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Ausgestorben

Wo ist Diplomatie, wenn sie am meisten gebraucht wird?

Auffällig: von Selenskyj, irrlichternde deutsche Parlamentarier*innen und Talkshowgäste über irrlichternde iranische Oppositionelle bis zu Joe Biden (“Armageddon”, “mächtigster Mann der Welt”) werden Atomkrieg und Weltuntergang “normalisiert”, zunächst, indem er in das alltägliche Gerede integriert wird. Daraus lässt sich zunächst ableiten, an welchen Tagen sie alle in Geschichte und Physik gefehlt haben. Nützt aber nichts – bei allen Genannten handelt es sich um relevante weltpolitische Akteur*inn*e*n. Ausser die Talkshowgäste.

Schlimm genug. Heute wies nun ein Wissenschaftler*innen-Präsident darauf hin, wie wichtig Energiewende und Klimaschutz seien – in Deutschland. Ja gut, aber Deutschland ist nur ein Zwergstaat. Was tut seine Aussenpolitik dafür, dass alle andern mitmachen? In Brasilien ist in drei Wochen Stichwahl (Regenwald). Mit Russland spricht keine*r (Sibirien). China wird vorzugsweise provoziert. So what?

Selbst im eigenen Laden wird agiert, wie der Elefant im Porzellanladen. Frankreich wird nicht minder provoziert: von Pipelineprojekten bis zu Aufrüstungsmilliarden wird keine Gelegenheit ausgelassen, für Verwüstung und Zerstörung zu sorgen, wo einst – es war schon in diesem Jahrtausend – noch eine “deutsch-französische Achse” bestand. Frankreich war bis vor ein paar Tagen die letzte Atommacht, die noch mit Deutschland befreundet war.

In Zeiten, als die Bundesregierung noch funktionierte, kümmerten sich die Chefs von Kanzler- und Auswärtigem Amt darum, dass alle widerstreitenden Interessen in handhabbare Pakete des Gebens und Nehmens verpackt wurden. Das ist der Kern von Diplomatie, die bei Wikipedia durchaus treffend z.Z. so beschrieben wird:

“Diplomatisches Verhalten nennt man das Tun und Lassen eines Verhandelnden,

– das den Agierenden dabei Kompromissbereitschaft und den Willen bescheinigt, die Absichten und die Wünsche jedes Beteiligten zu erkennen;

– das sogenannte Win-win-Situationen sucht;

– das es möglichst vermeidet, andere Verhandelnde bloßzustellen oder in die Enge zu treiben;

– das geeignet ist, den langfristigen Nutzen zu maximieren (es wäre also undiplomatisch, sich einen kurzfristigen Nutzen zu sichern, dabei aber langfristig Nachteile oder Konflikte zu riskieren bzw. in Kauf zu nehmen).” (Fettschrift von mir)

Egal? Anderes ist wichtiger? Meine ich nicht. Aber wir haben ja Meinungsfreiheit.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Vielleicht sollten wir, statt Blog zu schreiben, eine Diplomaten-Nachhilfe-Schule gründen. Die alte Akademie genau diesen Zwecks des AA in Bonn-Ippendorf scheint immer noch leerzustehen. Da könnten wir künftige Ministeranwärter*innen aus aller Welt in Freundschaftsheterogenen Klassen schon mal die Krisenbewältigung üben lassen. A propos Atom: gestern interessante Doku in Alpha über einen Fast-GAU in den 70er Jahren (Govenor Bill Clinton) einer explodierenden Interkontinentalrakete im Silo in Arkansas – es ging NICHT der Sprengkopf hoch, aber es wurde deutlich, was das bedeutet hätte. Was mich erschreckt: BEIDE Seiten scheinen vergessen oder verdrängt zu haben, was Atomwaffen an Zerstörungskraft bedeuten.

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