Ich war 15. Im Schuljahr zuvor waren wir in der ersten Klasse des neugegründeten “sozialwissenschaftlichen Zweiges” am Gladbecker Heisenberg-Gymnasium 6 Jungs und 28 Mädels. Danach reduzierte sich die Zahl auf beiden Genderseiten stark: 1971/72 blieben 3 Jungs und 21 Mädels. Die gingen mit der Deutschen Bundesbahn von Gladbeck-West mit Umstieg in Oberhausen Hbf. auf Klassenfahrt nach Bonn.

Unmittelbar am Hauptausgang des Hauptbahnhofes ein Bretterzaun. Dahinter wurde das “Bonner Loch” gegraben. Mitsamt der U-Bahn. Wir fuhren mit dem Bus herauf zum Venusberg, durch das optisch beeindruckende Musikerviertel. Auf dem Venusberg, das wusste ich aus dem “Bericht aus Bonn” war nicht nur unser Ziel, die Jugendherberge, sondern dort wohnten die “wichtigen” Bundespolitiker, an der Spitze Kanzler Willy Brandt. In der Tat musste mann nur an der der Jugendherberge gegenüberliegenden Kirche vorbeispazieren, um direkt an seinen Gartenzaun zu gelangen, selbstverständlich unter gestrenger Beobachtung von Sicherheitsbeamten (private Security war noch ungebräuchlich).

In der Jugendherberge litten wir unter einem naziähnlichen Herbergsvater, der nachts seinen grossen Köter durch die Flure patroullieren liess. Wir zogen es also bei jeder Gelegenheit vor, den Bus in die City zu nehmen, und dort im Vorläufer des heutigen “Café Pendel” namens “Point” ein ekliges Zeug zu konsumieren: Asbach-Cola (habe ich danach nie wieder getrunken). Ich lernte bei diesen Gelegenheiten nach jahrelanger WAZ-Sozialisation richtige Tageszeitungen kennen: die FAZ und die FR.

Am 24. April wurde ein konstruktives Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Bundeskanzler Brandt eingebracht. Zahlreiche rechte FDP-Abgeordnete (“nationalliberale”) waren zur CDU/CSU übergelaufen. Insbesondere der NRW-Landesverband der FDP war dafür berüchtigt, dass alte Nazis versucht hatten, ihn zu unterwandern und ihn teilweise unter ihre Kontrolle brachten (in Essen Ernst Achenbach z.B.; der lief aber nicht über). Geld wird auch geflossen sein, aber nichts konnte bewiesen werden. Auch die umgekehrte DDR-Beeinflussung nicht.

Für die vielen Nachgeborenen muss ferner erläutert werden, dass es eine stark mobilisierte weitere Opposition noch rechts von der CDU/CSU gab. Die NPD war 1969 nur knapp am Bundestagseinzug (5%-Hürde) gescheitert, in zahlreichen Landtagen vertreten. Neben den Parteien hatte sich eine militante ausserparlamentarische “Aktion Widerstand” formiert, die über viel Geld und teure Massenmedien verfügte.

Gegen diesen Wind von Rechts formierte sich eine gesellschaftliche Bewegung für die Regierung. Die Gewerkschaften organisierten – was bis heute “rechtswidrig” ist – wilde politische Streiks in vielen Grossbetrieben, weil sie die Konzerneigentümer verdächtigten, hinter dem Misstrauensvotum zu stecken, mit Kapital und Strippenzieherei (Neudeutsch, damals noch ungebräuchlich: “netzwerken”).

Am 27.4., dem Tag der Abstimmung im Bundestag, kam ich, während wir uns mit Pommes auf dem Marktplatz eindeckten, auf die Idee, an der Kinokasse des Metropol nachzufragen, wie das Misstrauensvotum denn ausgegangen war. Das Kino ist weg. Ein Verbrechen am Kulturstandort Bonn, begangen vom Immobilienbesitzer Klaus Töpfer (nicht identisch mit dem früheren CDU-Umweltpolitiker; und in Handlungseinheit mit der kulturlosen politischen Führung der Stadt). Es war nach der Lichtburg in Essen das schönste Kino NRWs. Jetzt Standort eines Buchhandelsmonopolisten. Und tatsächlich wussten sie dort Bescheid: Brandt hatte es sensationellerweise überstanden. Der Rechtsputsch war abgewehrt.

Uns war sofort klar: wir müssen rauf auf den Venusberg. Da wird es Freibier geben. Oben kam der Bus nicht mehr durch. Die Jusos hatten innerhalb weniger Stunden einen Fackelzug von 5.000 Menschen mobilisiert, die zusammen mit Willy Brandt und Walter Scheel feiern wollten. Die Debatten zum Misstrauensvotum waren live im TV übertragen worden. Sie wurden von den Menschen mit gleicher Spannung verfolgt, wie Fussballweltmeisterschaften. Die Redekunst, die damals im Bundestag entfaltet wurde, ist danach nicht mehr übertroffen worden. Die Reden wurden als Schallplatten in den Handel gebracht und verkauft.

Die gesellschaftlichen Mobilisierungen um das Misstrauensvotum hielten an bis zur vorgezogenen Bundestagswahl am 19. November 1972. Sie erbrachte der SPD den höchsten Wahlsieg ihrer Geschichte, und mit 91.1% die höchste Wahlbeteiligung, die es in Deutschland jemals gegeben hat.

Für mich war diese, meine erste Bonner Zeit ein politisches Schlüsselerlebnis. Ich wandte mich vom Interesse an Junger Union, FAZ und ZDF-Magazin ab, und den Jungdemokraten, der FR und Monitor zu. Die Jungdemokraten wurden damals von der allzeit medienpräsenten “ersten Frau” geführt, Ingrid Matthäus. Die diskutiert mit ihren rhetorischen Mitteln noch heute jeden Mann in Grund und Boden. Eine weitere wichtige Figur war Karl-Hermann Flach, 1962-1971 in der Leitung der Frankfurter Rundschau, dann FDP-Generalsekretär und 1973 viel zu früh verstorben.

Was war das Besondere? Was blieb?

Vor wenigen Jahren versuchte ich es gemeinsam mit einer weiteren Zeitgenossin, die eine PR-Agentur betreibt, einer Freundin mit DDR-Sozialisation zu erklären. Am ehesten kann es wohl gelingen über eine Parallelisierung mit 1989. Was die DDR-Menschen 1989 nicht nur erlebten, sondern selbst bewegten, das hatten die BRD-Menschen 1972: das Schlüsselerlebnis, durch eigenes Engagement politisch etwas Relevantes selbst (!) bewegen zu können, neudenglisch: Empowerment.

Gerettet wurde seinerzeit die Ost- und Entspannungspolitik der Bundesregierung gegenüber der UdSSR, der DDR, Polen und allen anderen Warschauer-Pakt-Ländern. Es ging nicht um Regierungsstürze (“Regimechenge”), sondern um menschliche Erleichterungen für die individuellen Bürger*innen: Reiseerleichterungen, Kulturaustausch, Arbeitsbedingungen für Medien, auch politischen Austausch (der Jugendverbände z.B.). Spannungsabbau, Verringerung von Kriegsgefahren, Verhandeln statt Schiessen (es gab einen “Schiessbefehl” an der DDR-Grenze). Die Mehrheit der Menschen hatte Kriegserinnerungen und -erfahrungen, und war dankbar für jede Sicherheit, dass sich das nicht wiederhole. Zumal die Atomkriegsgefahr seit 1945 allen bekannt und präsent war.

Diese Bewegung 1972 war noch breiter, grösser und mächtiger, als es die Friedensbewegung der 80er Jahre war. Denn sie war ja eine Koalition mit der Regierung, nicht gegen sie. Aber – immerhin – schon damals gegen die Mehrheit der vermachteten Massenmedien. Sie war für Entspannungspolitik, aber (noch) nicht für Abrüstung. Das gab es zwar auch schon in den 70ern, wurde aber erst in den 80ern massenhaft.

Ich, und viele andere, habe damals gelernt, dass Politikmachen bedeutet, sich auch mit Arschlöchern und Idioten zusammentun zu müssen, wenn mann*frau politisch etwas erreichen, und nicht nur besserwissen will. Darum war ich auch damals in die FDP und nicht die SPD gegangen. Kleinerer Verein, weniger Leute, aber nicht weniger mächtig und wirksam. Im Gegenteil: diese Repräsentantin sowohl reaktionären als auch fortschrittlichen Bürgertums bewegte sich in der West-BRD exakt an der Schwelle, an der über Mehrheitsbildungen entschieden wurde. Das ist bisweilen heute noch so. Mit den Ende der 70er/Anfang der 80er neu entstandenen um exakt denselben “Job” konkurrierenden Grünen.

Viele Fragen, die meisten waren allerdings schon damals erkennbar, sind seitdem stärker ins Massenbewusstsein gerückt. Gesellschaftliche Kräfteverhältnisse haben sich stark verschoben. Allerdings nie immer nur in eine Richtung. Es gibt keinen zwangsläufigen Fortschritt. Er muss immer erkämpft und verteidigt werden. Immer gibt es dabei auch Rückschritte, wie z.B. die Kohl-Ära einer war. Sie proklamierte selbstbewusst eine “geistig-moralische Wende” rückwärts. Obwohl 16 Jahre in der Regierung (1982-1998) gelang die aber nicht.

Bezeichnend, wie es verdienten Politikern nach ihren besten Taten erging: die Beender der Kubakrise, einem Beinahe-Atomkrieg 1962: John F. Kennedy wurde ein Jahr später erschossen, Nikita Chruschtschow zwei Jahre später abgesetzt. Willy Brandt, der grösste Wahlsieger der SPD, wurde ebenfalls weniger als zwei Jahre später von der eigenen Koalition und den eigenen Genossen abgesägt. Politische Persönlichkeiten, die es heute noch wagen, sich in medialen Gegenwind zu stellen, schlicht, weil sie für eine gute fortschrittliche Sache zu kämpfen bereit sind, kann ich leider kaum noch entdecken. Nur jede Menge, die sich gerne von Medienkonzernen benutzen lassen. Was kommt nach Ströbele? Bitte melden.

Heutige Rückschritte können Sie hier im Beueler Extradienst zur Genüge nachlesen. Der Berliner Extradienst lebte 1967-1979. Er erschien als DIN A 5-Heft zweimal die Woche und prägte mich in ähnlicher Weise, wie das Kritische Tagebuch (WDR3, 1967-2003).

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net