mit Update 11.7.

Der Kartoffelkiller meiner Jugend war Raimund Harmstorf. In der ZDF-Verfilmung “Der Seewolf” (nach Jack London), als auch gemäss meiner unmassgeblichen Jugenderinnerung, im Unaktuellen Sportstudio zerdrückte der Mann live rohe Kartoffeln zu Püree. Wie sich doch die Symbolzeiten ändern. Heute laufen weisse deutsche Journalist*inn*en heiss, wenn sie als Gemüse bezeichnet werden.

Extradienst-Gastautor Hidir Celik hat eine andere Perspektive. Sein Lebenswerk besteht aus Antidiskriminierungsarbeit an der lokalen Front in Bonn. Er ist in verständlicher Sorge um die Früchte seiner Arbeit und ihre Zukunft. Im konkreten Fall bin ich anderer Meinung als er – was selten ist. Meine Perspektive ist Medienkritik. Der Korridor akzeptabler Meinungen wird verengt. Dagegen ist radikalerer emanzipatorischer Widerstand erforderlich. Und dafür ist Frau Ataman genau die Richtige.

Halbwegs fair wurde der Fall von Josephin Hartwig/t-online behandelt. Eine radikal medienkritische Philippika schrieb Stephan Anpalagan. Ich bin ganz seiner Meinung. Atamans eigene Spiegel-Kolumnen bitte hier entlang.

Kein Einzelfall

Es gibt einen spiegelverkehrten Fall zum gleichen Medienproblem. Das ist der bisherige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. Was Wolfgang Michal/Freitag zu seinem Fall kommentiert ist keine Übertreibung. Es sah mir schon wie eine Abdankung einer autonomen Bundesregierung aus, die sich am Nasenring durch die Medienzirkusarena ziehen liess, nur noch zum Fremdschämen. Eine ganze Armada global agierender PR-Agenturen “engagiert” sich für die gegenwärtige ukrainische Regierung, die in dieser Disziplin – PR – nicht nur Wladimir Putin, sondern auch der deutschen Ampelkoalition und ihren Ministerien weit überlegen ist.

Dass erst der “naive” Quertreiber in der Bundespressekonferenz Tilo Jung kommen musste, um den Mann in drei geschlagenen Stunden Interviewarbeit zur Kenntlichkeit zu enthüllen – was sagt das über das Heer der was-mit-Medien-Figuren in Berlin-Mitte? Die Antwort finden Sie hier.

Hätten ausgerechnet die die Personalie Ataman heute zur Strecke gebracht – was sie zum Glück noch nicht haben – wäre diese Regierungskoalition über kurz oder lang den Weg des Boris Johnson gegangen.

Update 11.7.: Küppi zum gleichen Thema in der taz: “Dürfte man Sie als Kartoffel bezeichnen? – Ich bitte darum. Etymologisch adelt uns das zu Verwandten des Trüffels – tartuffulo. Und historisch ist es wohl verdiente Rache italienischer Zuwanderer für die ‘Spaghettifresser’-Schmähungen in den 60er Jahren. Arme Siedler aßen Kohl, und Matrosen bunkerten Sauerkraut gegen den Skorbut. So entstand der Kosename ‘Kraut’. Der Spott über eine Volksgruppe – ‘Ethnophaulismus’ wurde mit trotzigem Humor zum ‘Geusenwort’, zum Trotzwort erhoben. Wie ‘schwul’ oder ‘Pirat’ oder eben auch ‘Kanak’. Lasst uns fröhliche Kartoffeln sein.”

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net