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Gelsenkirchen

Die Reihe “Zeitfragen.Feature” von DLF-Kultur ist ein redaktionell gut geführter Sendeplatz. Da wird nicht kurz mal was versendet, sondern sorgfältig gearbeitet. Dieser Verdacht bestätigt sich mir bei einer Langzeitdokumentation zu meiner Geburtsstadt Gelsenkirchen. Die erste Folge von Marius Elfering lief vorgestern. Weitere sollen am 22. März und 31. Mai folgen. Elfering, selbst in Köln-Bickendorf zuhause, ist nicht nur einmal kurz hingefahren, sondern hat sich offensichtlich länger dort aufgehalten. Und will wieder hin.
Das unterscheidet ihn vorteilhaft von den meisten Medienprodukten über diese Stadt, die selbst über kein grosses Medienhaus verfügt, das sich mit ihr verbunden fühlen könnte. Die in Elferings Beitrag auftretende Oberbürgermeisterin Karin Welge ist selbst Einwanderin, kam erst vor 10 Jahren als Karrierebeamte (Dezernentin) in die Stadt. In meiner persönlichen Ruhrgebietszeit im vorigen Jahrhundert konnte die SPD noch aus dem Vollen schöpfen – lang ist das her. Ihr Vorgänger Frank Baranowski, gleicher Jahrgang wie Frau Welge, aber sich nach 16 Jahren Amtszeit wohl viel älter fühlend, war noch eingeborener Gelsenkirchener.
So, wie ich es war. Ich lebte direkt an der Stadtgrenze nach Gladbeck, in Buer-Beckhausen. Schon zum Milchholen musste ich die unsichtbare Stadtgrenze überqueren. Der nächstgelegene Bus fuhr ebenfalls nach Gladbeck, wo ich später durchgehend zur Schule ging. Die ersten fünf Lebensjahre in einer ECA-Siedlung (als Mieter der Besitzerfamilie) waren einprägsam, weil auf der Strasse noch nicht die Autos, sondern die Kindermassen bestimmten, wer wie gut durchkam. Der damals gebräuchliche rassistische Umgangston sprach von einer “MauMau-Siedlung”. Die gleiche Siedlung ist heute ein friedhofsähnlich ruhiges Wohngebiet voller parkender PKW, 0 Kinder auf der Strasse, aber idyllisch zum Wohnen mit kleinen Gärten – die Zimmer dürften heute alle als “zu klein” empfunden werden. Aber dafür werden die beiden Stockwerke gewiss nur noch von je einem Haushalt bewohnt – sofern die Bewohner*innen noch die schmalen Treppen hochkommen.
Elferings Beschreibung der damaligen Gelsenkirchener City kann ich bestätigen. Sie war eine von Menschenmassen bevölkerte florierende Geschäftszone, der Essener City (“Essen – die Einkaufsstadt”) in nichts nachstehend. Heute kaum zu glauben: Gelsenkirchen hatte sogar ein wunderschönen Hauptbahnhof. War ‘ne schöne Zeit.
Ich bin gespannt, welche Chancen Autor Elfering der Stadt in den kommenden zwei Folgen im nächsten Jahr zubilligt. Eine Voraussage meinerseits: Städte wie Gelsenkirchen, Elfering zählt selbst vergleichbare Fälle auf, sind ohne Bundeshilfe aus ihrer Schuldenfalle nicht zu befreien. Die Finanzierung der Kommunen muss auf völlig neue Füsse gestellt werden. Wenn nicht, wird ihre Selbstverwaltung faktisch aufgegeben. Im Koalitionsvertrag der Ampelkoalition heisst es dazu (S. 128): “Im Rahmen der Bund-Länder-Finanzbeziehungen wollen wir den Kommunen bei der Lösung der Altschuldenproblematik helfen.” Die Spannung steigt.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

3 Kommentare

  1. Rolf Sachsse

    Lange Zeit war Gelsenkirchen die einzige Stadt im Ruhrgebiet mit einem eigens dafür angestellten Filmemacher, der jedes Jahr einen Stadtfilm produzierte. Sie sollten auf der Website der Stadt abrufbar sein: https://www.gelsenkirchen.de/de/rathaus/buergerservice/stadtarchiv/stadtfilme.aspx . 1972 wurde dann von Aktivist*innen ein Anti-Stadtfilm produziert, der scheint aber unauffindbar zu sein.

  2. Helmut Lorscheid

    Die haben nicht nur einen wirklich sehr schönen Bahnhof, sondern auch – übrigens in Bahnhofsnähe – ein Kunstmuseum, das man kostenlos besuchen kann. Teil seiner Sammlung ist eine Sammlung kinetischer Kunst, vorallem aus den 60ziger und 70ziger Jahren.
    Mehr: https://www.ruhrkunstmuseen.com/de/museen/kunstmuseum-gelsenkirchen/

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