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Wer nicht kämpft, verliert

Roland Appel hat in einem kritischen Kommentar zu Ulrich Horn (in dessen Original-Blog post-von-horn.de) ein wichtiges Fass aufgemacht. Anders als ich kritisiert Roland Horns Kritik am Handeln der Bundesregierung scharf. Ein klassischer Fall von: beide haben recht. Denn Horn rezipiert das öffentlich sichtbare Handeln und Wirken der Regierung, Roland verteidigt das reale aber überwiegend nichtöffentliche Handeln. Dass sich beides nicht deckt, ist ein Problem der real kaum existierenden PR-Strategie der Ampelkoalition. Die fehlt, weil sich die Koalition im Handlungskern nicht einig ist, sondern ihr Handeln auch voreinander verbirgt, aus Angst attackiert zu werden.

Roland verteidigt Scholz u.a. mit einem Vergleich zur Kuba-Krise 1962. Ich war erst 5 und kann mich dennoch gut an das Aufatmen meiner Eltern und Grosseltern erinnern. Beide hatten den 2. Weltkrieg noch buchstäblich in den Knochen, wussten was Krieg ist, nicht aus TV-Talkshows, sondern aus eigenem Erleben. Das hat sich seinerzeit noch physisch auf meine Altersgruppe übertragen. Wir sind Viele, aber nicht mehr die Mehrheit, vor allem nicht in der Blase der Medienschaffenden der Gegenwart.

Warum waren Kennedy und Chruschtschow ganz in Rolands und auch meinem Sinne erfolgreich in der politischen Weltkriegsvermeidung? Nicht zuletzt, weil sie auf dem Medium ihrer Gegenwart, das seinerzeit das TV war, exzellent zu spielen wussten – an den kriegerischen Triebkräften in ihren eigenen Reihen vorbei.

Scholzens und der SPD heutiges Problem ist, dass sie genau das offensichtlich nicht beherrschen. Sie scheissen sich schon vor Scheissestürmen (“Shitstorms”) in die Hose. Ihr heimliches Handeln verrät sie – als leicht zu erlegende Feiglinge. Sie verwechseln die Medienblase mit der öffentlichen Meinung, über die sie tatsächlich immer weniger wissen, und darum immer handlungsärmer darin werden, sie selbstbewusst zu beeinflussen. Sie werden zu Getriebenen.

Tatsächlich unterscheiden sich die von Melnyk über zahlreich ausschwärmende Springer-Journalist*inn*en bis Lauterbach bespielten TV-Trash-Shows in ihrem Filterblasencharakter kaum von Twitter. Sie drehen sich nur um sich selbst, prägen aber die Weltsicht ihrer Blasenangehörigen. Über 80 Mio. Bundesbürger*innen sehen niemals “Lanz”, knapp 80 Mio. gucken auch “Will” und “Plasberg” noch nicht einmal mit ihrem Arsch an. Und bei Twitter sind sie auch nicht. Dennoch halten die Blasenangehörigen dies alles für wichtig und relevant. Und damit stimmt es auch. Und begründet die Macht von Melnyk und Co. Aber nur für sie.

Die letzten deutschen Kanzler, die selbstbewusst gegen feindliche Medien regiert und kommuniziert haben, waren Willy Brandt und Helmut Kohl. Brandt kommunizierte – darin Kennedy kopierend – via TV direkt mit dem Volk. Er organisierte sogar seinen Wahlkampf an den mehrheitlich rechten Zeitungen vorbei. Sein damaliger Manager Albrecht Müller, der heute rettungslos verbittert als Wagenknecht-Fan agiert, tat das aggressiv und bewusst – und realistisch und erfolgreich. Kohl konspirierte mit den rechten Machthabern im Privat-TV (Leo Kirch) machte sie stark, und sie ihn, gegen die “bösen” liberalen Medien in Hamburg und Köln, NDR und WDR.

Die Erste, die mit weitgehender Ignoranz der Medien regierte, war Angela Merkel. Es funktionierte mit ihrer “innovativen” Strategie der “asymmetrischen Demobilisierung”. Sie liess ihre Gegner*innen fast ausnahmslos sich selbst entwaffnen. Scholz kopierte sie im Wahlkampf und gewann auch – geradezu sensationell für sich selbst und seine Partei. Sein Fehler ist, dass er glaubt, auch so regieren zu können. Das funktioniert sichtbar nicht.

Er fürchtet die Aggressivität seiner Gegner*innen und Feind*inn*e*n, statt ihnen mit selbstbewusster Stärke zu begegnen. Selbstzweifel? Berechtigte gar? Da stimmt Ulrich Horns Beschreibung wieder.

Dazu noch ein kleines Detail zur mediengelenkten Schaffung “öffentlicher Meinung”. Das schärfste Schwert im Meinungskampf sind die “Umfrageergebnisse”. Wie kommen sie zustande? Durch die, die daran teilnehmen. Wer nimmt daran teil? Ich jedenfalls nicht. Wenn ich am Telefon merke, dass ein Callcenter anruft, fange ich ein Gespräch gar nicht erst an, sondern lege sofort auf. Nur ein einziges “Umfrageinstitut” – in Wahrheit sind es Marktforschungskonzerne – weist überhaupt “Nichtwähler*innen/Unentschlossene” aus (beachten Sie nebenbei auch die “Sonstigen”, die in der Summe schon doppelt so stark sind wie “Die Linke”). Bei realen Wahlen (statt Umfragen) sind die Nichtwähler*innen längst die grösste Einzelgruppe, weit vor irgendeiner Partei (wie auch die Ungläubigen gegenüber den Religionen). Noch grösser sind die Mehrheiten, die kein TV glotzen, keine Talkshows sehen, nicht bei Twitter sind.

Kennedy und Brandt haben selbst denen ihre Politik noch erklärt. Sie arbeiteten mit echten Menschen als Multiplikator*innen – die SPD hatte mal fast eine Million Mitglieder (1976, ohne DDR!). Scholz hat weder Medien noch Mitglieder. Und bemüht sich auch um beides nicht. Und wenn, tut er es heimlich.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Helmut Lorscheid

    Ja Martin, solche ‘Menschen gibt es . Ich besitze seit gut 8 Jahren keinen Fernseher mehr. Ich habe mir seit “‘Drei nach 9” vom RB mit Wolff Geisler und Willy Brandt keine weitere Talkshow angeschaut. Das war glaub ich vor über dreißig Jahren. Aber ich habe auch kein Auto, geh nicht ins Fußballstation und war noch in bei McDonalds. Außerdem besitze ich zwar inzwischen ein Handy zum telefonieren, aber nach wie vor kein Smartphone. Das geht alles, mir geht’s gut und ich fühle mich trotzdem ganz gut informiert.

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