Und eine Ideologie der Gleichgültigkeit – Die afrobrasilianische Bevölkerung nach vier Jahren Bolsonaro

Brasilien ist das Land mit der größten schwarzen Bevölkerung außerhalb Afrikas. Vermutlich leben nur in Nigeria mehr schwarze Menschen als in Brasilien. In Nigeria wird aber nicht von Negros/Negras (Schwarzen) gesprochen wie in Brasilien, sondern von Nigerianer*innen. „Schwarze“ ist eine Erfindung der sogenannten „Weißen“, ebenso wie die Bezeichnung „Weiße“. In der durch die Versklavung afroamerikanischer Menschen geprägten Gesellschaft Brasiliens ist die Hautfarbe bis heute ein entscheidender Faktor dafür, wie Menschen leben und welche Möglichkeiten sie haben oder nicht haben.

Alle sozialen Indikatoren zeigen heute, dass Rassismus und Geschlecht nach wie vor sozioökonomische, kulturelle, politische und ökologische Ungleichheiten bedingen. In den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wohnen, Wasserversorgung und öffentliche Sicherheit zeigt sich ein erschreckender Mangel an sozialer Empathie. Von den fast 700000 Todesfällen durch Covid-19 in Brasilien waren bisher die meisten Schwarze. Hunger und Unterernährung (unter denen heute wieder mehr als 33 Millionen Menschen leiden) betreffen viel häufiger die schwarze Bevölkerung, insbesondere Haushalte, die von Frauen geführt werden. Gleichzeitig sind vor allem schwarze Jugendliche vom Staat ermordet und in Gefängnisse gesteckt worden. Die häusliche Gewalt nimmt weiter zu: Während der Pandemie erfuhr alle acht Minuten eine Frau Gewalt, mehr als die Hälfte der Betroffenen war schwarz. Entsprechend wurden schwarze Frauen überproportional Opfer von Frauenmorden (von den 1350 Opfern von „Feminicidios“ im Jahr 2020 waren die meisten schwarze Frauen). Schwarze Frauen sind diejenigen, die am meisten unter sozialer Ungleichheit leiden.

„Ideologie der Gleichgültigkeit“

Der Rassismus in Brasilien ist gewaltig und alles durchdringend, er ist strukturell, systemisch, symptomatisch und endemisch. Um ihn besser bekämpfen zu können, werden seine verschiedenen Ausdrucksformen in unterschiedliche Bereiche aufgeteilt: institutioneller, umweltbezogener, religiöser, kultureller, erzieherischer, ernährungsbezogener und freizeitbezogener Rassismus. Alle diese Rassismen durchdringen sich gegenseitig und erzeugen Synergien, die es der Mehrheit der schwarzen Bevölkerung (ebenso wie der indigenen Bevölkerung) erschweren, den Kreislauf der Jahrhunderte alten Unterdrückung/Subalternität zu durchbrechen. Die Covid-19-Pandemie hat diese Strukturen noch einmal verschärft.
Auf jeden Fall lässt sich leicht feststellen, dass die „Ideologie der Gleichgültigkeit“ ein sehr wichtiger Faktor ist. Diese Ideologie wird seit der Sklaverei praktiziert, als die Portugiesen mit Schwert und Kreuz in dieses Gebiet eindrangen und bald darauf mit der Gewinnung des Holzes von Pau Brasil (Brasilholz) den Ökozid und mit der Versklavung von Ureinwohner*innen und Afrikaner*innen den Völkermord begannen. Die weißen Mittel- und Oberschichten leugnen bis heute die Existenz von Rassismus und rassistischer Diskriminierung in Brasilien.

Ein Brennpunkt der Gewalt ist heute die Amazonasregion. Dort konzentrieren sich nach einem Bericht der katholischen Landpastorale „Comissão Pastoral da Terra“ (CPT) 80 Prozent aller Morde bei Landkonflikten. In ganz Brasilien ist die Zahl der Todesfälle bei Landkonflikten zwischen 2020 und 2021 um 75 Prozent angestiegen, wobei alleine mindestens 101 Yanomami-Indigene in Amazonien ermordet wurden. „Die Gewalt in dieser Region zeigt nicht nur die Grausamkeit von Landraub und Großgrundbesitz, sondern auch, welche Auswirkungen die Maßnahmen des brasilianischen Staates zum Schutz der Landwirtschaft haben“, sagt die CPT. Unter „Landwirtschaft“ wird in Brasilien die industrielle Agrarproduktion des Großgrundbesitzes verstanden, die fast immer mit der Vertreibung von Kleinbäuer*innen einhergeht. Natürlich ist es die Entscheidung jedes Einzelnen, ob er Gewalt anwendet, aber die von der Regierung Bolsonaro gesendeten Signale und deren Polemik gegen indigene Landrechte sowie die Tatsache, dass die Verantwortlichen für Verbrechen bei der Vertreibung von Kleinbäuer*innen und Indigenen in der Regel keine Strafverfolgung befürchten müssen, schaffen ein beängstigendes Klima, in der die Gewalt zum Normalfall wird.

Zunahme von Gewalt

Das systematische Wegsehen der Strafverfolgungsbehörden und der faktische Abbau des Staates führen dazu, dass sich im Amazonasgebiet legale Wirtschaftsaktivitäten und illegale Geschäfte (Schmuggel, Drogen- und Menschenhandel) vermischen. Sie nutzen dieselben Kanäle, um ihre „Waren” in andere Regionen Brasiliens, nach Afrika, Asien und Europa zu schaffen. Nur selten werden Verbrechen in Amazonien international zur Kenntnis genommen. Eines der wenigen, das in den letzten Monaten größere Aufmerksamkeit erregte, war die brutale Ermordung des indigenen Aktivisten Bruno Araújo Pereira und des britischen Journalisten Dom Phillips, die zu Landraub in Amazonien recherchiert hatten. Sie wurden erschossen, ihre Leichen zerstückelt, angezündet und in einem Gebiet in der Nähe der Gemeinde São Rafael in Atalaia do Norte, Amazonas, vergraben.

Vieles deutet daraufhin, dass die Zunahme der Gewalt vor allem auf den „Antiglobalismus“ des derzeitigen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro zurückzuführen ist. Dieser „Antiglobalismus“ richtet sich gegen die UNO und andere internationale Organisationen, die die Rechte von Frauen, Schwarzen, Indigenen und LGBTQIA+ verteidigen. Der Präsident stellt ein tradiertes Bild von Familie, Vaterland und Gott über alles, wie er und seine Anhänger*innen immer wieder skandieren. Das fördert Rassismus, Machismus und Frauenfeindlichkeit und unterstützt den religiös-christlichen Fundamentalismus, der vor allem evangelikal ist: Er äußert sich als „bewaffnetes Christentum“ und „Wohlstandsglaube“ (Gott belohnt den mit Wohlstand, der ihm folgt).

Gegner sind Feinde und müssen eliminiert werden

Für die „antiglobalistische“ Regierung Bolsonaro sind Gegner Feinde und müssen als solche notfalls physisch eliminiert werden. Im ersten Halbjahr 2002 gab es bereits 214 politische Morde gegenüber 161 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Angriffe treffen vor allem Schwarze und Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen und Selbstwahrnehmungen als die heterosexuelle Mehrheit. Die aktuellen Mobilisierungen der Anhänger*innen des Präsidenten klingen weniger nach Wahlkampf als nach einem Aufruf zum Krieg. Das ist auch deshalb besorgniserregend, weil immer mehr Militärs in der Regierung und der Verwaltung tätig sind: Nach den offiziellen Daten von 2021 waren im Vorjahr 6175 Mitglieder der Streitkräfte in zivilen Stellen beschäftigt, 2019, im ersten Jahr der Regierung Bolsonaro, lag die Zahl noch bei 3500.

Auch wenn politischer Druck von oben keineswegs zwangsläufig Gegendruck von unten erzeugt, gibt es glücklicherweise eine deutliche Zunahme des Mutes und des kollektiven Selbstbewusstseins innerhalb der schwarzen Bewegung. Diese ist nach wie vor viel zu klein, um die mehr als 130 Millionen Schwarzen in Brasilien zu repräsentieren. Aber die AMNB (Vereinigung brasilianischer schwarzer Frauenorganisationen) und die „Coalizão Negra por Direitos“ (Schwarze Koalition für – soziale und bürgerliche – Rechte) haben es geschafft, dass bei diesen Wahlen 2022 zum ersten Mal mehr als hundert schwarze Kandidat*innen, die mit dem Kampf gegen den Rassismus verbunden sind, zur Wahl antreten werden, und zwar nicht nur als Einzelkandidat*innen, sondern auch in kollektiven Wahlvorschlägen. Für uns Schwarze, von denen viele aufgrund von Abhängigkeiten und schon in der Kindheit erworbenen Prägungen zu mächtigen, in der Regel konservativen Führungspersönlichkeiten tendieren, ist es nicht leicht, das politische Bewusstsein zu erweitern.

Chile und Kolumbien ermutigen

Bei den Wahlen im Oktober 2022 werden mehr als 156 Millionen Menschen in Brasilien wahlberechtigt sein. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der derzeitige Präsident Bolsonaro weiterhin den Ideen von Donald Trump folgen und versuchen wird, die Wahlergebnisse, sollten sie nicht in seinem Sinne sein, zu annullieren und zu delegitimieren. Bereits jetzt verkündet er öffentlich, die elektronischen Wahlurnen seien nicht zuverlässig, und lässt jede Menge „Fake News“ verbreiten. Vieles wird neben den Mobilisierungen der sozialen Bewegungen auch vom Ausgang von Auseinandersetzungen innerhalb der gesellschaftlichen Machtgruppen (zwischen Bolsonaro-treuen und unabhängigen Militärstreitkräften, den großen Medien, den Kirchen und religiösen Gruppen) abhängen. Der Wahlkampf wird geführt und wir sind mittendrin. Die Ergebnisse in Chile und Kolumbien ermutigen uns.

Unabhängig von den Wahlergebnissen werden alternative Konzepte zum Nekro-Neoliberalismus (todbringenden Neoliberalismus) weiterhin auf der Tagesordnung stehen. Vor allem die Vorschläge, Grundsätze und Werte, die in Amerika unter „Teko Porã“ (Guarani), „Sumak Kawsay“ (Quechua) „Buen Vivir“ (Spanisch), „Bem Viver“ (Portugiesich) und vielen anderen Namen diskutiert werden und die für Leonardo Boff und Bernardo Toro das geltende “Paradigma des Erfolges” ersetzen sollen: Keine Kommerzialisierung der Natur (einschließlich Wasser, Wälder, Mineralien, menschlicher Organe und der Menschen selbst); Nein zum Konsumismus; Kooperation statt Konkurrenz; Respekt vor dem Wissen der Vorfahren; Unterordnung der Ökonomie unter die Ökologie; Selbstfürsorge und Sorge für andere, egal, ob sie Einheimische oder Zugewanderte sind, in öffentlichen Einrichtungen wie dem Gesundheitssystem, dem Bildungswesen oder den Sicherheitsorganen; Fürsorge für den Planeten, was vor allem die Abschwächung aller Faktoren beinhaltet, die den Klimawandel verursachen.

Nilma Bentes ist Agrarökonomin, Gründungsmitglied von CEDNPA (Zentrum zur Verteidigung der Schwarzen Bevölkerung im Bundesstaat Pará), Mitglied im Netzwerk Fulanas NAB (Schwarze Frauen im brasilianischen Amazonasgebiet) und Mitorganisatorin des „Marcha das Mulheres Negras“ gegen Rassismus, Gewalt und für das Gute Leben 2015. Übersetzung: Laura Held. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 458 Sep. 2022, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Nilma Bentes / Informationsstelle Lateinamerika

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