Selten hat eine Bezeichnung in kurzer Zeit einen solchen Begriffswandel erlebt wie das Wort „Querdenker“. Bis vor wenigen Jahren galten Personen als Querdenker, die eigen­ständig und originell dachten. Deren eigenwillige Positionen waren meist mit den herr­schenden Ansichten nicht vereinbar und trafen auf Unverständnis oder Widerstand. Doch Neues kann oft nur entstehen, indem man sich von den Routinen befreit und im Zweifel quer zu den herrschenden Grundüberzeugungen zu denken beginnt. Querdenken ist nö­tig, um einen Gegenstand aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Oft haben Quer­denker einmalige Leistungen erzielt, es waren anerkannte Persönlichkeiten. Denken wir an Darwin, Einstein, Freud oder Kopernikus. Insofern liegen Ablehnung und Bewunderung nahe beieinander.

Seit 2008 gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz den QUERDENKER-Club, eine Wirtschaftsvereinigung für Kreativität, Ideen und Innovation mit rund 100.000 Mitglie­dern. Er vergibt jährlich Querdenker-Awards (Auszeichnungen) an Unternehmen, soziale Einrichtungen und Personen, die Ideen und Innovationen erfolgreich umgesetzt haben. Sein selbstgestecktes Ziel ist es, Impulsgeber, Regelbrecher, Mutmacher und Zukunftsma­nager interdiszipli­när und branchenübergreifend zu vernetzen.

Doch – so scheint es – die Wörterbücher müssen umgeschrieben werden. Heute denken wir bei Querdenkern eher an Corona-Leugner, Neonazis, Verschwörungsideologen, Impf­gegner, Esoteriker, Hassprediger, Reichsbürger oder Weltuntergangskünder. Dieser Be­deutungswechsel war eigentlich undenkbar, das hätte niemand gedacht. Noch nicht ein­mal die Querdenker selbst. Startschuss für die neuen Querdenker war der Wider­stand ge­gen die Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus. Die dabei vereinten Protestler haben nicht besonders viele Gemeinsamkeiten; zum Teil bleiben sie friedlich, zum Teil sind sie gewaltbereite Extremisten.

„Die neuen Querdenker – ein Fall von Begriffsraub“ schrieb die Neue Zürcher Zeitung. In der Tat wird dieser honorige Begriff pervertiert, wenn sich rabiate Wutbürger so bezeich­nen. Leider haben auch seriöse Medien dieses Spiel mitgemacht. Sie haben die Selbster­nennung von Hasspredigern als Querdenker in ihren Berichten übernommen, zunehmend ohne Anführungszeichen.

Im Juli 2020 gründete sich als politischer Arm der Querdenkerbewegung sogar eine Partei, die Basisdemokratische Partei (“die Basis“). Sie sieht ihren Schwerpunkt im Kampf gegen die Coronamaßnahmen der Regierungen. Zur Bundestagswahl hatte sie rund 30.000 Mit­glieder und erhielt 1,6 % der Zweitstimmen. Damit kam sie sogar in den Genuss der Wahl­kampfkostenerstattung.

Jetzt müssen wir darüber nachdenken, wie die Querdenker tatsächlich denken? Oder hei­ßen sie nur so, weil sie nur quer und nicht geradeaus denken können? Wissen wir, ob sie ihre Gedanken stets unter Kontrolle haben? Sollen wir ihnen sicherheitshalber eine Denk­pause auferlegen? Oder gar ein Denkverbot – mit einer begrenzten Bedenkzeit? Aller­dings weiß niemand, was passiert, wenn sie das Denken einstellen. Manchmal geht es eben im Kopf durcheinander. Die Gedanken kreisen in wirren Bahnen. Möglicherweise be­finden sich einige Querdenker in einer solchen Phase. Sie können kaum noch einen kla­ren Gedanken fassen. Ungewollte Denkstörungen breiten sich aus, die Gedanken spielen verrückt.

Eine bedenkliche Entwicklung. Da wird sogar ein Querdenker nachdenklich. Nun müsste er sich etwas Durchgreifendes, etwas Undenkbares ausdenken. Er braucht einen durch­dachten Denkanstoß. Vielleicht einen Gedankenaustausch mit einer Querden­kerin. Da spielen sich dann denkwürdige Szenen ab. Der eine verharrt im Gedenken an das Deut­schen Reich, und die andere fällt in Gedankenlosigkeit. Da denkt jeder gedankenver­loren vor sich hin, ohne dass sich Bedenkenswertes tut. Von der Kraft der Gedanken ist nichts zu spüren.

Vielleicht sollten wir mit dem Gedanken spielen, den Querdenkern zu helfen, ihren Gedan­kenfluss und ihr Denkvermögen zu ordnen. Mit geeigneten Gedächtnisstützen und Denk­sportaufgaben könnten wir ihre Denkblockaden lösen und ihre Gedankenarmut bekämp­fen. Vielleicht gelingt es uns sogar, sie für Gedankenfreiheit zu begeistern und ihnen Freu­de an vielfältigem Denken und an der Aufdeckung von Denkfehlern zu vermitteln.

Da muss man es schon mal hinnehmen, dass Gedanken unterdrückt werden oder aufein­anderprallen. Dass einige Querdenker bedenkenlos versuchen, gegenseitig ihre Ge­danken zu kontrollieren und sich Denkzettel zu verpassen. Dass sie sich in Gedanken versun­ken Sorgen um ihre Denkprozesse machen. Das darf man den Querdenkern nicht verden­ken. Da muss man sich keine Gedanken machen. Der letzte Querdenker wird dann in ei­ner Gedenkfeier als Querdenker-Andenken unter Denkmalschutz gestellt.

Über den/die Autor*in: Heiner Jüttner (Gastautor)

Der Autor war war 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.