Beueler-Extradienst

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Blick einer Mediatorin

Mit meiner Sicht auf den Ukrainekrieg

Bevor ich einen Mediationsauftrag annehme, kläre ich mit allen Konfliktparteien u.a., ob der Konflikt überhaupt mit einer Mediation zu lösen sein könnte oder ob die Eskalation so weit fortgeschritten ist, dass dieses Verfahren nicht mehr greifen kann bzw. auch missbraucht werden könnte. Dazu betrachte ich den dargestellten Konflikt in seinen Eskalationsstufen und nutze dabei u.a. das Eskalationsstufenmodell von Friedrich Glasl*, das ich im Folgenden kurz anreiße.

Sowohl gute zwischenmenschliche Beziehungen als auch die Demokratie brauchen eine produktive Streitkultur und werden auf Auseinandersetzungen, Austausch unterschiedlicher Sichtweisen, Standpunkte und Interessen aufgebaut. Wie beginnen Dialoge, produktives demokratisches Streiten in destruktive Konfliktaustragungen zu kippen?

9 Stufen der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl*

Es beginnt meist harmlos mit Missverständnissen, mit Ungeduld, Verärgerungen und Verhärtungen in der Darstellung. Die Sicht der anderen Seite wird nicht mehr als solche wahrgenommen oder verliert an Wert. (Stufe 1).

Aus den Streitgesprächen werden polemische Debatten (Stufe 2) und wenn sich dadurch die eigene Position nicht durchsetzen lässt, folgen Taten statt Worte (Stufe 3). Bis hierhin können die Beteiligten u.U noch alleine herausfinden, wie sie ihren Dialog produktiv weiter führen zu können. Es ist wie ein „gegen die Strömung schwimmen“ in einem Bergbach, der noch nicht reißend die Schlucht herunter stürzt. Konflikte neigen aber dazu zu eskalieren, wenn man sie alleine lässt und nicht beachtet. Leider werden die ersten Stufen der Konflikteskalation oft nicht als solche wahrgenommen oder missachtet.

Im weiteren Eskalationsprozess versuchen die Konfliktparteien ihr eigenes Selbstbild zu stärken und die Gegenseite als Feindbild aufzubauen, Misstrauen regiert, dieses wird weiter moralisch untermauert „wir sind die Guten, der Gegner ist es nicht“. Verbündete werden angeworben. (Stufe 4)

Zunehmend wird als Rechtfertigung die Haltung: „der Zweck heiligt die Mittel“ verwendet. Es geht auch darum, Gesichtsverlust zu verhindern, Misstrauen wird geschürt und bis zur Dämonisierung der Gegenseite weitergetrieben. (Stufe 5)

Dann folgen offene Drohstrategien und Forderungen, die mit Sanktionen verknüpft werden. (Stufe 6) Ab Stufe 6 kann eine Mediation nicht mehr wirklich etwas bewirken. Der Fluss ist auf seiner Talfahrt zu einem reißenden Strom geworden und reißt alle, die sich darin befinden, mit. Hier bedarf es vieler Helfer oder mächtiger Werkzeuge, um die Flut abzuleiten, ihr die Wucht zu nehmen. oder anders gesagt: es braucht die Intervention eines stärkeren Mächtigeren von außen oder / und viele Interventionen anderer neutraler Kräfte, um die Streitenden zu trennen, Abstand zu schaffen, Puffer zu bilden, Waffenruhe zu erwirken.

Erfolgt dies nicht, geht die Talfahrt weiter, schneller und das vorbeirauschende Ufer kann nicht mehr wahrgenommen werden. Rationale Gründe sind weit im Hintergrund, Emotionen werden befeuert und immer regressiver. Es folgen begrenzte Vernichtungsschläge, Menschen werden entpersonalisiert, es geht ums Ganze, um Rache. Die Gewaltspirale ist im vollen Gange. (Stufe 7)

Es geht darum, den anderen zu zerstören und das entweder physisch, wirtschaftlich, psychisch und sozial oder auf allen Ebenen. Der eigene Einsatz wird immer mehr gesteigert, es gibt kein Zurück (Stufe 8), bis es dann bei weiterer Eskalation keine Rolle mehr spielt, ob man selber und alle, die verbündet sind, auch dabei drauf gehen. „Gemeinsam in den Abgrund“ heißt dann diese tiefste und entsetzlichste Eskalationsstufe. (Stufe 9)

Je nach dem Grad der Eskalation sind zum Beenden eines Konfliktes andere Maßnahmen erforderlich. Angesichts der Dynamik von Konflikten ist es wichtig, die Interventionsmöglichkeiten richtig einzuschätzen und rechtzeitig entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Diese Maßnahmen sollten darauf abzielen, die Eskalationstalfahrt zu durchbrechen. Dazu ist es extrem wichtig, niemals die direkte Kommunikation abbrechen zu lassen. Alle Kanäle zu den Beteiligten sind im Gegenteil zu nutzen und zu verwenden, um die Gewaltspirale zu durchbrechen. Dabei hilft es, an die positiven Seiten der Beziehungen, an den Gemeinsamkeiten anzuknüpfen. Diese Grundsätze gelten ziemlich unabhängig davon, um welche Art des Konfliktes es geht und ob er zwischen Individuen, Gruppen, Ländern herrscht.

Soweit aus meiner Arbeit als Mediatorin.

Jetzt zu meiner Sicht als Mediatorin auf den Krieg in der Ukraine:

Man hat noch nie allein militärisch einen Konflikt lösen können, das passiert evtl. hinterher, wenn nach dem Ende die Verhandlungen beginnen – aber dazu bedarf es der Aussicht auf ei Ende, in dem es noch einen Spielraum für Verhandlungen gibt.

Mit Diktatoren, Despoten zu verhandeln ist gängiges Handwerk von Diplomaten oder sollte es zumindest sein! Das bedeutet keine Anerkennung de jure aber eine de facto, die ja i.d.R. zu dem Zeitpunkt auch tatsächlich besteht. Und das passierte ja auch immer wieder als Notwendigkeit, egal ob es um die Taliban, die IRA, den saudischen König oder …. oder….. ging und geht.

Für Anklagen, Schuldzuweisungen, Opfer-Täterausgleich, politische Analysen. Reparationsforderungen, Überlegungen über neue Grenzziehungen, Verträge o.ä. etc ist später noch Zeit – jetzt geht zunächst darum, alles zu tun, damit die Waffen ruhen. Das muss höchste Priorität bekommen.

Frieden schaffen heißt, sich gegen die Gewaltausbrüche auf beiden Seiten zu wenden. Und immer wieder an die Gemeinsamkeit mit allen Menschen zu erinnern: Wir (wir Menschen, wir alle) wollen leben! Wir wollen Frieden und das geht nur, indem die Waffen niedergelegt werden. Unerheblich dabei ist, wer damit beginnt. Denn das Arbeiten an einer Lösung eines Konfliktes, beginnt immer erst nach dem Waffenstillstand. Je später die Waffen ruhen, desto mehr Tote gibt es, desto schwieriger werden spätere Verhandlungen. (Ein Blick auf die Situationen in die Länder, in denen ein Krieg beendet wurde, spricht doch für sich – Afghanistan, Libyen, Irak, Kosovo etc)

Wir individuell und persönlich haben keinen direkten Einfluss darauf, wann und ob Putin seine Truppen zurückzieht, Selenski die weiße Flagge hebt und auch keinen oder nur geringen Einfluss darauf, unsere Regierung zu stoppen und zum Umdenken zu bewegen – auf der Ebene können wir nur hoffen und beten.

Wir können uns an humanitären Hilfsaktionen beteiligen und in der Flüchtlingshilfe engagieren. Und wir können im unmittelbaren Umfeld für Diskussionen sorgen, anregen, die Perspektive zu wechseln und uns nicht vergessen lassen, worum es uns vor allem gehen sollte – nämlich vorrangig Leben zu schützen und nicht Leben zu nehmen.

Ich möchte dazu beitragen, dass wir zusammen zu der produktiven Auseinandersetzung, dem konstruktiven Streiten und Dialogisieren zurückkommen. Wir benötigen dies als kulturelle Herausforderung besonders in der jetzigen Zeit für das Bestehen unserer eigenen deutschen demokratischen Grundordnung und für alle unsere Beziehungen.

Und wir benötigen die Vision eines friedlichen Miteinander. Wie sollen wir das erreichen, wenn wir selber im Gewaltdenken verhaftet bleiben?

Die Rolle Europas sollte a.m. Sicht, angesichts der geographischen Nähe zu den Atommächten, nicht eine militärisch starke, sondern eine puffernde, abfedernde, neutrale, durch starke Verbindungen auf wissenschaftlichem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet bestechende Friedensregion sein.

Die 1990 begonnenen Überlegungen zu einer europäischen Friedensordnung sollten auf keinen Fall fallengelassen, sondern wieder aufgenommen werden.

Ich schreibe, weil Kommunikation mein Weg ist, durch Austausch meine Position zu entwickeln und ggf auch zu verändern. Erheblich inspiriert hat mich dazu auch in Bezug auf die folgenden Lösungsansätze ein Webinar mit Prof. Friedrich Glasl **

  • Ich möchte der von den Medien aufgeheizten Stimmung und Sprache in meinem direkten Umfeld das Feuer nehmen, der Eskalation in den Gesprächen und in der Haltung zum Gegner entgegentreten. Wahrzunehmen, dass es eine andere Sicht auf das Geschehen gibt, heißt noch lange nicht, diese zu akzeptieren! Respekt gilt immer den Menschen gegenüber und nicht unbedingt deren Meinung oder Handeln.
  • Wenn ich von Möglichkeiten des kulturellen Austausches, oder von sportlichen, wissenschaftlichen und persönlichen Kontakten wüsste, würde ich diese nicht abbrechen, sondern im Gegenteil im Sinne seiner Gemeinsamkeit fördern.
  • Gemeinsame Veranstaltungen mit russischen und ukrainischen Menschen möchte ich unterstützen. Wenn es eine Lehre aus der Friedensarbeit und der Arbeit mit Aktion Sühnezeichen für mich gibt, dann wie wichtig es ist, die Menschen im sogenannten Feindesland nicht zu verteufeln, sondern mit ihnen zusammen zu kommen.
  • Sollte ich mich doch zu einer Demo aufraffen, dann mit dem Slogan: Die Waffen nieder!! Wir wollen keinen Krieg!! (Wir nicht, die ukrainische Bevölkerung nicht und die russische Bevölkerung sicherlich auch nicht.)

Hier einige Zitate, die mir auffielen….

Krieg ist eine Auseinandersetzung, bei der sich viele, die sich nicht kennen, töten auf Befehl von wenigen, die sich sehr wohl kennen, sich aber nicht töten! (Unbekannt)

“Es ist leicht, für den Frieden auf die Straße zu gehen, aber ungleich schwerer, es ohne Feindbilder zu tun”. (ehemaliger Direktor der Ev. Akademie Pfalz, Pfarrer Volker Hörner)

“Ich mahne unablässig zum Frieden; dieser, auch ein ungerechter, ist besser als der gerechteste Krieg.” (Cicero, Ad Atticum, VII, XIV, 3 (meist sinngemäß verkürzt: “Der ungerechteste Frieden ist besser als der gerechteste Krieg.”)

 

* Friedrich Glasl: Konfliktmanagement, Diagnose und Behandlung von Konflikten in Organisationen (Haupt/Bern/ Stuttgart 2020)

** „Konfliktdynamik und Friedenschancen in der Ukraine: was können wir zur De-Eskalation und zum Frieden beitragen mit Prof.Dr.Dr.h.c. Friedrich Glasl“ „Trigon Entwicklungsberatung“ in Kooperation mit dem Bundesverband Mediation

Über den/die Autor*in: Maren Kops-Wißmann (Gastautorin)

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

Ein Kommentar

  1. Christian Wolf

    … das liest sich anschaulich, nachvollziehbar. Blicke ich zurück, auf Verdun, die Blutpumpe, da haben auf beiden Seiten friedliche Pfarrer gestanden und für ihre Truppe einen gerechten Krieg erbetet. Gekämpft dafür haben Soldaten, die zu nichts anderem ausgebildet wurden, als Menschen zu töten. Beide Seiten wurden vorher auf das Massaker eingestimmt. De-Eskalation kann also nur seitens der Führung beschlossen und befohlen werden – und Soldaten führen Befehle aus.

    Mir würde es besser gehen, wenn Soldaten zu mehr Eigenständigkeit und Verantwortung für sich selbst ausgebildet würden. Vor einer Auseinandersetzung. Dann müsste De-Eskalation nicht befohlen werden, die würde in der Truppe greifen, bevor der erste Schuss fällt.

    Wir, die „Guten“ im Westen sind da ja viel weiter, wir sind so gut, dass Facebook in aller Grossmütigkeit erklärt, das Hassrede und Gewalt gegen Russland nicht mehr unterdrückt wird.

    Aber wir sind die „Guten“, da darf ein amerikanischer Konzern entscheiden, was richtig ist.

    Und ein paar Russen kann man ja mal erschlagen, weil die sind ja so böse…

    Hmm, fragt sich wo De-Eskalation anfangen soll, ich weiß es nicht, wir sind ja die „Guten“, sagt Facebook.

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