzpolitik.org. Eine Reportage zum Arbeitskampf bei “Gorillas” u.a. Lieferdiensten (Franziska Rau). Sowie die gute Nachricht, dass die Überwachungsgelüste deutscher Behörden mal wieder eine Grenze bei der dritten Gewalt, in diesem Falle beim Europäischen Gerichtshof fanden (Anna Biselli).
Frieden durch Röhren?
Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre galten die Erdgasröhrengeschäfte des damaligen Mannesmann-Konzerns mit der Sowjetunion als ein Zeichen politischen Frühlings. Wer miteinander Geschäfte macht, schiesst nicht aufeinander. Das sorgte nicht nur für Arbeitsplätze, sondern auch für Nervenberuhigung der Öffentlichkeit. Die CDU/CSU verstand das damals nicht, und kassierte 1972 eine krachende Wahlniederlage – 44,9% wurden damals für sowas gehalten, ich war dabei. Manche in den Spitzengremien der Grünen verstehen es heute noch nicht. Darum sind ihre Wahlergebnisse gar nicht so überraschend, wie viele immer noch meinen. Die Geschichte wartet nicht auf sie.
Kommende bzw. schon gegenwärtige Pandemien
Wenn Sie jetzt keine schlechte Nachricht mehr verkraften, lesen Sie bitte woanders weiter.
Antibiotikaresistenzen sind, nicht nur nach Meinung von Junge-Welt-Autor Michael Kohler, ene Menschheitsbedrohung. Gegenwärtig sterben allein in der EU daran 33.000 Menschen jährlich, weltweit 700.000. Die WHO schätzt, dass es bis 2050 10 Millionen werden können. Ein Sachverhalt, der in keinem Verhältnis zu der darüber nichtexistierenden Aufregung steht. Weil er so mächtige Nutzniesser hat. Kohlers Text hat zwei Teile, hier der Erste. Der Zweite wird erst heute ohne Paywall zugänglich, und später werden beide in einem Paywall-Archiv verschwinden.