Extradienst-Leser*innen könnten glauben, dass ich den Spiegel gar nicht lese, weil ich ihn so sch…..lecht finde. Im Grossen und Ganzen stimmt das ja auch. Aber für Sie lese ich ihn trotzdem, und habe zwei Rosinen gefunden, noch nicht einmal von Gastkolumnistinnen, sondern von Redaktionsmitgliedern.
Das ist zum einen Frankreichs Atompolitik. Die ist zum einen militärisch begründet. Ohne Atomwaffen sässe Frankreich nicht im UN-Sicherheitsrat, und hätte auch in der EU gegen die deutsche ökonomische Übermacht nichts mehr zu melden.
Spiegel-Neuerwerbung Viola Kiel, aus einer der dort ansässigen journalistischen Eliteschulen, hat sich die französischen Atomanlagen angenehm gründlich angeschaut, und ist wenig überraschend zu desaströsen Ergebnissen gekommen. Daraus lässt sich auf kurzem Wege die panikartige Politik französischer Präsidenten und Regierungen ableiten. Sie sind nicht unabhängig, sondern beim staatsmonopolistischen Atomkapital in der Falle, ausbruchssicher im Käfig. Wenn die Politiker*innen nicht – komfortabel bezahlt und ausgestattet – mitmachen: Stromausfall. Vielleicht sogar, obwohl sie mitmachen. Beim nächsten Dürresommer, in dem das Kühlwasser knapp wird.
Silke Fokken und Heike Klovert berichteten schon vor einigen Tagen über Studien zu Selbstmordversuchen von Kindern und Jugendlichen in der Coronakrise. Ein skandalös unterbelichtetes Thema, woraus sich auch der von den Autorinnen beklagte mangelhafte Forschungsstand erklärt. It’s the economy, stupid! Folgerichtig ist der clickschädliche Text auch von der Spiegel-Startseite verschwunden.
Kaltenbrunner
Nun zum publikationsfreudigen Robert Kaltenbrunner vom in Bad Godesberg ansässigen Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Kaltenbrunner ist dort “Leiter der Abteilung Wohnungs- und Bauwesen”, schreibt aber besser, als es dieser Titel befürchten lässt. In der FR plädiert er unter dem Titel Mobilität: Von der Freiheit jenseits des Autos – Der Straßenraum war nicht immer so ungleich verteilt, und dass Menschen den Verkehrsfluss stören, ist unlogisch. Denken wir also über die nahe Zukunft unserer Mobilität nach.” wie ich für Shared Spaces. Seine Vermutung, “dass es nur in Dörfern und Kleinstädten funktioniert” halte ich für falsch. Oder wir definieren einfach Beuel als Kleinstadt.
Stadtplaner*innen haben längst festgestellt, dass die Mehrheit der Menschen “das Dorf in der Stadt” suchen. Alle lieben das Dorf, nur nicht seine Nachteile (CDU-Herrschaft, katholische Geistliche als Boss, dafür kein Arzt, kein Theater und nur tiefklassiger Fussball – von Männern, ohne Frauen; alle Jugendlichen ab 12 versuchen abzuhauen). “Shared Spaces” wären definitiv kein Fluchtgrund – jedenfalls wenn es einen guten Bahnanschluss gibt.
Mann muss ja nicht immer einer Meinung sein. Richtig ist auch, was Kaltenbrunner bei telepolis platziert hat: “Öko und Techno – Warum auch hochverdichtete Städte Natur und Grün brauchen”. Bonn mit seiner Wohnungsnot ist ein klassischer Fall für diesen Konflikt. Am Standort des Hotel Bristol sollen nach dem Abriss Wohnungen entstehen, die noch weit teurer sind, als es dort die Zimmer waren. Solche Wohnungen braucht niemand, die*der wohnen will, sondern nur Kapitalanleger*innen aus aller Welt. It’s the economy, stupid!
Russlandpolitik
Und wenn Sie schon bei telepolis sind, empfehle ich Ihnen noch Bernhard Gulka mit einem Text, der den erregten Kollegen der nachdenkseiten guttun würde: Russische Experten mahnen Verständigung mit Nato an – Das politische Klima zwischen Russland und dem Westen ist katastrophal. Regierungsnahe Fachleute setzen ihren Einfluss mäßigend ein – bisher leider nur auf einer Seite”.