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Abenteuer Nordkap

Alpinisten bezeichnen ihr Tun gerne als Eroberung der Nutzlosen. Nicht anders Reisende, die ein Ziel klar vor Augen haben und nicht aus dem Blick verlieren, zum Beispiel das Nordkap. Ein geographischer Leckerbissen, der nördlichste Punkt Europas, 307 Meter hoch gelegen mit einem unvergleichlichen Blick auf das eiskalte arktische Meer in der Einsamkeit Norwegens, nichts als pure, eisige winddurchflutete Natur.

Um dieses einmalige Ziel zu erreichen gibt es viele Möglichkeiten: mit dem Wohnmobil, Auto und Hotel oder Flugreise. Viel urtümlicher schien der Gedanke, ganz wie es die großen Eroberer und Entdecker zuvor getan haben: mit dem Schiff der wilden tobenden See trotzend dem Nordkap entgegen. Nur wer wirklich die Gefahr liebt, wird sich auf eine solches Abenteuer einlassen.

Eine intensive Suche im Internet brachte sehr schnell günstige Passagen zum Nordkap zum Vorschein – ich schien nicht völlig allein mit der verwegenen Idee, das Nordkap zu erobern. Mehr als 2000 professionelle Kreuzfahrer hatten sich zu dieser Exkursion gemeldet. Mich erfüllte dieses tiefe romantische Gefühl, mit meiner Reiselust nicht ganz alleine zu sein.

Den Koffer gepackt, mit allem, was uns im Überlebenskampf wichtig schien, gönnten wir uns zur Anreise noch einen letzten Schuss Luxus. Ob der Erwartung einer entbehrungsreichen Reise überkam mich der Gedanke, zur Anreise nach Kiel bei der Bahnfahrt nicht zu sparen und löste wie gewöhnlich eine Fahrkarte 1. Klasse.

Hoch erfreut stellte ich in Köln am Bahnhof fest, dass der Zug nicht nur pünktlich war, sondern auch viel mehr 1. Klasse-Abteile anbot, als ich es von anderen Fahrten kenne. Die gebuchten Plätze waren schnell gefunden – wenngleich es mir vorkam, als könnten die 9-Euro-Tickets gültig sein.

Der Kieler Hafen ist vom Bahnhof nicht weit entfernt, dennoch gab es einen Transferbus – wie am Flughafen – der die Abenteurer zum Liegeplatz geleitet. Etwas befremdlich und im Gegensatz zum Flughafen war die Fahrt mit einer Gebühr belegt, eine Taxifahrt deutlich günstiger. Ich wusste jetzt nicht, ob es zur Extravaganz der Exkursion gehört, den schweren Koffer selbst in den Bus zu schleppen oder für weniger Geld, das den Taxifahrer erledigen zu lassen.

Nach der sicherheitstechnischen Einbuchung am Terminal durften wir zum Schiff aufsteigen. Die Koffer würden das Zimmer vorab erreichen und nur mit Handgepäck pilgerten alle zum Schiffsrumpf, nicht ohne, dass noch ein Foto vor der Einschiffung ermöglicht wurde.

Jetzt konnte das Abenteuer beginnen, klanglich begleitet von den Bordlautsprechern, die zeigten, dass der musikalische Geschmack aller Menschen getroffen werden kann, starteten wir die Begehung über Deck 5, das den Zugang zu allen Bereichen und Aufzügen ermöglicht.

Es ist beeindruckend und erstaunlich, welch paradiesische Atmosphäre für die Reisenden gezaubert wurde, um sie zum Nordkap zu steuern. Wir ziehen vorbei an den in schummriges dunkles Licht getauchten Bars, mitten hinein in den grellrot beleuchteten Casinobereich, mit großen Roulette-Tischen, Pokerständen und einer unzähligen Vielfalt von Automaten, die alle mit ganz eigenen Klangangeboten den geneigten Kreuzfahrer anziehen und beruhigen.

Leider ist das Casino nur auf hoher See bespielbar. Doch nicht nur Erwachsene kommen auf ihre Kosten, denn im sanften Übergang stehen die Automaten für Jugendliche bereit, denen als Gewinn zum Beispiel eine nagelneue PS5 entgegenleuchtet, Kinderherzen schlagen höher, wenn sie die knallbunten Spielgeräte sehen, die allerlei Süßigkeiten oder begehrenswerte Plüschtiere als Gewinne bereit halten.

Pädagogisch engagierte Eltern werden diese Anreize zu Erziehungszwecken nutzen können, allerdings waren solche Spaßbremsen scheinbar nicht an Bord. Der kindgerechte Eissalon dahinter entschädigte in jedem Fall.

Überdies war es nicht die einzige Attraktion. Als besondere Überraschung gab es ein riesiges Theater über drei Etagen, mit einer ansehnlichen Bühne. Insgeheim freute ich mich auf kulturelle Leckerbissen. Rigoletto oder Madam Butterfly könnten meine von stürmischer See und anstrengenden Exkursionen geschundene Seele frohlocken lassen.

Die erste Darbietung auf dieser Bühne war kein kultureller Höhepunkt, sondern diente der Vorbereitung aller Kreuzfahrer auf die bevorstehenden Exkursionen und den Besonderheiten auf dem Schiff. Kulinarische Höhepunkte wurden angekündigt, eigens von drei in Italien weltbekannten Köchen zusammengestellt! Mit der Präzision einer Maschinenpistole erklärte die deutsche Reiseleiterin hernach sehr eindringlich, wie das eigene Geld von der Kreditkarte sicher der Schiffskasse zugeführt wird.

Ein Hauch von Internationalität umgibt jede Kreuzfahrt. Wir erfuhren, dass auf dem Schiff 34 Sprachen gesprochen würden. Die Kreuzfahrer aus Deutschland Ost wie West, Österreich und der Schweiz sahen sich einem Babylon ausgesetzt. Aber alles kein Problem, die Bordsprache sei italienisch. Doch nicht nur das: ein Besatzungsmitglied habe gerade erst einen 4-Wochen Deutsch-Kurs beim Goethe-Institut absolviert – alle anderen versuchen es mit Englisch. Probleme hatten später nur einzelne Kreuzfahrer, die mit der englischen Sprache nicht vertraut waren und vehement einen „heeßn Goffee“ forderten, aber in ratlose Gesichter blickten. Persönlich wollte ich mich nicht einmischen. Mit „dann äbn ’n Dee“, wobei die Betonung mehrfach auf „Dee“ lag, ging es besser, auch wenn es kein Kaffee war. Diese Bescheidenheit hat mich doch beeindruckt.

Das Kreuzfahrtschiff lag friedlich im Hafen und saugte noch Gepäckstücke auf, ein Spaziergang auf Deck des rund 300 Meter langen Ozeanriesen und ein Besuch der Bar heckseits sollten die Zeit bis zum Abenddinner überbrücken. Vorher würden wir vielleicht noch erleben, wie das Schiff unter dem Jubel der Menschen am Kai ablegt – so wie einst die Titanic.

Welche Herausforderungen und Abenteuer die rund 2000 Kreuzfahrer in den folgenden 12 Tagen bestehen mussten und was die Unterschiede zur Titanic sind, erfahren wir beim nächsten Mal, wenn es heißt: „Mit dem Corona-Katapult zum Frühstück…“

Über den/die Autor*in: Christian Wolf

Christian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geographie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digtalpurist)

Ein Kommentar

  1. Peter Frinken

    Origineller Artikel! Bin schon sehr auf nächsten Teil gespannt.
    Peter

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