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Mein “Barnaby” ist “Mord mit Aussicht”

In dieser Zeit des – überwiegend politischen – Irrsinns ist Eskapismus eine therapeutische Notwendigkeit. Das “Volk”, weit klüger als seine Herrschenden, weiss das instinktiv. Unsere Reflexe sind auf Überleben ausgelegt, auch wenn auf den Medienbühnen gegenteiliger Radau veranstaltet wird. Darum will ich Ihnen nicht verheimlichen, wie ich mein Wohlbefinden erhalte. Neben den regelmässigen Mahlzeiten.

Der Interviewkünstler Harald Schmidt hat den Inspector Barnaby als seine “Lieblingsserie” bezeichnet. Er schlägt in der Tat jeden Montag alle Quotenrekorde, und übertrifft auf dem Nischenkanal ZDFneo gelegentlich das “Hauptprogramm”. Je älter die Folgen, umso beliebter – als noch die reale Diversität Kleinbritanniens ausgeblendet blieb, und nur die bekloppten Weissen die Folgen bevölkerten, und, da knüpfte es an die Wirklichkeit des Empire wieder an, sich gegenseitig massenhaft massakrierten.

Ich bin sicher, dass das die Pro GmbH inspiriert hat, die 2008 die ersten Folgen von “Mord mit Aussicht” für den WDR vorlegte. Eins der Kinder dieser Produktionsgesellschaft wurde dann übrigens Friedrich Küppersbuschs Probono, die sich Ende August im Marl einen Grimmepreis abholen muss, weswegen er bei Roland Appels Konferenz “Politisch liberal, Radikal und für Frieden in Europa!” am 25./26.8. in Berlin nicht moderieren kann. Aber ich schweife ab.

Das Geschehen von “Mord mit Aussicht” wurde hier um die Ecke, im NRW-Teil der Eifel angesiedelt, die, ähnlich wie das fiktive Midsomer Barnabys, nach Absenden aller Folgen menschenleer sein müsste. Auf mein Plädoyer, nur so viele Morde fiktiv zu senden, wie tatsächlich passieren, hört ja keine*r – es wäre der Tod des deutschen Fernsehens.

“Mord mit Aussicht” ist darum von TV-historischer Bedeutung, weil es die letzte kreative Idee der ARD war. 2008, also vor 14 Jahren. Zu seiner Ehrenrettung, nicht alles an ihm war also schlecht, war Gebhard Henke, der über eine #metoo-Affäre seine Karriere beenden musste, daran noch als verantwortlicher WDR-Redakteur beteiligt. Danach kam nichts Beachtenswertes mehr. Folgerichtig werden die alten Folgen endlos und immer wieder wiederholt – wie die Barnabys beim ZDF. Sonntags z.B. im WDR-Dritten, Donnerstags auf ONE. und in nicht wirklich durchschaubarer Systematik in der ARD-Mediathek. Hier wiederum besteht zusätzlich Verwechslungsgefahr mit der Billigkopie. Das Spitzenprodukt ist das mit der Blondine Caroline Peters auf dem Bild – mit Bjarne Mädel, Petra Kleinert, und meiner Lieblingsfigur gespielt von Meike Droste (noch mit Kurzhaarfrisur).

Nach den Gerüchten, die mir zugegangen sind, wurde die Serie 2014 beendet, weil die Mehrheit der Crew den Perfektionismus von Bjarne Mädel nicht mehr ausgehalten habe. Tja, einerseits hat das seiner Karriere als Künstler sicher nicht geschadet. Andererseits: was sagt das über German Television, wenn seine beste Serie seit 15 Jahren nicht mehr gut genug war?

EM bereitet ebenfalls viel Freude

Vieles ist im Fernsehen nicht zu sehen. ARD und ZDF haben zwar die Rechte an den Spielen der Fussball-EM der Damen. Aber sie senden nicht alle. Zum Teil die Besten gerade nicht. Z.B. gestern das 5:1 von Frankreich gegen Italien – die 5 französischen Tore alle in einer Halbzeit. Da gabs viel zu staunen. Alle Spiele gibts im Livestream bei sportschau.de bzw. sportstudio.de. Es lohnt sich, grosser Sport. Zu gross für kleines deutsches TV.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Du sprichst mir mit “Mord mit Aussicht” aus dem Herzen! War die erste Folge der neuen Staffel nur peinlich, die nächsten beiden “naja”, habe ich inzwischen jedes Interesse verloren. Da ist das Rentnerfernsehen à la “Rentnercops” oder “Morden im Norden” besser. Oder die Alternativserie auf dem Dienstags-Sendeplatz “Die Kanzlei” und – auch mal auf diesem Sendeplatz – “Heiland-wir sind Anwalt”, eine Blinde Anwältin assistiert von einer jungen Frau mit Proletariatsfaktor: thematisiert unterschätzt spannende Rechtsfragen zwischen Arm und Reich, greift u.a. ein Tabuthema auf : wie die plastische Chirurgie zur Wiederherstellung der Jungfräulichkeit bei muslimischen Frauen und die Hintergründe – sensibel angepackt.

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