Andreas Rossmann und Horst Tomayer
Vieles wird heute besser als früher. Journalismus scheint nicht dazu zu gehören. Letzte Woche prophezeite Lutz Hachmeister im DLF (in seinem Schlusswort am Ende dieser Sendung), er werde als “Journalismus der Reichen und ihrer Stiftungen” überleben. Ein grosser Unterschied zum auf Papier gedruckten Journalismus der Vergangenheit wäre das nicht. Was aber tatsächlich auszusterben scheint sind Journalist*inn*en, die sich ein Berufsleben lang mit einem Thema oder einer Sache verbinden.
Zum Beispiel Andreas Rossmann/FAZ, der Ruheständler. In der FAZ lieferte er eine kenntnisreiche Buchbesprechung zum Nachkriegsstädtebau im Ruhrgebiet ab. Das Thema korrespondiert heute gut mit der GA-Reportage über Bonner Gross-Siedlungen. In Rossmanns Besprechung schimmert eine sanfte, aber sehr kenntnisreiche Kritik durch, die er sich während seiner langen Korrespondentenzeit, er ist nicht wie ich im Ruhrgebiet aufgewachsen, erarbeitet hat. Und ich unterstelle: es war nicht nur Arbeit, sondern auch Liebe. Das in der Besprechung lobend erwähnte Werk “Graue Architektur” habe ich – nur dank einer Rossmann-Besprechung darauf aufmerksam geworden – 2012 gelesen, mit wachsender Begeisterung. Es ist ein Fundus nicht nur von Architektur- sondern im besten Sinne politischer Sozialgeschichte von Nachkriegsdeutschland. Wie sein Ruhestandskollege Günter Bannas hoffe ich auch bei Rossmann, dass er uns noch viel schreiben wird. Beide haben gesehen und wissen sehr viel, was sie noch nicht geschrieben haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie würdige Nachfolger*innen finden werden.
Bei Horst Tomayer ist meine Sympathie nicht in persönlicher Bekanntschaft begründet, sondern ausschliesslich aus der Ferne. Zuerst, ein weiterer Fall dieser Art, als Hörer des Kritischen Tagebuch (WDR3), bei dem er seine Texte grundsätzlich immer selbst eingesprochen hat. Bayrischer Dialekt im WDR, wo gab es denn sowas? Aber Horst war rücksichtsvoll: es war hochdeutsch übersetzt, kein bayrischer Originaltext. Dann nahm ich ihn als Autor meines Namenspaten, des Berliner Extra-Dienstes wahr. Und siehe da, es war nicht nur gesprochen, sondern auch geschrieben lustig. Und grundsätzlich immer: politisch. Mein Freund Rudolf Schwinn, sein damaliger Redaktionskollege, hatte bei jeder Gelegenheit eine neue Tomayer-Schnurre parat. So wurde er mir schnell ein prominenter Begriff. Dann kam seine legendäre Fahrradtour, die er zuerst in der konkret veröffentlichte, seine Gastauftritte als Schauspieler bei Kir Royal (grad gestern habe ich es mir auf selbstgebrannter DVD noch mal angesehen, und beim Anblick des grossartigen Sammy Drechsel, noch so ein Fall, in der 6. Folge traten mir Tränen in die Augen) und in den Otto-Waalkes-Filmen, einer legendären Fusion von Neuer Frankfurter Schule, linksversiffter Kulturschickeria und höherem Blödsinn. Ja, vieles davon war sehr schön, und Horst Tomayer ein wichtiger Teil davon. Heute wäre er 80.
Auf den Jahrestag aufmerksam machte mich dieser Text von Fritz Tietz/taz, hier ergänzend ein würdiger Tomayer-Nachruf von Klaus Bittermann.