Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Anwesende, liebe Freund*innen und Mitstreiter*innen,

Wir gedenken der von September 1941 bis Juni 1942 hier ermordeten 4000 bis 4500 Kriegsgefangenen aus der ehemaligen Sowjetunion.

Vor Jahrzehnten hat ein Friedensbündnis verschiedenster Gruppen dieses Gedenken initiiert. Seitdem kommen wir jedes Jahr anlässlich der Befreiungsfeier des Konzentrationslager Dachau auch in Hebertshausen am ehemaligen Schießplatz der SS zusammen. Inzwischen ist dieser Ort Teil der Gedenkstätte des ehemaligen KZ- Dachau.

Während wir an die sowjetischen Kriegsgefangenen erinnern, die in „einvernehmlicher Zusammenarbeit“ von Wehrmacht, Gestapo und vom KZ Lagerpersonal der SS planmäßig ermordet wurden, führt Russland derzeit heute einen brutalen, völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine.

Russ/-innen und Ukrainer/-innen waren von den Nazis als dieselbe Kategorie von Kriegsgefangenen und Häftlingen, als „rassisch besonders minderwertige slawische und gefährliche politische, weil kommunistische Elemente“ registriert worden. Sie waren denselben Entbehrungen, Demütigungen und lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt gewesen. Sie konnten sich nur auf die Solidarität unter den Häftlingen verlassen, um in wenigen Fällen zu überleben.

Die russische Führung führt Krieg gegen ein Land und Menschen, mit denen sie vor mehr als 80 Jahren gemeinsam unter entsetzlich großen Verlusten und Opfern erfolgreich gegen den deutschen Besatzungs- und rassistischen Vernichtungskrieg gekämpft haben.

Der rassistische Eroberungs- und Vernichtungskrieg im Osten und die Shoah, diese in der Geschichte beispiellosen Menschheitsverbrechen sind aufs engste miteinander verbunden. Ohne diesen Krieg im Osten hätte Nazideutschland die Shoah nicht durchführen können.

Die Befreiung von Auschwitz und anderer Vernichtungsstätten im Osten, wie Riga, Kaunas, Minsk, Majdanek durch Soldaten der Roten Armee hatte unseren Abtransport aus Theresienstadt dorthin unmöglich gemacht und auch mir, meiner Mutter und meinen Geschwistern das Leben gerettet.

Die Sowjetunion hat die Hauptlast bei der Befreiung vom Faschismus getragen, eine welthistorische Leistung – für die sie und alle Menschen in ihren Ländern einen entsetzlich hohen Preis zahlten: Zerstörung, menschliche Verluste und tiefe Wunden, die bis heute nicht geschlossen sind.

Allein bis zur Kriegswende im Frühjahr 1943 in Stalingrad gerieten ca. 5,7 Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Gefangenschaft. Bis zum Kriegsende im Mai 1945 wurden über 3,3 Millionen gefangene Sowjetsoldaten systematisch umgebracht. Sie wurden als »jüdisch-bolschewistische Untermenschen« erschossen, vergast. Die Wehrmacht ließ sie gezielt verhungern und erfrieren. Nach den Juden sind die sowjetischen Kriegsgefangenen die größte Opfergruppe des NS-Terrors.

Ihre Vernichtung war von der NS Führung, der Wehrmacht, den Wirtschafts- und Wissenschaftseliten im Generalplan Ost eingeplant. Die Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Osten wurde vorausgesetzt und die Vertreibung der in ihren Augen minderwertigen Slawen, die brutale „Germanisierung“ der geraubten Gebiete durch Vertreibung der dortigen Bevölkerung sowie die Ausplünderung waren Ziele der deutschen Lebensraumpolitik. (so Dr. Makhotina in Regensburg am 21.Juni 21)

Das 900-tägige Aushungern von Leningrad mit fast einer Million Toten war ein kalkuliertes Menschheitsverbrechen.

Das Oberkommando der deutschen Wehrmacht machte darüber hinaus mit Sonderbestimmungen, wie dem Kriegsgerichtsbarkeits-Erlass, der die Ermordung „feindlicher Zivilpersonen“ außer Strafe stellte, den Weg frei für diese Menschheitsverbrechen.

Wehrmacht, SS-Einheiten und Gestapo sonderten gegen geltendes Völkerrecht in süddeutschen Kriegsgefangenenlagern Hammelburg, Nürnberg-Langwasser und Moosburg Offiziere, kommunistische Funktionäre, Intellektuelle und Juden zur Ermordung aus.

Mit dem so genannten „Kommissarbefehl, den damit verbundenen Einsatzbefehlen Nummer 8 und 9, die das Reichssicherheitshauptamt in enger Abstimmung mit dem Oberkommando der Wehrmacht erließ, waren Kriterien und Vorgehen festgelegt worden für das von Wehrmacht, SS und Gestapo durchzuführende Mordprogramm.

Hier in Hebertshausen mussten sich die Kriegsgefangenen in Fünferreihen aufstellen. Mit Handschellen wurden sie an Pfähle gekettet und von SS Lagerpersonal erschossen. In Todesangst schreiende oder weinende Opfer verhöhnten sie oft noch.

Vor 77 Jahren, als ich mit meiner Mutter und meinen beiden Geschwistern im Ghetto Theresienstadt am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit wurde, fragte niemand, ob es sich um Russen, Ukrainer, Weißrussen oder Georgier handelte. Sie waren die Befreier für uns, die sich alle als Kämpfer der sowjetischen Armee für die Niederringung der Nazi-Wehrmacht mit ihrem Leben eingesetzt hatten.

Uns alle, die befreiten Verfolgten des Faschismus aus den verschiedenen Ländern und die Soldaten der Anti-Hitler-Armeen der Alliierten, erfüllte die Hoffnung auf eine neue Welt des Friedens und der Völkerverständigung. Ohne Faschismus, ohne Nationalismus und rassistische Ausgrenzung!

In den Jahren und Jahrzehnten nach dem 8. Mai 1945 wurden jedoch weltweit und – auch in Europa – weiter Kriege mit grausamen Verbrechen, Völker- und Menschenrechtsverletzungen geführt.

Ich erinnere an den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, an den Krieg gegen Vietnam mit dem Einsatz chemischer Waffen und Flächenbombardements, der über 2 Millionen Menschen umgebracht hat und die bisher größten, andauernden Umweltzerstörungen und Schädigungen der nächsten Generationen. Ich erinnere an den Kriege im ehemaligen Jugoslawien, im Kosovo, im Irak, in Afghanistan, ebenso wie in Tschetschenien und Georgien, in Syrien, Libyen, .. um nur einige dieser Kriege ins Gedächtnis zu rufen. Auch die Bundesrepublik war und ist an etlichen dieser Verheerungen durch Waffenlieferungen, logistische, finanzielle und politische Unterstützung beteiligt.

Der Krieg im Jemen mit über 370000 Toten ist bei uns kaum der Rede wert, wie auch die aktuellen, wiederholten völkerrechtswidrigen Angriffe des Nato Mitglieds Türkei auf Kurden im Nordirak. Und nun erleben wir das Leiden der Menschen in der Ukraine, verursacht durch den brutalen Angriffskrieg der russischen Führung.

Wir weisen Begriffe wie „Antifaschismus“, „Völkermord“ und „Entnazifizierung“ zurück, die von der russischen Führung verwendet werden, um das Ungeheuerliche des Überfalls zu rechtfertigen. Hier werden nicht nur Begriffe missbraucht, sondern auch Geschichte verfälscht. Hoffnungen der Befreiung des Jahres 1945, gleichberechtigt mit allen Menschen und Völkern in Frieden zu leben, werden erneut niedergedrückt.

Als Lagergemeinschaft Dachau haben wir Anfang März 2022 Stellung bezogen: „Die Waffen nieder – Nein zum Krieg – Hände weg von der Ukraine! (…) Der russische Angriff auf die Ukraine ist ein eindeutiger Bruch des Völkerrechts und durch nichts zu rechtfertigen. (…) Für Krieg gibt es keine Rechtfertigung. Die humanitäre Hilfe und Schutz für Geflüchtete müssen nun an erster Stelle stehen. (…)

Unser Land hat eine besondere Verantwortung gegenüber den Menschen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion wie u.a. Belarus, Ukraine und Russland, wie das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede anlässlich des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion vor 80 Jahren im Juni 2021 betonte. „Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei… 27 Millionen Menschen hat das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht.“

Verschleppte Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion stellten eine der größten Häftlingsgruppen im KZ Dachau. Als Lagergemeinschaft Dachau e.V. betonen wir daher die besondere Verantwortung unseres Landes und der Regierung, die Forderung der 1945 befreiten Häftlinge “Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg” weiterhin zum zentralen Anliegen unseres politischen Handelns zu machen.

In der Erklärung internationaler Komitees der nationalen Vereinigungen der Nazi Konzentrations- und Vernichtungslager (März 22) heißt es: „(…) Keiner von denen, die den Krieg erlitten haben, keiner von denen, die dieses schmerzhafte Erbe tragen, erträgt die Aussicht auf die Rückkehr tragischer Zeiten.“ (…) „Wir verurteilen den gegen die Ukraine geführten Krieg, der die Existenz des Landes und den Frieden in Europa gefährdet. Dieser militärische Angriff stellt eine klare Verletzung des Völkerrechts dar.“ … „Wir sind davon überzeugt, dass jeder politische Konflikt am Verhandlungstisch gelöst werden kann, wenn beide Seiten Vernunft und Menschlichkeit an den Tag legen. Beenden Sie diesen Krieg sofort!“

Unser Erinnern und Gedenken richtet sich gegen Vergessen, Relativieren und Ausblenden dieser in der Geschichte nie dagewesenen Menschheitsverbrechen von Nazideutschland. Alte und neue nationalistische Kräfte profitieren vom Vergessen, Verzerren und von einer Erinnerung ohne Verantwortung für die Gegenwart.

Bestrebungen gegen die Remilitarisierung in der Bundesrepublik, gegen atomare Bewaffnung und Teilhabe, Aktivitäten zur Abschaffung der Atomwaffen, zur Abrüstung, zur Rüstungsbegrenzung und Kontrolle, die sich auch in der DDR entwickelten, sind zentrale Errungenschaften und Konsequenzen ganz Deutschlands nach der Befreiung von Faschismus und Krieg. Sie sind bis heute auf das engste mit der Demokratisierung unseres Landes verbunden.

Nie wieder sollen uns Nationalismus und Militarismus, Antisemitismus und Rassismus gegeneinander aufbringen und uns zu Tätern an anderen Menschen und Völkern machen.

Friedensbestrebungen, wie die Entspannungspolitik, Interessensausgleich, Abrüstung, Rüstungsexporte eindämmen, keine Waffen in Kriegsgebiete und Konfliktregionen…, das alles gehört mit zum Wertvollsten in der Kultur unseres Landes, was maßgeblich durch die Friedensbewegung in Gang gebracht wurde.

Dieser Krieg Russlands gegen die Ukraine ist eine – neuerliche – , schlimme Niederlage für diese Hoffnung. Das zeigt sich leider aktuell auf allen Seiten in der Zunahme nationalistischer Propaganda. Geschichte wird verzerrt, als Waffe eingesetzt, was nur dem Aufbau alter und neuer Feindbilder dient und das Zusammenleben der Menschen aktuell und über den Krieg hinaus immer mehr erschwert. Politiker werden herabgewürdigt und angegriffen, weil sie nicht bedingungslos und schnell genug den Krieg verschärfenden Maßnahmen – wie der Lieferung von schweren Waffen – nachkommen.

Dass sich die Ukraine gegen den russischen Überfall wehrt und dafür auch um militärische Unterstützung nachsucht, ist verständlich.

Mit großer Sorge betrachten wir die Folgen dieses Krieges, eine militärische Ausweitung und Entgrenzung, die zu mehr Menschenopfern, Gräueln, Zerstörung und von Verwüstung von Lebensgrundlagen bedeutet. Und auch eine atomare Kriegsführung riskiert.

Als könnte es nur eine militärische Lösung geben, wird in Politik und Medien bei uns fast ausschließlich über Waffensysteme gestritten, die an die Ukraine geliefert werden sollen. Die Stimme derjenigen, die sich für diplomatische Verhandlungsschritte und -lösungen stark machen, wird zu wenig zu Gehör gebracht. Dabei geht es darum diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden!

Nützt dazu das gigantische Aufrüstungsprogramm, das die Bundesrepublik und andere Staaten beabsichtigen? Schon jetzt gibt die NATO ca. 18 mal mehr für Armeen und Rüstung aus als Russland, ohne dass dies den Krieg verhindert hätte.

Wir brauchen Deeskalation und Abrüstung auf allen Seiten, deutlich mehr Diplomatie und vor allem die strikte Einhaltung des Völkerrechts durch alle Staaten.

Aufrüstung ist kein Weg zur Friedenssicherung, auch weil damit die dringend benötigten Mittel zur Eindämmung der Klimakatastrophe und des sozialen Elends drastisch beschränkt werden.

Es gibt keine Alternative, als uns jetzt gegen jeden Nationalismus, Rassismus und Antisemitsmus zu wenden und für die sofortige Beendigung des Krieges gegen die Ukraine einzutreten:

Für den Schutz und die Rechte aller bedrohten Menschen: für die Menschen in der Ukraine, für die protestierenden Menschen in Russland, für alle Flüchtenden.

Ernst Grube, Überlebender der Shoah, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau e.V.; Rede in Hebertshausen am 1. Mai 2022 anlässlich der Befreiungsfeier des Konzentrationslager Dachau; e.grube@gmx.net

Über den/die Autor*in: Ernst Grube (Gastautor)

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