Zeitgenössisches Marketing oder ein echter Wandel durch Kultur? Saudi-Arabien setzt zum Quantensprung in die zeitgenössische Kunst an. Eindrücke einer Rundreise durch die Kunstwelt auf der Arabischen Halbinsel

Eine silbern schimmernde Lache am Ende des Horizonts mitten in der rostroten Wüste, 400 Kilometer nordwestlich von Medina. Von Weitem ist es nicht genau zu erkennen: Liegt da ein See oder spiegelt es bloß in der flirrenden Hitze? „Geography of Hope“, die Arbeit des Künstlers Abdullah Al Othman, funktioniert nach dem Fata-Morgana-Prinzip.

Das Werk, eine von 15 monumentalen Skulpturen, die das Kunstfestival „Desert X“ nahe der Oase Al Ula platziert hat, einer der ältesten Städte der Arabischen Halbinsel und Unesco-Weltkulturerbe, ruft das Wunder auf, das der Verdurstende in der Wüste erhofft. Und ungefähr so wertet der Besucher Saudi-Arabiens in diesem Frühling die unerwarteten Zeichen im Alltag des Landes. Ob es nun die ausgelassene Rooftop-Party nach einer Vernissage von Riads mondäner Athr-Galerie ist oder der spontane Jubel in der Haupthalle des King-Abdulaziz-Flughafens der Hauptstadt, als eine junge Frauen-Volleyball-Gruppe nach dem spektakulären Sieg bei der College-Meisterschaft des Landes aus dem Gate tritt.

Die Frage, ob demnächst gar Alkohol in Saudi-Arabien erlaubt sein wird, ließ des Landes berüchtigter Kronprinz Mohammed bin Salman gerade in einem aufschlussreichen Gespräch, bei dem ihm das Magazin The Atlantic wegen des ihm zur Last gelegten Mordfalls Jamal Kashoggi auf den Zahn fühlte, unbeantwortet.

Überall wird dem Besucher freilich zugeflüstert, dass bereits Bars gebaut werden. Coole Clubs und Restaurants sind abends rappelvoll mit Gästen beiderlei Geschlechts. Sind wir wirklich in dem muslimischen Königreich, das als eines der autoritärsten und konservativsten der Welt gilt?

„Vision 2030“ nennt sich die Strategie, mit der der ruchlose Prinz 2016 sein Land aus der Zwangsjacke des sklerotischen Wahhabismus lösen wollte und das nun mit lächelndem Antlitz an allen Straßenecken plakatiert ist. So umstritten sie ist – markant an diesem Versuch rabiater Modernisierung ist, dass sie massiv auf Kultur, auf Kunst setzt.

Bin Salman gründete mit „Misk Art“ ein eigenes Kunstinstitut, ließ Popkonzerte und Formel-1-Rennen zu. Die Zahl der Ausstellungen überschlägt sich. In dem winzigen Wüstenort Al Ula, der nun zum Touristenhub aufgepeppt wird, öffnete die Athr-Galerie eine Dependance.

Künstler werden zu Residencies in den weitläufigen Palmenhain Mabiti eingeladen. In einem riesigen, verspiegelten Kubus mitten in der Wüste präsentiert Basma al Sulaiman, noch ein Royal und Mitbegründerin des Saudi Arts Council, ihre Sammlung zeitgenössischer saudischer Kunst.

Fragt sich freilich, wie glaubwürdig dieses Bekenntnis ist. Schließlich werden in dem Land weiter Homosexuelle hingerichtet, Hunderte Menschenrechtsaktivist:innen sitzen in Haft. Und welche Grenzen der Freiheit der massiv promoteten Kunst gesetzt sind, lässt sich an dem jüngsten Produkt ablesen: der kürzlich eröffneten Diriyah-Biennale.

„Crossing the River. Feeling the Stones“ hat der Pekinger Kurator Philip Tinari die erste saudische Kunstbiennale passenderweise mit einem Motto des chinesischen Umbruchs der 1970er Jahre übertitelt. Wie China ist Saudi-Arabien eine Diktatur.

Die Biennale kopiert ihre internationalen Vorbilder. Eine coole Fabrikhalle mit illuminierten Lounges, bodentiefe Fenster geben den Blick auf das alte Wadi in dem historischen Stadtviertel Riads frei, nach dem die Biennale benannt ist. Wirklich offensiv geht Tinaris Parcours von 60 Kunstwerken die saudischen Widersprüche aber nicht an.

Niemand hatte erwartet, dass eine Biennale, der der saudische Kulturminister Prinz Badr bin Farhan vorsteht, Abdulnasser Gharem einladen würde, einen der wichtigsten saudi-arabischen Künstler. 2019 hatte der auf der Art Basel mit seiner Installation „The Safe“ den Raum im saudischen Konsulat in Istanbul nachgebildet, in dem Jamal Kashoggi ermordet worden war.

Aber unbestreitbare Herausforderungen wie die Menschenrechte in dem Land oder dessen Rolle in dem internationalen Krieg gegen den Jemen spielen auch andeutungsweise in der Biennale keine Rolle.

Immerhin Zahra Al Ghamdis braune, wie Wolkenkratzer in die Höhe gezogenen Lehmnetze thematisieren die rapide Gentrifizierung in dem Biennale-Viertel. Dafür geht aber eine eigene Sektion „Concerning the Spiritual“ dem „tieferen Nachdenken“ in einer Zeit von „Aufruhr und Übergang“ nach.

Christine Macel wusste schon, warum sie es ablehnte, Jurorin der „Desert X“-Schau zu werden. 2019 kuratierte die Kuratorin am Centre Georges Pompidou in Paris die Venedig-Biennale. „Ich wollte nicht für den Staat arbeiten“, sagt sie mirwährend des Besuchs. Die schicke Biennale hat das Festival „21,39“ in den Schatten gestellt, das Anfang März in Dschidda eröffnete. Die nach den geografischen Koordinaten der alten Hafenstadt benannte alljährliche Schau ist eine Art Gegenentwurf zur Diriyah-Biennale.

Bei ihrer Gründung 2014 legten eine Gruppe kunstbegeisterter Familien jeweils 50.000 Riad dafür auf den Tisch – ein Beispiel zivilgesellschaftlicher Selbsthilfe im Gegensatz zur alimentierten Staatsbiennale in Riad, einem Leitprojekt der „Vision 2030“.

„Amakin – Places“, mit dem Motto der Schau setzt die britische Kuratorin Venetia Porter, Islamwissenschaftlerin des British Museum, in diesem Jahr auf ein etwas traditionelles Storytelling, um an die während der Pandemie vermissten Plätze zu erinnern.

Die Menschenrechte in Saudi-Arabien oder dessen Rolle im Krieg gegen den Jemen spielen in der Biennale keine Rolle

Es ist erkennbar, wie viele Arbeiten durch den Kontext geprägt sind. Sie nehmen die Gebetsnische der Moschee, das Motiv religiöser Meditation oder die Kaaba in Mekka als Bezugspunkt. Zu sehen ist aber auch eines der ikonischen Porträts von Reem Al Faisal, Enkelin des Staatsgründers und Pionierin der saudi-arabischen Fotografie: eine junge Frau im Souk, den Kopf skeptisch nach hinten gewendet.

Und die zeichnerischen Versuche der Adoleszenzbewältigung von Obadah Aljefri würden hierzulande vermutlich als queere Identitätssuche durchgehen. Einmal ist der junge Künstler als unschuldiger Junge im Ringelpullover, dann als frivoles violettes Fabelwesen mit Pfeil und Bogen zu sehen.

„21,39“ ist aber genauso ein Beweis, dass die Kunstszene nicht nur ein Feigenblatt der Modernisierung von oben ist wie der Riader Non-Profit Artspace „Um Slaim“.

In einem alten Schnellimbiss des gleichnamigen, früher von den indigenen Najdis bewohnten Stadtviertels an der alten Stadtmauer haben die jungen Architektinnen Sara Alissa und Nojoud Alsudairi ein gleichnamiges Kollektiv gegründet, das die vergessene Architekturgeschichte der Stadt kartiert.

„Es ist ein Wunder, was in diesem Land passiert“, staunt die Beiruter Galeristin Naila Kettaneh-Kunigk, gerade zu Besuch bei den beiden. So geht es auch vielen Einheimischen. „Es geht so schnell. Noch vor Korzem wäre das alles unmöglich gewesen“, sagt Nasser Al Salem beim Besuch in seinem Studio in Dschidda.

Der smarte, 28 Jahre alte Architekt hat ein Symbol für das Unabsehbare der saudi-arabischen Modernisierung gefunden. „Simultaneity“ hat er einen minimalistischen, im Raum schwebenden Stahlreifen genannt. In dessen Mitte ist das Wort „Amma Baad“ eingeflochten.

Wörtlich übersetzt lautet die rituelle Formel aus der Koranrezitation so etwas wie: „Was danach kommt“. Der fromme Spruch ließe sich vielleicht so übersetzen: Wir werden sehen, wie dieser Quantensprung in die Kunst am Ende ausgeht.

www.desertx.org/dx/desert-x-alula

www.biennale.org.sa

www.thesaudiartcouncil.org

Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

Über den/die Autor*in: Ingo Arend