Rezension

Das im Juni 2022 in deutscher Übersetzung erschienene Buch der beiden US-amerikanischen Professoren Noam Chomsky und Marv Waterstone basiert auf ihrer Vorlesungsreihe „Was ist Politik?“ von Anfang 2019 an der University of Arizona, also vor Corona und vor dem Krieg in der Ukraine. Es entstand eine gut lesbare Analyse des kapitalistischen Systems mit Schwerpunkt auf den USA. Die Ursachen für die Krisen in der Welt sowie die Bedrohungen für die Menschen werden analysiert. Zudem betonen die Autoren die Einsicht in die Notwendigkeit und die Möglichkeiten eines wirksamen Handelns im Rahmen einer auf breite Bündnisse abzielenden Politik.

Wichtiger als schnelle Antworten ist das Formulieren der richtigen Fragen. Diesem Ansatz folgen beide Autoren. Eine zentrale Rolle in diesem Buch spielt der „gesunde Menschenverstand“. Dieser schillernde Begriff bildet den Ausgangspunkt für Antworten auf eine grundlegende Frage: Wie kommen die Menschen zu ihrem Verständnis darüber, wie die Welt funktioniert? Chomsky und Waterstone machen verständlich, auf welche Weise unser Leben und unsere Wahrnehmungen von den Interessen der herrschenden Klassen bestimmt werden. Diesen Prozess der Erkenntnis begreifen sie als Anwendung, Verstärkung und Modifizierung dessen, was als „Common Sense“ oder „gesunder Menschenverstand“ gilt. Dieser Prozess ist nie völlig abgeschlossen, er war und ist meist hart umkämpft. Die Nutznießer der bestehenden Verhältnisse sind dabei immer darum bemüht glauben zu machen, dass die Welt genauso ist, wie sie sein und bleiben sollte.

Chomsky und Waterstone sehen trotz und auch gerade wegen der vielfältigen Krisen, der Kriege und zunehmenden Bedrohungen für die Menschen Chancen für das Erreichen einer gerechteren und nachhaltigeren Gesellschaft. Erforderlich ist dafür, das Neben- und teilweise Gegeneinander der sozialen Bewegungen zu überwinden, indem die den Krisen und Konfliktfeldern zugrundeliegenden inneren Zusammenhänge begriffen und nutzbar gemacht werden für gemeinsames politisches Handeln.

Gut bekommt diesem scharfsinnigem Buch die Teilung der Kapitel in einen zunächst theoretischen, konzeptionellen und historischen Überblick zum jeweiligen Thema, basierend auf den Vorlesungen von Marv Waterstone und den sich anschließenden konkreten historischen und aktuellen Beispielen, die – auf Basis der Vorlesungen von Noam Chomsky – die analytischen und abstrakten Überlegungen veranschaulichen. Das Ganze liest sich wie ein Gespräch und ist im Ton eher locker. Zudem erwartet die Leser*innen manch unerwartetes Detail (nicht nur zur Kubakrise).

Auch wenn letztlich eine eher nüchterne Aussicht auf die Zukunft dominiert, verweisen die Autoren immer wieder auf die für gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit aktiv handelnden Menschen als Licht am Horizont.

„Wird die große Masse der Menschheit, die dabei nur gewinnen kann, sich erheben und damit einen neuen Kurs erzwingen? Davon wird unsere gesamte Zukunft abhängen.“ (Chomsky/Waterstone, Seite 444)

Noam Chomsky / Marv Waterstone, Konsequenzen des Kapitalismus. Der lange Weg von der Unzufriedenheit zum Widerstand. Aus dem Englischen von Michael Schiffmann, Westend 2022, 464 Seiten, 30,00 Euro

Über Gert Samuel / Gastautor:

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