Jahreszeitgemäss dämmert es jeden Tag früher. Fangen wir ganz oben an, bei Deutschlands reichsten Verleger*inne*n. Schock! Die Hälfte der Genannten ist nicht mal Milliardär*in. Nach den seit dem 19. Jahrhundert geltenden Gesetzen des Raubtierkapitalismus werden sie also morgen oder nächste Woche von Jeff Bezos, Mark Zuckerberg oder Elon Musk – oder gar irgendeinem Chinesen oder Inder – gefressen. Und der Staat, der sie doch beschützen müsste? Wird von einer “Ampel” regiert. Das Ende ist also nah.

Auf Platz 1 bei Bertelsmann geht es drunter und drüber. Da die Medien, die darüber berichten könnten, ihnen gehören, erfährt zum Glück niemand was. Ausser die Frankfurter Banken – die müssen natürlich informiert werden. So läuft das, wenn die Verlegerin (Liz Mohn) wilde Männer machen lässt.

Das gleiche Schema auf Platz 2. Friede Springer lässt den unter Testosteronüberschuss leidenden Mathias Döpfner nicht nur machen, sondern hat ihn mit Aktienanteilen gebunden. Der hat nun Vorstandsmitglied Ulrike Handel, kaum das sie eingetreten war, schnell wieder herauskomplimentiert. Die Dame hatte die vogelwild-reaktionären Redaktionen von Bild und Welt gegen sich aufgebracht, weil die Zahlen nicht stimmten, dass die kaum noch Lust hatten, ihrer alltäglichen rechten Hetzarbeit nachzugehen. Dabei sitzen die Jungs fast in jeder TV-Talkshow rum, diktieren dem Deutschlandfunk seine Nachrichten – und was ist der Dank? Keine*r kauft ihr Zeug. Die US-Aktionäre wollen Rendite sehen. Die wird immer kleiner. Rendite sucht Döpfner durch digitale Expansion in den USA (“Politico” – digitale Bezahl-Infos nur für Reiche und Bestimmer) – dafür braucht er diese schwierigen Partner. Die sind mutmasslich von diesem freidrehenden Despoten so genervt, dass sie entweder bald verkaufen – und wenns erwartungsgemäss keiner kaufen will, müssen sie warten, bis der alte Knochen endlich in Rente geht.

Platz 4 Burda: da gab es die Beendigung einer Ehe mit Frau Furtwängler, und irgendeinen Familienstreit, den ich wieder vergessen habe. Für mich relevante Medien erscheinen da nicht.

Platz 6 sind die Verleger von SWMH, die die Süddeutsche niedersparen – da ist immer was los.

Platz 9 ist die Funke-Mediengruppe. Ihre weibliche Führung Julia Becker hat nun entschieden, dem Zeitungsverlegerverband BDZV dauerhaft fernzubleiben, auch wenn o.g. Döpfner nicht weiter präsidiert. Ihr Vorteil: Tarifflucht. Wer dem Arbeitgeberverband nicht angehört, kann “Haustarife” frei aushandeln. Macht Arbeit, ist aber meistens billiger. Der Rauskauf der einstmaligen sozialdemokratischen Verlegerfamilie Brost (2013) plus die Übernahme zahlreicher wenig profitabler Druckwerke des Springer-Verlages waren nicht billig (zusammen knapp 1,5 Mrd.)- aber immerhin wurden sie den Geldverbrenner Bodo Hombach los. Nun sollen – wie immer – die Mitarbeiter*innen weiter bluten.

Woanders is auch scheisse

Konkurrenz durch öffentliche Medien ist kaum zu befürchten. Umso popanziger wird sie lobbyistisch und propagandistisch an die Wand gemalt. Und die dortigen Führungskräfte reagieren berechenbar schissig. Die gegenwärtig von dort (mit)bezahlte Fussball-WM und ihre Begleitumstände erweist sich als fulminantes Eigentor. Wie überflüssig sie sein können, beweisen sie im Zweifelsfall immer noch selbst am besten (Inhaltliches zur “Bürgergeld”-Hetze hier bei Christoph Butterwegge/Blätter).

Dass es im Flaggschiff deutscher öffentlich-rechtlicher Medien keine Korrektivfunktion gegen aus den 70er Jahren stammende reaktionäre menschenfeindliche Weltbilder gibt, und das Dickschiff Bayrischer Rundfunk von vorgestrigen CSU-Ideologien nicht lassen kann (2003 hatte die CSU noch 60%, zuletzt 37!), ist eine weitere offene Selbstzerstörung. Wer will sowas denn gegen AfD und FDP noch verteidigen?

Darum ist diese Einlassung des Tagesspiegel-Volontärs (!) Adrian Schulz absolut zeitgemäss. Und fast schon tödlich für einen geschwächten Organismus.

Noch woanders is auch …

In einem Paywall-Artikel der FAZ berichtet Roland Lindner über die ökonomische Lage der TV-Streaminganbieter in den USA, die angeblich “die Zukunft” repräsentieren. Das darf bezweifelt werden.

Marktführer Netflix schreibt angeblich überhaupt als Einziger schwarze Zahlen mit beängstigend niedriger Profitrate der getätigten Investitionen – und verliert bereits Abos.

Verfolger Disney+ hat mit Abos stark aufgeholt, verdient aber nichts daran (Verlust 1,5 Mrd.), und hat ähnlich Bertelsmann (s.o.)  in der Konzernspitze streng durchgefegt.

Netflix, Disney+, Hulu, HBO Max, Peacock, Paramount+, Amazon und Apple besetzen den US-Markt und führen im Weltmarkt. Da sind China und Indien nicht mitberücksichtigt, und europäische Zwerge (Telekom Magenta) auch nicht. Wie viele Abos erwägen Sie denn z.B.? Ich habe keins.

Die Konzerne versuchen sich nun mit Werbung aus dem Kostensumpf zu ziehen. Pay-TV mit Werbung? Da entsteht Hass – jedenfalls bei mir (bisher nur beim Sky- und Dazngucken in der Fussballkneipe).

Dann vielleicht Kostensenkung? Leute rausschmeissen? Produktionen billiger machen, also schlechter? Pffft …

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net