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Rheinische Selbstermächtigung

30 Jahre Arsch huh, Zäng ussenander!

1992 brannten in Deutschland schon mal Flüchtlingsheime in Ost und West. “Anders” als weiss und deutsch aussehende Mitmenschen sahen sich in Lebensgefahr. CDU, CSU und die von Björn Engholm und Oskar Lafontaine angeführte SPD bereiteten die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl (Art. 16 Grundgesetz) vor. Im Bundestag gab es zu jener Zeit keine Fraktion, die dagegen Widerstand leistete oder überhaupt Opposition artikulierte. Heute kennen wir – aus anderen Zusammenhängen – die Begrifflichkeit “Kipppunkt”. Die Furcht engagierter Demokrat*inn*en war genau das.

In Köln gab es immer wieder gelungene Fusionen von Politik, Pop und Business. Warum nicht? Ich war und bin immer dafür, wenn es dem Fortschritt dient. Das gigantische “Arsch huh, Zäng ussenander”-Konzert auf dem Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt gestern vor 30 Jahren war so ein fortschrittlicher Kipppunkt, der seinen Teilnehmer*inne*n zeigte: ich bin nicht verzweifelt und allein – im Gegenteil, wir sind viele, und wir engagieren und organisieren uns jetzt. Objektiv haben wir damit das unwiederbringliche Umkippen dieser – damals frisch “vereinigten” – Republik nach Rechts knapp verhindert.

Um mir einen möglichst umfassenden Eindruck von solchen Veranstaltungen zu verschaffen, bevorzuge ich es in der Regel, nicht mitten im Gedränge zu stehen, sondern mir einen Demo-Zug von der Spitze bis zum Ende anzusehen – oder so eine Kundgebung einmal komplett zu umrunden. Es dauerte Stunden. Es war eine verzaubernde Atmosphäre, durch die vollen Südstadtstrassen zu streifen (der Chlodwigplatz reichte räumlich bei weitem nicht aus, die Menschenmassen aufzunehmen), und in diesen Strassenschluchten das Echo von Peter Brings’ “Ali” zu hören, eine Art Musikvideo, das für immer auf der Festplatte meines Hirns gespeichert und abspielbar ist.

Heute gibt es in der Köln-Arena ein Erinnerungskonzert, das im WDR-TV ab 20.15 übertragen wird. Ich hoffe, es gerät nicht – ebenfalls eine kölsche Besonderheit – allzu selbstbesoffen, und findet politischen Anschluss an die nicht minder heisse Gegenwart.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Der Maschinist

    Die Aufzeichnung der Jubiläumsveranstaltung "30 Jahre Arsch huh, Zäng ussenander!" von gestern Abend steht nun noch ganze 6(!) Tage in der #ARDMediathek! SECHS TAGE! #WTF, WDR???) https://www.ardmediathek.de/suche/30%20Jahre%20%22Arsch%20Huh%22

    • Martin Böttger

      Mutmasslich ist das der Deal, damit der Mörtschendaiss funktioniert.

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