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Nachruf auf Klaus Gärtner

Klaus Gärtner konnte sehr hartnäckig sein. Ich erinnere mich gut an manche Parteitage, bei denen wir noch lange nach deren Beendigung intensiv über aktuelle politische Bewertungsfragen diskutierten. Er stritt mit offenem Visier. Immer mit heißem Herzen – so war er nun mal –, aber genauso oft mit bedenkenswerten Argumenten. Man musste schon einiges an rhetorischen und inhaltlichen Geschützen aufbieten, um nicht von seiner ebenso programmatischen wie rastlosen Vehemenz überrollt zu werden. Ohne Frage, es war eine andere Zeit. Im weichgezeichneten Rückblick erscheint es mir immer noch als eine solche, in der Politik zuerst aus den besseren Argumenten bestand.

Das bessere Argument war es auch, das Heide Simonis bewog, in Kiel zuerst ihr Finanzministerium, dann die Staatskanzlei mit einer anderen Parteifarbe zu bestücken. Dass Klaus Gärtner fachlich nur wenige das Wasser reichen konnten, war bei uns an der Förde ziemlich offensichtlich. Er wurde ihr Mann für die Organisation ihrer Häuser. Es war immer zu hören: „Ohne ihn will sie nicht.“ Später wandelte es sich zu: „Ohne ihn kann sie nicht.“ Das besondere Vertrauensverhältnis zwischen beiden, das sich auch schon in der gemeinsamen Zeit im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages bewährt hatte, spiegelte sich in dieser Konstellation wider. Ich kann mich nur an wenige dieser „fremden“ Besetzungen im unmittelbaren Umfeld erinnern – Hans Friderichs in der Mainzer Staatskanzlei unter Helmut Kohl war so eine, später Thomas Losse-Müller unter Thorsten Albig.

Klaus Gärtner war in dieser Rolle bis zur Selbstvergessenheit loyal, die besondere Bindung zur Ministerpräsidentin war unerschütterlich. Erst der schwere gesundheitliche Schlag, der ihn im Jahr 2000 ereilte, schwächte seine Durchsetzungskraft und riss ihn später aus dieser Erfolgskonstellation. Sein letzter Dienst, so stellten es auch die zeitgenössischen politischen Beobachter fest, war sein Rücktritt im Jahre 2004 – wegen Fehler eines anderen, um Schaden von seiner Ministerpräsidentin abzuhalten.

Klaus Gärtner blieb der Politik nach seinem aktiven Ausscheiden weiter verbunden. Er meldete sich weiter regelmäßig bei mir – bis zuletzt standen wir in Kontakt. Seine Sorge, dass das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland bedroht war, wurde mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine bestätigt.
Klaus Gärtner hat Deutschland von Süden nach Norden durchlebt. Geboren in Baden-Württemberg, tätig im Saarland, Bundestagsabgeordneter für Nordrhein-Westfalen, später für die Regierung in Kiel. Er hat ein reiches und buntes Leben gehabt.

Mit Bestürzung habe ich von seinem Tod unmittelbar vor einem vereinbarten Gespräch erfahren. Seiner Familie wünsche ich für diese schwere Zeit viel Kraft.

 

Wolfgang Kubicki MdB war in den 70er Jahren Landesvorsitzender der Jungdemokraten Schleswig-Holstein, langjähriges Mitglied des Landtags und ist seit 2017 Vizepräsident des Deutschen Bundestages

Über den/die Autor*in: Wolfgang Kubicki / Gastautor

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

3 Kommentare

  1. Martin Böttger

    Diese Ausführungen kann ich bestätigend ergänzen. 1995-2000 habe ich den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag NRW zur Medienpolitik beraten. In jener Zeit war die kommunikative Zusammenarbeit mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung besser, als mit dem sozialdemokratischen NRW-Koalitionspartner. So erfuhren wir zuverlässig, welche Positionen “unsere” Landesregierung in der heute so berüchtigten Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) vertreten hat.
    Ich bin mir allerdings sicher, dass es Klaus Gärtner nicht darauf angelegt hatte (es folgt ein Wikipedia-Zitat):
    “Nach seinem (SPD-)Austritt sagte Clement dem Magazin Cicero, er sehe in Deutschland das Potenzial und die Basis für eine eigenständige sozialliberale Kraft, die er ‘selbstverständlich’ unterstützen würde. Wenige Tage vor der Bundestagswahl 2009 kündigte er im Bonner General-Anzeiger an, den an seinem Wohnort Bonn als Direktkandidat antretenden FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle mit seiner Erststimme zu unterstützen. Wenige Wochen zuvor hatte Clement bereits die FDP als einzige Fortschrittspartei Deutschlands bezeichnet. Kurz vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2010 trat Clement auf Einladung des FDP-Bundestagsabgeordneten Daniel Bahr als Redner vor dem ‘Forum Liberal’ auf. Vor der Landtagswahl 2012 trat er mit dem FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner auf. Auch im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2013 unterstützte Clement die FDP, ebenso vor der Bundestagswahl 2017.”

  2. Roland Appel

    Auch ich kann hinzufügen, dass ich Klaus Gärtner als notorischen Brückenbauer erlebt habe. Er fädelte als “politischer Notar” (und FDP-Mitglied) die erste Rot-Grüne Koalition in Kiel ein, wobei er dem Grünen Hans Verheyen (Ex-MdB) gegenüber saß, – was wunder: die beiden kannten sich aus der Arbeit im Haushaltsausschuß des Bundestages. Klaus war für die GIZ in Saudi-Arabien und war ein ausgezeichneter Kenner der dortigen Hintergründe, Seilschaften und diplomatischen Fallstricke. Legendär seine Bundestagsreden gegen den “Schnellen Brüter” in Kalkar und zum Mißtrauensvotum 1982, dem Bruch der Sozialliberalen Koalition durch Genscher und Graf Lambsdorff, dem sich die Linksliberale Gruppe widersetzte.

  3. Dr. Wolf-Dieter Zumpfort

    Dr. Wolf-Dieter Zumpfort:
    Erinnerungen an Klaus Gärtner

    Ich hatte das Vergnügen, gemeinsam mit Klaus Gärtner von 1980 bis 1983 im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages zu sitzen. Er war in der Periode vorher schon Haushälter gewesen und kannte das politische Geschäft von der Pike auf. Von ihm habe ich viel gelernt. Er betrat den Sitzungsraum stets mit einer kleinen Ledertasche unter dem Arm voll mit den wichtigsten Papieren, Statistiken und Daten. Das Täschchen war sein ständiger Begleiter; heute wäre das ein I-Pad. Dann stand er erst still, blickte in alle Richtungen bis alle Anwesenden ihn wahrgenommen hatten und schritt danach zu seinem Platz. Er war gefürchtet bei der Regierung und geachtet bei der Opposition.
    Als Haushälter verbrachte man mehr Zeit mit den Kolleginnen und Kollegen als mit seiner eigenen Familie. Man kommt sich sehr nah, Fraktionsgrenzen verschwimmen. Im Ausschuss saß ich rechts neben ihm, links von ihm Heide Simonis . Ich kannte ihn als Jungdemokrat. Heide war wie ich Abgeordnete aus Schleswig-Holstein. Wir drei arbeiteten eng zusammen. Als in dieser Wahlperiode die ersten großen Schuldensünden von der sozialliberalen Bundesregierung geplant wurden, haben wir als Kontrolleure in der Regel vor den Ausschusssitzungen bei abendlichen Weinvergnügen in der Parlamentarischen Gesellschaft gemeinsame Vorgehensweisen abgesprochen wie Sparprogramme, Ausgabenkürzungen bei Investitionsvorhaben und Stellenabbau in der Ministerialbürokratie.
    Die Markenzeichen von Klaus, die er auch später in Schleswig-Holstein gesetzt hat, waren zeitliche Subventionsbeschränkungen, kegelgerechte Personalkürzungen und Aufbau eines staatlichen Pensionsfonds. Bekannt war natürlich auch sein Kampf gegen weitere Ausgaben beim Schnellen Brüter.
    Als Trio verabredeten wir Kontrollreisen in die Bundesländer, um die Ausgaben des Bundes zu kontrollieren. 1981 ging es in seine alte Heimat Saarland, um die Notwendigkeit der Vertiefung der Moselkanäle für die Saarstahlwerke zu überprüfen. Heide erwähnte während der Reise beiläufig, dass sie in Schleswig-Holstein gerne die erste weibliche Finanzministerin und danach die erste weibliche Ministerpräsidentin in einem Bundesland werden wollte. So ist es dann ab 1988 gekommen und Klaus hat ihr jahrelang bis 2002 wirkungsmächtig gedient.
    Klaus und ich waren erstmalig anderer Meinung, als es um den Nachtragshaushalt im Jahr 1983 ging. Ich war grundsätzlich dagegen. Unter anderem wegen der drohenden Überschuldung des Bundeshaushaltes stimmte ich damals für den Koalitionswechsel. Er nicht. Beide wurden wir von den jeweiligen FDP- Landesverbänden abgestraft und verloren das Bundestagsmandat. Schleswig-Holstein wurde zu unserer dann zweiten Wirkungsstätte als Politiker, mit unterschiedlichem Erfolg und zu unterschiedlichen Zeiten. Aber unsere Freundschaft ist stets in alter Jungdemokratischer Verbundenheit erhalten geblieben.

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