Der Herausgeber dieses Blogs hat sich schon in der Vergangenheit immer wieder als Schätzer guten Essens und guten Weins gezeigt. Deshalb erscheint es mir ein völlig unakzeptabler Fauxpas, die Wahl im Saarland und damit das Solche derartig zu ignorieren. Da er seine Reklame heute schon geschrieben hat, kann ich mich jetzt hier an ihm vorbeischmuggeln. Ich wähle einen persönlichen Zugang, um Ihnen das Wahlergebnis analytisch näher zu bringen – um es zu verstehen, muss man eigentlich nur das Saarland verstehen und das geht eigentlich nicht theoretisch. Mein erster Lehrmeister über das Saarland hieß Walter Unverricht. Ich war von 1979 bis 81 offiziell, später heimlicher Bundesschatzmeister der Jungdemokraten. Walter wurde mein Finanzreferent – Zinsknecht nannten wir das – und er kam aus dem Saarland. Von ihm lernte ich schnell die wichtigsten Dinge:

1. Hauptsache Gutt Gess – Gschafft is schnell!

Beim Essen der unter starkem franszösischem Einfluss stehenden, wegen der ehemals vielen Bergleute traditionell rustikalen Küche darf man sich Zeit lassen. Der/die Saarländer*in wird sich beim Essen nie hetzen lassen. Das musste auch jener bayrische Oberkommissar Franz Kappl von seinem Assistenten Stefan Deininger lernen, der in den “Tatort”-Folgen Nachfolger von Max Palu wurde.

2. Im Saarland kennt jede*r jede*n.

Bei 750.000 Einwohner*innen eigentlich kaum möglich, aber es ist so. Warum, kann keiner erklären. Fahren Sie hin, sprechen sie mit den Leuten, probieren Sie es aus, Sie werden es sehen. Wahrscheinlich kommt es auch daher, dass Saarländer in Regierungen oft überproportional vertreten sind: Kramp-Karrenbauer, Heiko Maas und Peter Altmaier gleichzeitig, Erich Honecker viel zuviele Jahre hintereinander. Und Oskar Lafontaine, der dreimal mit absoluter Mehrheit als SPD-Ministerpräsident gewählt wurde, ihn kannten alle und er kannte sie alle – auch die Zuhälter im Saarbrücker Rotlichtmilieu.

3. Im Saarland gehen die Uhren anders.

Die Grünen sind hier jahrelang nicht ökologisch, sondern korrupt durch den langjährigen Landesvorsitzenden Hubert Ulrich, der sich von einem FDP-Unternehmer für eine Jamaika-Koalition kaufen lies.  Die FDP ist traditionell rechtsextremistisch bis auf dem rechten Auge blind, feierte noch 2005 als ihren hervorragender Vertreter und Exvorsitzenden den ehemaligen NSDAP-Funktionär Heinrich Schneider MdL, der in den 50er Jahren die Partei prägte, die wegen seiner NSDAP-Vergangenheit von 1951-55 von der französischen Protektionsmacht verboten war. Und noch zum 28.4.2020 lud die “Villa Lessing” Saarbrücken, das Gegenstück zur Friedrich Naumann-Stiftung der Bundes-FDP, zu einer Veranstaltung “Roland Tichy im Gespräch mit Dr. Markus Krall” selbsternannter “Revolutionär”, der allen, die studieren, Arbeitslosengeld oder andere Unterstützung beziehen, das Wahlrecht entziehen möchte und regelmäßig bei der AfD auftritt.

4. Das Saarland ist klein und man ist schnell durch

Das stimmt, aber im Saarland bin ich gerne und genussvoll Motorrad gefahren. Es gibt viel Landschaft pro Quadratkilometer, die Saarschleife und viel alte Industriekultur der Montanwirtschaft, aber es gibt auch ein neues Standbein mit der IT-Forschung an der Uni Saarbrücken. Und ich habe im Saarland mein schönstes Motorrad gekauft – eine Yamaha FZR 750 R 1988 – davon gab es weltweit nur 104 Exemplare, ich habe meine Nr. 3CT – 104 im Saarland 1989 erworben und sie macht mir bis heute Freude.

5. Die Saarländer sind deutsch, frankophil, europäisch, friedlich und liebenswert.

Wie ihre Schicksalsgenoss*inn*en in Elsaß und Lothringen sind die Saarländer*innen gleichzeitig zwischen den “Erzfeinden” Deutschland und Frankreich hin und hergerissen, aber immer auch flexibel, auf Verständigung und Ausgleich aus. Sie lieben das Leben, den Genuss und die Menschen und deshalb kann ich es nicht als Zufall betrachten, dass eine meiner größten Lieben aus dem Saarland kam.

6. Saarländer sind friedlich

Ich habe 1983 in Saarbrücken auf einer Kundgebung der Friedensbewegung gesprochen – 25.000 waren da und das war viel für Saarbrücken. Was mich am meisten beeindruckt hat, war in der Tat, dass ein leibhaftiger Ministerpräsident – genau dieser Oskar Lafontaine dort mit dabei war. Er hatte in einem Land, das lange von der CDU/FDP regiert worden war, eine klare Meinung und er äußerte sie klar und deutlich – auch in der Friedensbewegung, die alles andere, als etabliert war.

7. aber manchmal auch eigen(artig)

Obwohl es im Saarland leckere Weine gibt und man/frau wie oben beschrieben auch kulinarisch überhaupt nicht verstecken kann, gibt es in Saarländischen Kneipen auch so komische Getränke wie RoKo oder Rotwein-Kola zu bestellen. Als ich das zum ersten Mal trank, hatte ich ein Gefühl irgendwo zwischen illegalem Grenzübertritt und staatlich geförderter Prostitution.

Fassen wir zusammen:

  1. Die Ursachen des Wahlausgangs sind so eindeutig wie trivial: Oskar Lafontaine, den sie alle kennen, und der sie alle kennt, hat durch seinen Austritt aus der “Linken” signalisiert, dass seine Anhänger*innen gerne wieder SPD wählen können. er hat damit der SPD zum vierten Mal im Saarland zur absoluten Mehrheit verholfen.
  2. Anke Rehlinger ist eine starke Frau. Sie hält den saarländischen Rekord im Kugelstoßen und im Diskuswurf und sie ist auch sonst politisch nicht blöde, gegenüber Heiko Maas sogar eine intellektuelle Ausnahmeerscheinung. Ihr trauen die Saarländer*innen zu, dass sie sie auch in Kriegszeiten beschützt. Die braucht keinen Lafontaine.
  3. Tobias Hans hat sogar etwas mit Wladimir Putin gemeinsam: Er wurde ohne Wahl Ministerpräsident, wie Putin Nachfolger von Jelzin, wurde er Nachfolger von AKK ohne eigene Wahlen – aber er war nicht überzeugend genug. Aber werden wir nicht geschmacklos: Gravierender war wohl die Selfie-Nummer mit den Benzinpreisen an der Tankstelle und seiner Forderung nach einer “Benzinpreisbremse”. Das ging voll in die Hose. Denn die Saarländer*innen sind weder doof, noch gutgläubig, noch unsozial. Dafür haben sie eine zu lange Bergmannstradition. Da hilft auch kein Hansi-Tobbi-Fliewatüüt-Robbi.
  4. Wenn es genug zu essen und guten Wein gibt, wenn Frankreich nah und zu fühlen ist, wenn eine gute SPD-Frau das alles verkörpert – wozu braucht das Saarland dann noch Grüne, FDP und Linke?  Die AfD ist außen vor. Sie verkörpert asoziales Verhalten, russische Propaganda, Querdenkertum und Q-Anon Verschwörer. Schaumermal, wie lange dieser ideologische Dreck noch durchhält.
  5. Lieber Martin, entschuldige, wenn ich gar kein politisches Argument für den Wahlausgang anführen konnte.
    Et ess wie et ess – uns et hätt noh emmer jot jejange.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net