mit Update nachmittags

Ulrich Pätzold hat jahrzehntelang Journalist*inn*en in Dortmund ausgebildet. Sehr viele sehr gute waren dabei. Er muss Anfang der 80er Jahre ein Standardwerk herausgebracht haben, das in meiner Erinnerung ein Luchterhand-Taschenbuch war (mit einem zweiten Autor zusammen, dessen Name mir entfallen ist). Es hiess “Innere Pressefreiheit” und war damals Ausdruck einer gewerkschaftlich organisierten “Redakteursbewegung”. Sie wollten Mitbestimmung in den Redaktionen, nicht nur bei öffentlich-rechtlichen, sondern bei allen Medien. Daraus wurde nichts.

Unten raus kamen in den öffentlichen Anstalten gewählte Redakteursausschüsse, deren Vertreter*innen dabeisitzen (z.B. im Rundfunkrat) und auch was sagen dürfen. Aber auf keinen Fall irgendwas bestimmen. Ulrich Pätzold schreibt immer noch, aber nicht mehr in Dortmund, sondern in Berlin. Und keine Sachbücher, sondern Romane. Es sei ihm gegönnt. Er hat viel und Grosses geleistet.

Wie komm ich drauf? Michael Maier/Berliner Zeitung schreibt: Öffentlich-Rechtliche: Götterdämmerung der Arroganz im Norden – Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gärt es. Immer mehr Journalisten melden politische Missstände. Ein besonders krasser Fall erschüttert den NDR. “ Was Maier da in wünschenswerter Ausführlichkeit und Deutlichkeit beschreibt, ist Redaktionsalltag, öffentlich-rechtlich und privat.

Neu ist, dass – eine hübsche Parallele zur weit grösseren #metoo-Bewegung – nach der erfreulich selbstbewussten Reaktion der RBB-Beschäftigten die Betroffenen es wagen, sich über solche Vorgehensweisen öffentlich zu beschweren und selbstbewusster ihre Rechte einfordern. Bzw. bisher versagte Rechte erst mal zu installieren. Das ist eine gute Entwicklung.

Dass diese Entwicklung durch Recherchen eines Mediums des Springerkonzerns ausgelöst wurde, macht sie nicht falsch. Die Hidden Agenda dahinter ist selbstverständlich, das machen z.B. die Reflexe im FAZ-Feuilleton wunderbar sichtbar, die öffentlich-rechtlichen Medien sturmreif zu machen. Die Recherchen macht das nicht falsch. Denn die Anstalten sind ja selbstverschuldet sturmreif. Gedruckte deutsche Verlagszeitungen reagieren darauf so begeistert-hitzig, weil sie und ihre Verlage schon einen Schritt weiter sind – abgängig.

Es öffnet sich jetzt ein Fenster der Gelegenheit für Neuordnung. Die Rechtlosen könnten aufstehen und mit viel Lärm auf sich aufmerksam machen. Das ist gut so. Es sind die sog. “freien Mitarbeiter”*innen-Massen, die das Programm bzw. “das Blatt” machen. Sie liefern Ideen, Inhalte, Produkte sende- und druckfertig. Sie haben aber keine Rechte – und werden scheisse bezahlt und dauerhaft prekär beschäftigt. Anders als die teuer bezahlten Unternehmer*innen, die uns in der Glotze als Talkmaster*innen vorgesetzt werden. Die Prekären da unten müssen wehrlos zusehen, wie ihre Arbeit verfälscht, umgedreht oder ganz wegzensiert wird. Was die FAZ hier aus einem französischen Medienhaus berichtet – Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass “sowas” in Frankfurt nicht passiert?

Update nachmittags: zum Weiterlesen recht instruktiv und die in die gleiche Richtung weisend: Interview von Harald Neuber/telepolis mit Sabine Schiffer: RBB-Skandal: ‘Keine Demokratie ohne Demokratisierung der Medien’ – Über den Versuch, die aufkommende Medien-Reformdebatte abzuwürgen sowie die Notwendigkeit von Publikumsbeteiligung und Transparenz.”

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net