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Eskapismus am Feiertag

ZDFneo – gut gemacht

Während deutsche Politiker*innen – ob nun aus intellektueller Bräsig- oder Bösartigkeit – das im-Krieg-sein zu normalisieren beginnen, und in Brasilien – von deutscher Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – weiter gegen den Faschismus und die Zerstörung menschlichen Lebens auf diesem Planeten gekämpft wird – ist das deutsche Fernsehen die letzte Zuflucht vor dem grassierenden Selbstzerstörungsmechanismus der herrschenden Herrschaft. Das deutsche Fernsehen? Nein. Nicht das Ganze. Aber ZDFneo, der “Barnaby”-Sender.

Heute werden die ersten fünf Blockbuster des vielleicht grössten deutschen Komikers der jungen Vergangenheit Otto Waalkes linear am Stück aufgeführt. Und das Schöne: sie stehen zumindest diese eine Woche auch in der Mediathek. Was die meisten nicht wissen: Waalkes als Komiker trat zwar als Solist auf, war aber ein Teamarbeiter. Die grössten schreibenden Komiker der West-BRD, Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr. waren die tragenden Säulen seines Teams. Alle zusammen hatten die Industrialisierung der Medienproduktion begriffen, adaptiert und für sich selbst perfektioniert.

Aus heutiger Sicht sind diese Filme ein kulturgeschichtliches Zeitdokument. Sie entstanden in den Jahren, in denen der Bundeskanzler Helmut Kohl und all seine reaktionären Hintersassen der BRD eine “geistig-moralische Wende” rückwärts zu verordnen versuchten. Und es waren Waalkes und seine Autoren, die das weit effektiver konterten, als die intellektuell verschlafenen damaligen Oppositionsparteien. So mancher mittelmässige Pennälerwitz war in jener Zeit ein subtiler politischer Widerstand. Anders als viele heutige sog. TV-“Kabarettisten”, widerstanden sie jeder Versuchung, sich über darniederliegende Linke oder Unterprivilegierte herzumachen. Das war damals und ist heute keine Marktlücke. Aber viele sind halt zu doof, das zu kapieren.

Waalkes und die Titanic-Gründer waren es nicht. Mein Lieblingsfilm war der dritte, “Der Ausserfriesische”. Zum einen, weil hier der geniale Komiker und Journalist, und ausnehmend nette Mensch Horst Tomayer in einer schönen Nebenrolle zu sehen ist. Und weil die Aussenaufnahmen in meinem langjährigen Karnevalsexil Greetsiel gedreht wurden. Damals, als es noch mein Stammlokal “Die Börse” (damals noch nicht gentrifiziert) von Hermann Witzke gab, und der Deich am Hafen die Tribüne des Fussballplatzes des TV Greetsiel war. Eine schöne Zeit, in der viele Greetsieler noch vom Krabbenfischen leben konnten, dessen letzten Tage in Waalkes’ Film angemessen und stilsicher persifliert werden. Ein Zeitdokument (als deutsche Tennisstars die Weltspitze belegten!) – und eine schöne persönliche Erinnerung.

Werner

Nicht so genial wie Waalkes, aber zeitweise ähnlich erfolgreich, war der Karikaturist Rötger Feldmann, der unter dem Künstlernamen “Brösel” ein ähnliches Witz-Imperium aufzubauen versuchte. Meine Sympathie für alles Norddeutsche, je irrer umso besser, vermochte er zeitweise zu packen. Die Filmproduktion gelang ihm leider nicht annähernd so gut. Einzelne starke Szenen sind dabei. Aber die Geschmäcker sind verschieden. Prüfen Sie selbst. Auch die werden ab heute in der ZDF-Mediathek angeboten.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Der Maschinist

    Ok, bei DEM Eskapismus gehe ich gerne mit. Und auch die Einschätzung der beiden Künstler (Waalkes & Feldmann) geht soweit in Ordnung. Otto hab’ ich allerdings nicht annähernd so geliebt, wie Werner. Das mag eine Alters/Generationsfrage gewesen sein. Doch die ersten Werner Comix waren für die Achtziger wirklich ein Ausbruch aus der Konvention, einfach weil es sie derartig anarchistisch und hedonistisch bis dahin (für mich) nicht gab. Da haben wir uns beim örtlichen Getränkeverlag sogar kistenweise Flensburger bestellt, wenn es einen neuen Band zu feiern gab.

    Der erste Werner-Film (Beinhart, 1990) war zwar der bessere von allen die da noch folgen sollten. Doch auch er war schon wirklich schlecht. Was für eine Enttäuschung! Acht Bände der Comics haben sie in die Wurstmaschine geworfen und fast nichts hat an dem Spielfilm funktioniert – ausser einzelnen Storyboards wie sie aus den Strips übernommen wurden. Ob es daran lag, dass Bernd Eichinger oder RTL als Produzenten den Comics nicht getraut haben und deshalb ca. ein Drittel des Films in eine Märchenhandlung gepackt werden musste? Ich weiss es nicht. Was er uns allerdings geschenkt hat, war ein All-Star Cast des deutschen Films – oder dem was daraus noch werden sollte: Unter den Synchronsprecher:innen solche wie Ulrich Tukur, Eva Mattes und (natürlich) Jan Fedder, und unter den Schauspieler:innen der große Wolfgang Kleff (auch in “Otto – Der Film”), mein Ex-Nachbar Ludger Pistor und vor allen anderen, die kleine Meret Becker… in ihr Rumpelstilzchen bin ich noch heute schockverliebt… schöner war sie nie!

    Regie geführt hat bei dem Brösel Fiasko übrigens der große Österreicher(!) Niki List. Schonmal gehört? Dann kennen sie sicher “Müllers Büro” (1985). Wenn nicht… den Film gibt es als Raubkopie auf Youtube oder DVD (suchen müssen sie selber!). Das allerbeste, was es nach “Kottan” aus Österreich ins Deutsche Kino geschafft hat. Sogar den Soundtrack hab ich gekauft, damals… und wenn ich betrunken genug bin dann singe ich ihn auch nach fast 40 Jahren noch mit!

    Um den deutschen Nationalfeiertag zu begehen, erscheint mir eine solche Programmierung doch als überaus angemessen.

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