Die Tagesschau zeigt selbst ihre blinden Flecken

Die letzte Meldung der deutschen Spitzenmarke im Bereich Nachrichtenjournalismus Tagesschau aus dem Jemen ist vom 26. März. Das zeigt sie selbst, immerhin, in ihrem selbstproduzierten “Nachrichtenatlas”. Kompliment für so viel Transparenz. Hier können Sie und ich uns fortlaufend informieren, wo unsere öffentlich-rechtlichen Gatekeeper hingucken, und wohin überhaupt nicht.

Aus dem bevölkerungsreichsten Land der Welt Indien gab es z.B. in den letzten zwei Wochen nichts Neues. Im Süden und Westen Afrikas war es offensichtlich zu heiss, um dort weisse deutsche Journalist*inn*en zur Arbeit zu schicken. Südamerika? Da hats wohl gerade geregnet – klicken Sie mal auf die eine Meldung aus Brasilien.

Dass ausgerechnet die taz, die meistens mit aktuellen Nachrichten zwei Tage hinter elektronischen und digitalen Medien hinterherhinkt, mit ihrem bekannt leistungsstarken Korrespondenten Karim El-Gawhary einen Waffenstillstand aus der weltweit “grössten humanitären Katastrophe”, dem Jemenkrieg, meldet und direkt gleichzeitig, wie immer bei El-Gawhary, exzellent analysiert, wie blamabel ist das denn für alle Anderen?

Sind Friedenshoffnungen hierzulande schon verboten? Oder sind die Europäer*innen zu beschämt, dass ausgerechnet die weltweit berüchtigten arabischen Machos mehr Vernunft auf die Waage bringen? Doch, sowas Ähnliches wird es sein. Oder was ist Ihre Erklärung für so viel Ignoranz?

Ich übertreibe. Christoph Ehrhardt, sachkundiger Nahostkorrespondent der FAZ, meldete es von Beirut aus, und auch die Tagesschau selbst hat es wenig beachtet erledigt (wurde es in ihrem eigenen Atlas wg. UN in New York platziert?). Die wichtige Nachricht wurde also nicht “totgeschwiegen”, Pflicht erledigt. Aber Aufsehen, Aufmerksamkeit in der Aufmerksamkeitsökonomie wäre was Anderes.

Die Anstalt, 22.15 h

Normalerweise weisen die Kollegen von den nachdenkseiten an den Sendetagen auf “Die Anstalt” hin, heute um 22.15 h live im ZDF. Doch seit der letzten Sendung zum Ukrainekrieg sind die Künstler*innen dort in Ungnade gefallen. Klicken Sie selbst drauf, um zu urteilen, wie begründet das ist.

Mein Respekt für dieses Format als Ersatz für weggefallenen Journalismus hält an. Es handelt sich um harte Arbeit, gegen kaum vorstellbare und anstrengende Widerstände. Unter solchen Umständen Kunst zu machen, ist grosses Kino – und wird zurecht durch unsere Haushaltsabgabe anständig entlohnt. Ich zahle gern. Dafür.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net