Und: “9-Euro-Ticket” – bitte nicht! (Wundersame Bahn XCV)

Ein neuer Durchstich in der Cum-Ex-Affäre. Wer schiesst gegen wen? Ich wäre ziemlich platt gewesen, wenn einer wie Johannes Kahrs sich so umstandslos politisch kaltstellen lassen würde. Dafür ist er innerhalb der SPD viel zu rechts, und viel zu gut vernetzt, insbesondere im deutschen Rüstungs-Grosskapital, das derzeit vor politischer Kraft kaum laufen kann.

Ich nehme hypothetisch an, dass der rechte Kahrs und der ehemals linke Scholz in Hamburg eine Zweckvereinbarung über friedliche innerparteiliche Koexistenz zum gegenseitigen Vorteil geschlossen haben. Scholz wurde wahlsiegender Bürgermeister zu einer Zeit, als die SPD das schon verlernt hatte. Kahrs blieb der Ständige Vertreter der Republik Hamburg in der Bundeshauptstadt. So konnten sie für die wichtigen Rüstungsarbeitsplätze und Konzerngewinne in Hamburg effektiv zusammenwirken. Scholz machte nach dem Bürgermeisteramt einen Karriereaufstieg, der mutmasslich und zumindest vorübergehend auch ihn selbst überrascht haben könnte. Und wenn nicht ihn, so doch den Rest der Welt. Die SPD-Mitgliederbasis hatte ihn 2019 noch als Parteivorsitzenden recht deutlich verhindert. In der Stichwahl kam er mit seiner Partnerin Geywitz auf 98.246 von 230.215 abgegebenen Stimmen bei 425.630 stimmberechtigten Mitgliedern, also weit unter einem Viertel der Mitglieder. Dass der danach Kanzler wird – wer hat das von Anfang an gewusst?

Irgendwas muss auf dem Weg von Scholz nach oben zwischen den beiden Hamburger Genossen zerbrochen sein. Im Mai 2020 legte Kahrs alle seine Berliner Ämter nieder. Wurde er erpresst? Hatte ihn jemand “in der Hand”? Oder hat er einfach, wie – sagen wir mal: Max Eberl – erkannt, dass das Leben noch Schöneres zu bieten hat, als in Berlin schlechtbezahlte Lobbyarbeit zu machen? Kahrs war jedenfalls nie für mangelnde Einsatz-, Kampf- und Streitbereitschaft bekannt.

Egal, wer mit dem Durchstechen angefangen hat. Alle Beteiligten werden vor keiner politischen Härte zurückschrecken. Ob sie den Weg zu einem Waffenstillstand finden? Aktuell eine Kunst, die kaum noch jemand beherrscht.

“9-Euro-Ticket”? – Gnade!

Bitte kaufen Sie es nicht! Und wenn doch: benutzen Sie es möglichst wenig! Ich bin sowieso in der Bahn, freue mich auch, wenns billiger ist. Aber ich bin 65, sitze gern, und stecke mich ungern mit Viren an. Leute, die was von der Sache verstehen, Bundesverkehrsminister haben noch nie dazugehört, sehen schlimme Zustände voraus.

Johanna Henkel-Waidhofer/Kontext Wochenzeitung sieht schlimme Zustände in Baden-Württemberg: Der Neun-Euro-Schwindel – Die dramatische Verbilligung von Bus und Bahn ab 1. Juni im Rahmen des Entlastungspakets der Bundesregierung soll auch dazu dienen, AutofahrerInnen zum Umstieg auf den ÖPNV zu animieren. Doch Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) nimmt in Kauf, dass dieses Ziel krachend verfehlt wird.”

Und Marion Jungbluth/Verbraucherzentrale Bundesverband, von deren strenger fachlicher Seriosität ich mich als ihr Vorstandskollege bei den Bonner Grünen in den 90ern überzeugen konnte, lässt über dpa melden: 9-Euro-Ticket: Verbraucherschützer warnen vor falschem Zeitpunkt – Das günstige Monatsticket soll Menschen entlasten und Busse und Bahnen attraktiver machen. Insbesondere die Terminierung solle aber überdacht werden.”

Zur Vertiefung studieren Sie auch Winfried Wolfs/nachdenkseiten-Berichterstattung zum 14. Alternativen Geschäftsbericht Deutsche Bahn AG 2021/22.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net