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Mit dem Corona-Katapult zum Frühstück,

kommt nun endlich der zweite Teil vom „Abenteuer Nordkap“.

Die Gemeinschaft der Kreuzfahrer ist ein ganz besonderer Schlag von Mensch, schicksalsergeben und beseelt von dem unbändigen Drang, die entlegensten Winkel der Welt zu erkunden. So gehört auch das Nordkap zu den Adressen, die auf keiner Karte dieser ungestümen Enthusiasten fehlen darf.

Von Kiel aus zieht der Ozeanriese in die Nacht dem Land der Wikinger entgegen. Die Massen der Kreuzfahrer auf dem Schiff waren alle in Bewegung, die Restaurants wurden geöffnet, gerade wollte ich noch rufen: „… es ist genug für alle da!“, aber – zu spät! Die dritte Etage war das Ziel, denn auf diesem Deck gab es das Restaurant mit reservierten Plätzen für uns. Wir waren an der frischen Luft, ganz oben, die gab es nur auf Deck 10 und 11, sogar ohne Aufpreis.

Fahrstühle waren ausreichend vorhanden und die pumpten unaufhörlich die Hungernden auf und ab. Ein Blick auf die (erstaunlicherweise) kurzen Warteschlangen überzeugte mich davon, dass nicht jeder – und auch nicht jede – aufgrund der körperlichen Konstitution, weniger des Alters wegen, in der Lage war, die Strecke im Treppenhaus zu bewältigen. Glücklicherweise hatten die Fahrstühle für Überlasten ausreichend Reserven.

In gediegener Atmosphäre wurde Wein kredenzt, für Kinder Cola, der Speiseplan per App abrufbar. Drei kulinarische Höhepunkte standen zur Verfügung, die Wahl war schnell getroffen, für den, der fleischlose Kost bevorzugt. Veganer gab es nicht an Bord, die wären verhungert. Was die Küche durch den besonnenen Ratschlag der Meisterköche zauberte, war ein Augenschmaus, gleichwohl eine Gaumenfreude dazu, am ersten Tag.

Zufrieden gaben wir hernach unseren Platz an die nächsten Kreuzfahrer weiter, die freudig den Bauch einzogen, um nicht die Tischdecke mitzureißen. Die Klage über enge Sitzgelegenheiten konnten wir aus unserer Sicht nicht ganz nachvollziehen, der über die viel zu kleinen Portionen würde wahrscheinlich in Kürze folgen.

Endlich in die Kabine, eine Nacht auf hoher See stand bevor. Deck 7, alles wesentlich kleiner als auf den hübschen Weitwinkelfotos im Internet, aber wir hatten Abenteuer gebucht und wollten jetzt auch alles mitnehmen.

Für den ersten Tag war „Erholung auf See“ geplant und mit einem üppigen Frühstück sollte dieser Tag beginnen. Neugierig näherten sich alle dem Buffet, aus der Ferne konnte ich schon eine Parade von Backwaren erkennen. Liebevoll aufgestellt und auch lustig anzusehen, strahlte mich eine Schildkröte aus Brotteig zwischen Baguettebroten an – neben anderen Köstlichkeiten, die das traditionelle Bäckerhandwerk hervorbringen kann.

Dieser Showroom mit den täuschend echten Backwaren war wirklich ansprechend gestaltet. Nachdem sich die Schlange vor uns abgearbeitet hatte und dicht gedrängt mit ihren Tabletts abzog, sah ich die Auswahl: drei verschieden Brote und eine Brötchensorte, das wird keinen der Kreuzfahrer überfordern. Beim Scheibenkäse daneben buhlten zwei Sorten um ihren Verzehr. Eine Brot- und Käseauswahl, die ich mir die nächsten zwölf Tage nicht üppiger vorstellen konnte – was auch nicht notwendig war. Geschmäcker sind nun mal verschieden, wer Wurst bevorzugt, war etwas besser aufgestellt.

An Bord gab es etliche Whirlpools, die locker 9 Kreuzfahrer mit Getränken und Aschenbechern fassten, Vergnügen pur. Natürlich war auch das Casino (wie zuvor beschrieben) bereit und sog Gäste auf, im Hallenbad lief ein lautes unterhaltsames Gymnastikprogramm mit Animation und selbst Bingo-Spieler hatten keinen Grund zur Klage. Die Kreuzfahrer waren glücklich.

Unsere ganze Erwartung lastete auf der Exkursion zum Nordkap, das wir über den Hafen in Honningsvåg erreichen sollten. Perfekt organisiert mussten die Kreuzfahrer im 2-Stunden-Takt mit einer Vielzahl Busse die 30 Kilometer bewältigen, denn einzelne Busse können kaum 2000 Fahrgäste auf einmal befördern. Von dieser Sorte wären an diesem Tag allerdings zwei Busse erforderlich gewesen, denn im Hafen lag ein ähnlich großer Dampfer.

Das Nordkap war zu unserer großen Freude nach einer kurzweiligen Fahrt genauso faszinierend, wie wir gedacht hatten. Inmitten der Masse von Exkursionsteilnehmern stellten wir uns die Einsamkeit Norwegens am nördlichsten Punkt Europas vor. Das eiskalte arktische Meer lag vor uns. Ein rauer, kräftiger Wind beflügelte den Geist und durchfuhr die Kleidung – ein Erlebnis! Die zeitliche Überbrückung bis zum Rücktransport zum Schiff gelang uns im Nordkapmuseum und in den Souvenirshops. Viel Zeit war nicht, denn auch andere Abenteurer wollten bis zur Spitze des Nordkaps vordringen, die nächsten Busse forderten zum Aufbruch.

Unsere Kreuzfahrt bot viele weitere höchst sehenswerte Attraktionen. Wir legten in Orten mit nur 500 Einwohnern an, die zumindest im Sommer nicht mehr über Einsamkeit klagen können – zumal nicht nur eines dieser wundervollen Ozeanriesen gleichzeitig vor Anker ging. Mit gewohnter Professionalität sorgte eine Armada von Bussen an jedem Ort für die gebuchte Schnellansicht – zu Preisen, die sich der erlebnishungrige Kreuzfahrer gerne leistet.

Und auch die Versorgung an Bord entsprach den Erwartungen der meisten Reisenden. Der Gaumen wurde in keiner Weise überfordert, denn jedes – von den in Italien weltbekannten Köche – entworfenen Gerichten hatte, ob Vorspeise, Hauptgericht oder Nachspeise die unverwechselbare geschmackliche Note vom Vortag.

Besondere Beachtung fand während der gesamten Kreuzfahrt der Seuchenschutz. Er lag hauptsächlich in der Eigenverantwortung der Reisenden, die nach eigenem Ermessen guten Willen zeigen konnten. Die Fahrstühle – von manchen der Kreuzfahrer despektierlich auch als Corona-Katapult diskreditiert – konnten, wie die Innenräume mit und ohne Maske genutzt werden. Manch einer zeigte Verständnis und zum Zeichen seiner Solidarität trug er seine Maske als Kinnwindel, gleich einem eleganten modischem Accessoire – wahrscheinlich auch, um von seinem Rollator abzulenken.

Nach 12 Tagen auf dem Ozeanriesen freuten sich nicht wenige der Kreuzfahrer auf das Ende der strapaziösen Tour. Gepeinigt von Wind und Sonne auf Deck, nicht endenden Busfahrten in jedem Hafen und die ermüdende Jagd auf Nahrungsmittel und Alkohol an den Tagen, die mit „Erholung auf See“ angepriesen wurden, wirkte der Hafen in Kiel wie eine göttliche Erlösung.

Zum Abschluss feuerte die Reiseleiterin die Gäste an, noch schnell eine sehr sehr gute Bewertung abzugeben – allerdings musste für diese Befragung der letzte Schuss vom Datenschutz mit einem Klick schwungvoll über Bord geworfen werden. Aber das ist ein anderes Thema.

Was wir von der Kreuzfahrt mitgenommen haben? Das, was die meisten Kreuzfahrer dieser Reise ebenfalls mitnehmen konnten: eine Coronainfektion.

Mit der Titanic sind damals Auswanderer, Geschäftsleute und Reisende aller Klassen mit hohen Ansprüchen und großen Erwartungen zu neuen Zielen aufgebrochen und haben auf ganz andere Weise als geplant Geschichte geschrieben.

Diesmal? War das völlig anders, wie bei allen ….

Über den/die Autor*in: Christian Wolf

Christian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geographie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digtalpurist)

4 Kommentare

  1. Kottsieper, Dr.

    Toller Artikel. Aber es fehlen noch ein paar wichtige Informationen: wo kann ich diese tolle Nordkapfahrt buchen? Wieviel kostet es? Gibt es auch eine Leberwurstauswahl oder nur eine Sorte?

    • Christian Wolf

      Die Suche ist schnell erledigt, einfach “Nordkap Kreuzfahrt” eingeben und den erstbesten Eintrag aus der Ergebnisliste greifen.

      Bei der Leberwurstauswahl bin ich mir nicht sicher, aber es war ein italienisches Schiff, möglich, dass die deshalb vielleicht eine Leberwurstpizza im Angebot hatten. Im ORF gab es vor einiger Zeit dazu diese Kochsendung

      • Kottsieper, Dr.

        Dankesehr. Ich habe das Leberwurstcocktail sofort ausprobiert : sehr lecker. Den Butterhasen mache ich nächste Woche- ich muss sehen, wo ich Butter bekomme. Gab es denn auch frischen Fisch, schließlich waren Sie ja auf hoher See? Von der legendären Leberwurstpizza kann man ja nicht jeden Tag genießen .

  2. Christian Wolf

    Frischen Fisch gab es wohl nicht – ich nehme an, weil er im Meer nicht in tiefgefrorener Form vorkommt. Aber Fisch gibt es bestimmt auch mit Leberwurst, hier eine Rezept für Leberwurstfisch – das gab es vor einiger Zeit mal in einer Kochsendung im ORF

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