Was reitet die ARD in San Francisco?

Vor 50 Jahren wurde die US-Krimiserie “Die Strassen von San Francisco” produziert. Meine TV-Zeitschrift meint dazu: “Auch ein Michael Douglas hat mal klein angefangen.” Ich war nie ein Fan von ihm. Aber Respekt habe ich: er kann es, das Filmgeschäft. Die Serie ist in mehrererlei Hinsicht ein Klassiker. In erster Linie ein durchaus zwiespältiges Stadtmarketing – Duisburg und Dortmund wissen, was ich meine. Da waren die Hippies sicher effektiver. Es war auch eine Präsentation des Rechtsstaates USA. Ebenfalls zwiespältig.

Mein persönliches Augen- und Ohrenmerk gilt zweierlei: der Titelmusik, ähnlich wie bei “Die 2″/”The Persuaders” – und die Autos. Beides komponierte zusammen den weltweit verbreiteten American Dream jener Zeit und war eine aussergewöhnlich kraftvolle Soft Power des US-amerikanischen Imperialismus. Damals war es noch das Fernsehen, in dem diese Machtkämpfe politisch und kulturell ausgetragen wurden. Die Jüngeren können sich das heute kaum vorstellen.

Heute ist “das Fernsehen” weitgehend abgehängt. Die ARD demonstriert das dadurch, dass sie nach 50 Jahren zwar die Serie in ihrer Programmnische “One” wiederholt, in ihrer Mediathek aber nicht anbietet – suchen Sie mal.

Noch nicht mal ein pissiger Regionalkrimi

… wurde in meiner Geburtsstadt Gelsenkirchen angesiedelt. Marius Elfering aus Köln-Bickendorf hat seinen verdienstvollen Dreiteiler für DLF-Kultur abgeschlossen: Strukturwandel in Gelsenkirchen: Aufstieg. Abstieg. Aufbruch? – Durch den Bergbau ist Gelsenkirchen groß geworden – und dann tief gestürzt. Armut und Arbeitslosigkeit prägen hier das Leben vieler Menschen. Der Niedergang macht der Politik große Probleme. Aber gibt es auch wieder einen Weg aus der Krise?”

Ich nehme das Ende vorweg: die Titelfrage wird nicht beantwortet. Meine steile These: für Gelsenkirchen allein gibt es keine Antwort. Ein Strukturfehler lugt in Elferings Feature kurz hervor: eine potenzielle “Wasserstoffstadt Duisburg” wird als Konkurrenz aufgefasst. Genau so wird das ganze Ruhrgebiet kleingehalten: seine Kirchtürme und Rathäuser kämpfen gegeneinander statt miteinander. Allein das “CentrO” in Oberhausen, ein Baudenkmal des ehemaligen NRW-Finanzministers Heinz Schleusser, ruinierte die Innenstädte von Bottrop, Gladbeck, Gelsenkirchen-Buer, Mülheim (in meiner Jugend “Stadt der Millionäre” genannt – spazieren Sie da mal durch die “Einkaufsstrassen”!) – und natürlich von Oberhausen selbst. Die, die wie Essen knapp überlebt haben, werden jetzt von Amazon niedergelegt. Künstler*innen und Studierende dieser Welt: in all diesen Städten gibt es Leerstand wie sonst nur in sachsen-anhaltinischen Dörfern ohne Bahnanschluss. Aber Vorsicht: die Immobilienspekulant*inn*en und Baumafiosi haben die Wachstumspotenziale schon bemerkt.

Das Land NRW und alle seine Parteien sowie alle seine Verwaltungsebenen sind darauf bedacht, dass das Ruhrgebiet sich nicht zusammenschliessen darf: zwei Landschaftsverbände und drei Regierungsbezirke (einer von Arnsberg aus – falls Sie nicht wissen, wo das ist: da hat Friedrich Merz Mofafahren gelernt) regieren rein. Die Bahnen des “Verkehrsverbundes” haben bis heute unterschiedliche Spurweiten – die Umsteigebeziehungen haben sich in 50 Jahren nicht verbessert. Als einheitlicher politischer Raum wäre es doppelt so mächtig wie Berlin, dreimal so gross wie Hamburg, 5-6 Saarlande (oder Kölns! – immerhin sieht es bei weitem nicht so scheisse aus).

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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