Erinnerung an drei Intendanten des SFB – Einer begrüßte alle Mitarbeiter morgens per Handschlag, ein anderer besprach Probleme bei Kognak. Ein SFB-Veteran erinnert sich an den Rundfunk in West-Berlin.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist staatsfern, aber erfahrungsgemäß nicht politikfern. Kanzler Adenauer wollte das anders und wurde vom Bundesverfassungsgericht in die Schranken gewiesen – wobei die obersten Richter in Karlsruhe zugleich festlegten, dass Rundfunk – anders als in der damaligen DDR – Hörfunk und Fernsehen ist. Das vergebliche Adenauer’sche Bemühen gebar 1963 das Zweite Deutsche Fernsehen, bei dem „staatsnahe“ Organisationen und Institutionen im Aufsicht führenden Fernsehrat einen starken Einfluss hatten. Das wurde 2014 durch ein erneutes Urteil des Bundesverfassungsgerichts spürbar reduziert. Parteien dürfen seither überhaupt keine Vertreter mehr direkt in den Fernsehrat entsenden.

Anders in den ARD-Anstalten, wie der SFB in West-Berlin eine war. Jedes Bundesland legte Wert auf eine eigene Rundfunkanstalt – auch die „Zwerge“ wie das Saarland oder der Stadtstaat Bremen. Im Programmwettstreit waren die Kleinen durchaus nicht die Schlechtesten. Doch die jeweiligen Landesfürsten achteten gern – oft allzu gern – darauf, dass die Führungsspitze ihrer Anstalt auch ihrer politischen Couleur entsprach. Dem wurde zu Recht entgegengehalten, dass die Parteienvertreter in den ARD-Aufsichtsgremien durch das Grundgesetz legitimiert seien, wonach die Parteien an der politischen Willensbildung mitwirken.

Mein erster Intendant war 1962 Walter Steigner, ein kulturbeflissener Schöngeist, ehemaliger Kriegsberichterstatter, politischer Redakteur bei Hugh Greenes NWDR und vier Jahre lang Leiter der Rundfunkabteilung der Unesco in Paris. Beim Thema Unesco gab es unser erstes Zusammentreffen. In einer Radiosendung hatte ich die Adresse der Unesco in Paris mit „Avenue Kleber“ angegeben. Doch sie war inzwischen umgezogen, woraufhin Steigner mich in sein Büro zitierte, freundlich auf den Fehler aufmerksam machte und nach etwas Small Talk wieder verabschiedete.

Mein Abteilungsleiter meinte nach meinem Steigner-Termin, der Intendant sei von mir recht angetan gewesen und habe gesagt: „Der Bursche sieht ja ganz gut aus – wäre eigentlich etwas fürs Fernsehen.“ Doch damit sollte es noch fast zehn Jahre dauern. Aber Steigner gehörte noch zu jener Generation, die großen Wert auf Äußerlichkeiten legte. So lobte er den damaligen beliebten „Sportschau“-Moderator Ernst Huberty in einem Kommentar einmal ob dessen Grübchen.

Die Frontstadt wollte mit dem Fernsehen strahlen

Alle im Haus des Rundfunks an der Masurenallee mochten Steigner, der nur einen Fehler machte, als er sich kurz nach seinem Amtsantritt morgens um acht Uhr an den Eingang stellte und die Mitarbeiterschaft mit Handschlag begrüßte. Das wurde von vielen als Kontrolle aufgefasst und Steigner stellte seinen Morgengruß sehr schnell wieder ein. Er blieb ein untadeliges öffentlich-rechtliches Kernstück.

Scherzhaft bezichtigten wir ihn der „Vetternwirtschaft“, weil er die künstlerisch wertvollen Gemälde seiner Ehefrau – freilich ohne irgendeinen finanziellen Vorteil – an den bevorzugten Orten im Haus und natürlich auch in seinem Büro platzierte. Ebenso verfiel Steigner nicht dem später als Ceaucescu-Syndrom bekannt gewordenen größenwahnsinnigen Hang, monumentale Gebäude für die Um- und Nachwelt errichten zu lassen. Das hochragende Fernsehzentrum am Theodor-Heuss-Platz war ein politischer Auftrag. Die eingemauerte Frontstadt West-Berlin sollte mit dem Fernsehen in die Welt hinausstrahlen. Und zur Grundsteinlegung erschien selbstverständlich Bundespräsident Heinrich Lübke. Ärgerlich fand ich nur, dass ein dringend benötigter Parkplatz verloren ging.

Mein gutes Verhältnis zum SFB-Intendanten Steigner fand plötzlich eines Morgens ein überraschendes Ende. In der Frühsendung „Echo am Morgen“ hatte ich kommentarlos einen Zeitungsartikel des Sozialphilosophen, NS-Widerständlers und Apartheid-Befürworters Wilhelm Röpke zitiert, der meinte, nicht die USA oder Großbritannien, sondern allein Frankreich sei ein verlässlicher Freund und Partner der Bundesrepublik Deutschland. Der britische Stadtkommandant beschwerte sich vehement bei Steigner, und der sperrte mich in der Viermächte-Stadt für die Moderation vom „Echo am Morgen“. 15 Jahre später, als Steigner Intendant der Deutschen Welle in Köln war, haben wir unsere Kontroverse in einem Gespräch beigelegt.

Auf dem Schreibtisch: ein Kognak der besten Sorte

Auf Walter Steigner folgte im April 1968 Franz Barsig als SFB-Intendant. Bis dahin Chefredakteur im Kölner Deutschlandfunk, aber eben ein reines SPD-Gewächs aus der „Baracke“ in Bonn. Dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz war Barsig monatelang als neuer Polizeipräsident in der Nachfolge von Erich Duensing angedient worden, der beim Schah-Besuch im Juni 1967 mit seiner idiotischen „Leberwurst-Taktik“ allen Kredit verspielt hatte. Jetzt hieß der SFB-Intendant Franz Barsig und die „Außerparlamentarische Opposition“ verlangte nach Sendezeit und wollte das Haus des Rundfunks stürmen, denn am 11. April 1968 war das Attentat auf Rudi Dutschke verübt worden.

Barsig stellte sich der Diskussion in der Technischen Universität. Doch immer wieder und immer noch – auch beim Umgang mit dem Personal im eigenen Haus – schimmerte bei ihm der Partei-Apparatschik durch. Er schien ein hoffnungsloser Fall, ein Fehlgriff beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich gab dem Spiegel ein Interview, das Barsig in Bedrängnis brachte, denn inzwischen war ich in Einzelwahl mit einer beeindruckenden Stimmenzahl zum Personalratsvorsitzenden im SFB gewählt worden.

Was nach dem Spiegel-Interview 1968 geschah, begründete meine tiefe Hochachtung vor dem Menschen Barsig und meine enge Kooperation mit ihm in den Folgejahren – mit nur einem erkennbaren Ziel: dem öffentlich-rechtlichen Sender SFB und seiner Belegschaft zu Ansehen und Erfolg zu verhelfen. An einem Abend nach dem Interview rief mich Barsig an und bat mich in sein Büro in der schlichten 13. Etage des Fernsehzentrums. Zu meiner Überraschung war das Sekretariat leer gefegt, keine Menschenseele. Auf seinem Schreibtisch stand eine Flasche Kognak der besten Sorte.

Ein Talk unter vier Augen – eine Stunde lang, vielleicht auch zwei Stunden. Jedenfalls war die Kognakflasche am Ende fast geleert. Und unter uns beiden ist diese Begegnung fortan stets als „Kognakgespräch“ zitiert worden. Er hielt sich mit kritischen Bemerkungen nicht zurück und ich sagte ihm in aller Offenheit meine Meinung – vor allem in Bezug auf den Umgang mit den Beschäftigten. Die sind kein störender Kostenfaktor, sondern das kostbarste Gut für die Produktion eines erfolgreichen Programms – einschließlich Technik und Verwaltung.

Ich glaube, der Sender Freies Berlin erlebte in der Ära Barsig bis gegen Ende seiner zweiten Amtszeit Mitte der Siebzigerjahre die glücklichste Zeit seines Bestehens. Im Innern, was die Stimmung und das Arbeitsklima anging, und nach außen, was die Programmaktivitäten in Hörfunk und Fernsehen betraf. Daran wirkte, von Barsig animiert, die gesamte Führungsriege mit: der verdienstvolle Verwaltungsdirektor Koch, der es zuvor strikt abgelehnt hatte, mit der Personalvertretung irgendeinen Kontakt aufzunehmen, sowie der launige Chefredakteur Peter Pechel und der erfolgsorientierte Programmdirektor Erich Proebster.

Der Traum vom glücklichen öffentlich-rechtlichen SFB ging zu Ende, als der Rundfunkratsvorsitzende (und zugleich SPD-Fraktionsvorsitzende im West-Berliner Abgeordnetenhaus) Wolfgang Haus den Posten des SFB-Intendanten anstrebte und zunächst einmal Strippen zog, die Barsig und die Personalvertretung entzweiten. So habe ich am Sturz von Franz Barsig kräftig mitgewirkt. Dieser auch menschlich schwerwiegende Fehler ist im Nachhinein nicht mehr zu korrigieren. Barsig sprach von einer „Hinrichtung ohne Urteil“, und nur der Vertreter des Landessportbundes, Reinhard Krieg, gab Barsig bei der Intendanten-Wahl 1977 seine Stimme.

Der Rechnungshof is watching you!

Als Gegenkandidaten zu Haus und Barsig hatte Karl-Heinz Schmitz (CDU), der Haus-Nachfolger als Rundfunkratsvorsitzender, den TV-Journalisten Edmund Gruber in Stellung gebracht. Der saß vor dem Wahltag bei mir, dem Personalratsvorsitzenden, beratenden Rundfunkratsmitglied und amtierenden Vorsitzenden des SFB-Verwaltungsrats (der eigentliche Vorsitzende fiel wegen Alkoholproblemen meistens aus) in meinem Büro und wollte um Stimmen werben.

Damit er wusste, woran er war, erteilte ich ihm eine klare Absage. Das war wohl ganz gut so, denn Gruber war 1988 dann als Chef des Deutschlandfunks der einzige Intendant in der deutschen Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der vom Rundfunkrat nahezu einstimmig (mit 21 zu einer Stimme) aus dem Amt gejagt wurde. Der Vorwurf: finanzielle Unregelmäßigkeiten und unangemessener autoritärer Führungsstil.

Karl-Heinz Schmitz, ein aufrechter CDU-Politiker im bedrohten West-Berlin, konnte von solchen Eigenarten seines Kandidaten Gruber herzlich wenig ahnen. Wenn Schmitz uns Gremienvorstände zum Abendessen einlud – ins angenehme Restaurant der französischen Garnison in Tegel oder in ein koreanischen Lokal –, dann landete die Rechnung stets im Büro seiner Anwaltskanzlei. Auch Schmitz wusste: Der Rechnungshof is watching you!

Die Zeit mit SFB-Intendant Haus von 1978 bis 1983 erschien mir damals gewiss als die einer glücklichen und erfolgreichen Kooperation, selbst wenn mir – und nicht nur mir – seine Zögerlichkeit und sein politisch motiviertes Werfen mit der Wurst nach der Speckseite mit den Jahren mehr und mehr Probleme bereiteten. Haus mühte sich nach Kräften, aus West-Berlin einen anerkannten Medienstandort zu machen – mit dem ARD/ZDF-Videotext als Gemeinschaftseinrichtung, Dieter Hildebrandt und seinem „Scheibenwischer“ und der Erringung von Grimme-Preisen.

Andererseits verschätzte er sich gründlich als Berufspolitiker in der Rolle der Parteien und der Politik beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Als der ehemalige evangelische Kirchentagspräsident Richard von Weizsäcker Regierender Bürgermeister von West-Berlin wurde, glaubte Haus, voll auf die Evangelische Kirche setzen zu müssen. Entgegen den Ratschlägen der beiden großen West-Berliner Parteien SPD und CDU berief er Joachim Braun aus den Kreisen der Evangelischen Kirche zum neuen SFB-Chefredakteur.

Seine Wahl durch den SFB-Rundfunkrat fiel nicht komfortabel aus. Als Haus das gleiche Spiel bei der Neuwahl des Programmdirektors wiederholte und Norbert Schneider, den Theologen vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, als Kandidaten präsentierte, krachte es deutlich im SFB-Gebälk. Die Politik in West-Berlin wollte anderes. Um ein Haar wäre der fraglos geeignete Schneider durchgefallen. Doch die Zeichen für eine Abwahl von Haus waren damit im Rundfunkrat gesetzt.

1982 stand die Wiederwahl von Haus an. Lothar Loewe, bekannt als ARD-Korrespondent in Moskau, Washington und Ost-Berlin, hatte Klinken geputzt und erhielt nach viel Gerangel im Vorfeld die erforderliche Mehrheit. So war mit der Wahl des Vollblut-Reporters Loewe, der über keinerlei Managerqualitäten verfügte, die Chronik eines angekündigten Todes – der Anfang vom Ende des SFB – eingeläutet. Loewe kam, anders als Edmund Gruber, seinem Rauswurf durch eigene Kündigung zuvor. Ähnlich erging es seinem Nachfolger Günter Herrmann, der 1989 gleichfalls vorzeitig ausscheiden musste. Über den Rest bis 2003 legt sich voller Rücksichtnahme und Gnade respektvolles Schweigen.

Alexander Kulpok ist Journalist und Autor. Er arbeitete schon in den 50er-Jahren im Sender Freies Berlin, zunächst im Jugendfunk, dann als Reporter, Redakteur, Moderator und schließlich lange als Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion. 2019 erschien sein Buch „SFB mon amour“. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Über den/die Autor*in: Alexander Kulpok / Berliner Zeitung

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