Beueler-Extradienst

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Betrachten wir’s mal von der albernen Seite

Manchmal denke ich, es wäre nicht das Schlechteste, die Deutschen stürben aus. („Stürben“ – allein schon dieser Konjunktiv rechtfertigt ein Aussterben.)

Angenommen, das deutsche Volk erlebte einen Ausbruch kollektiver Intelligenz – ich weiß, damit ist nicht zu rechnen, aber mal angenommen, das deutsche Volk gelangte (oder gelönge?) zu der Einsicht, erfolg-reicher könne es nun nicht mehr werden, und es sei am deutschesten, auf dem Höhepunkt der Evolution zu verschwinden, tja, dann sind wir alsbald ausgestorben wie der alemannische Beutelwolf, der friesische Pfeifhase oder die gemeine westfälische Sackratte, und Europa würde erleben, was Wolfgang Neuss schon vor Jahrzehnten gefordert hat: Eine gemeinsame Grenze von Frankreich und Polen… Na und? Würde der Welt etwas fehlen, so ganz ohne Deutsche? Man kann Aussterben ja durchaus auch als Erlösung empfinden, Erlösung aus unserer Unfähigkeit, mit Energie, Gesundheit, Finanzen, Klima, Einwanderung, Bildung, Transgender, Cyberattacken und Sabotage unserer kritischen Infrastruktur rational und glückbringend umzugehen, während sich die Fußballnation Deutschland gleichzeitig von kickenden Vaterlandsverrätern demütigen lassen muss …

Was würde denn der Welt ohne Deutsche fehlen? Die modernen deutschen Denker natürlich – Kubicki, Til Schweiger, Guido Maria Kretschmer, Steffen Henssler und dergl., außerdem selbstverständlich auch die Expertinnen für gesellschaftliche Events, Barbara Schöneberger, Heidi Klum, Claudia Roth, sowie Barbara Schöneberger und vor allem Barbara Schöneberger. Darauf für immer zu verzichten – das wird hart. Und ja, es ist traurig, wenn wir dann weg sind. Wir wohnen hier in Deutschland seit fünf Millionen Jahren. Erst kamen die Urmenschen von Afrika nach Europa. Hunderte und Tausende. Die hatten zunächst nicht mal eine Sprache. Die imitierten Tierlaute. Aber dann bekam jeder Stamm den passenden Dialekt zugewiesen, und so entstanden die Hessen, die Bayern, die Schwaben … Nur die Sachsen blieben bei den Tierlauten.

Wir Deutschen breiteten uns nicht nur in unserem Land aus, sondern auch in anderen Ländern. Denn schnell entwickelten wir Interesse an anderen Kulturen. Wir haben immer sehr gern fremde Länder betreten. Meistens im Gleichschritt. Bei uns sind sie auch alle einmarschiert – die Römer, die Hunnen, die Mongolen. Dschingis Khan hat in einer einzigen Nacht bei uns 32 Kinder gezeugt. Ein Vorgang, den man beim FC Bayern heute noch als Weihnachtsfeier kennt.

Ach, wir hatten so vieles, was andere Völker bis heute nicht haben. Wir hatten Antworten auf die größten Fragen der Menschheit. Gut, die Chinesen wissen, wie man Menschen mit Akupunktur heilt, die Amerikaner wissen, wie man Menschen zum Mars fliegt. Aber wir waren das einzige Volk der Erde, das wusste, warum ein Apfel sieben Prozent Mehrwertsteuer hat und Apfelsaft 19 Prozent.

Und deshalb, Völker der Welt, schaut auf dieses Land: Schon bald wird der Wind über Wiesen und Felder pfeifen und uns Sahara-Sand in die Augen treiben. Der Regen wird Sedimente von den Bergen in die Ebenen schwemmen und alles bedecken. Schichten über Schichten werden sich auf Deutschland schichten, und wenn in tausend Jahren Archäologen in Pullundern und mit Fusselbärten deutsche Reste ausgraben – was werden sie dann finden? Uns! Skelette in Jogginganzügen, den Joghurtbecher noch in der knochigen Faust oder die Gasrechnung zwischen den Zähnen, dann die Gebeine von deutschen Radfahrern, die Speichen noch zwischen den bleichen Rippen, und schließlich auch die Reste unserer Intellektuellen, die immer so schwierige Fragen stellten. Im 18. Jahrhundert Kant: „Was ist Moral?“, im 19. Jahrhundert Schopenhauer: „Was ist die Welt an sich?“, im 20. Jahrhundert Richard David Precht „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ und in der Jetztzeit schließlich Günther Jauch: „Rufen Sie jemanden an, oder nehmen Sie den Publikums-Joker?” Man wird finden, was von unseren Revolutionären Marx und Engels übrig blieb: Die Asche von Olaf Scholz.

Und damit, lieber Rest der Welt, kommen wir zu dem Thema, das euch sicherlich am meisten interessiert: Was erbe ich, was fällt für mich ab? Beruhigt Euch, Ihr Lieben, alles Wesentliche ist bereits festgelegt: Den Kölner Dom bekommen die Holländer. Die werden in ein paar Jahren froh sein für alles, was noch aus dem Wasser rausragt. Die Deutsche Bahn AG geht an die Chinesen. Wir können nicht verhindern, dass die irgendwann den Westen erobern – aber mit der Bahn kommen sie wenigstens einige Stunden später als erwartet. Die deutschen Call-Center bekommen die Taliban. Wenn die erstmal in einer stillgelegten Warteschleife fest hängen, werden sie sich freudig unserem Konsumzwang ergeben. Unsere katholische Kirche vererben wir dem Iran. Da können die Mullahs sich mal überlegen, ob sie nicht ständig hinter den Falschen her waren. Unsere Universitäten erhalten die Koreaner. Die können sie bei sich als Grundschulen weiter betreiben. Unsere Behörden kriegen die Thailänder als buddhistische Tempel. Damit sie auch weiter Orte der Meditation bleiben. Die deutsche Gemütlichkeit geht an die Schweden. Die kennen sie schon als „Flatrate – Saufen“, und den deutschen Humor erbt die Antarktis. Dort richtet er am wenigsten Schaden an.

Unsere politischen Visionen der letzten 30 Jahre haben wir aufgeschrieben. Die gehen an alle Völker. Auf dem Küchentisch im Reichstag liegt eine leere Din-A-4-Seite: Die könnt Ihr kopieren.

Unser Testament hinterlegen wir dort, wo Deutschland am deutschesten ist: Im Kyffhäuser oder auf der Loreley, im Media Markt oder bei Saturn, und zwar in einem Aktendeckel. Darin für die Ewigkeit festgehalten unsere letzten Worte: „Gottseidank! Wir haben’s geschafft: Endlich Sicherheit und Stabilität!“ Und das ist dann der Schluss vom Ende.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors von seiner Homepage.

Über Henning Venske / Gastautor:

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

Ein Kommentar

  1. Heiner Jüttner

    Die Deutschen sterben aus
    (Melodie „Es steht ein Haus in New Orleans“)
    Kabarett Sicherheitsrisiko 1980

    Es gibt ein schreckliches Gerücht,
    das geht von Haus zu Haus.
    Der eine glaubt’s dem andern nicht:
    Die Deutschen sterben aus.

    Der Kohl, der hat’s zuerst gesagt,
    bestätigt hat’s der Strauß,
    der Bischof hat es auch beklagt:
    Die Deutschen sterben aus.

    Die Bundesbahn wird still gelegt,
    die Zukunft ist ein Graus.
    Die Autobahnen leergefegt:
    Die Deutschen sterben aus.

    Kein Bangen mehr, wenn OPEC grollt,
    Sprit gibt’s in Saus und Braus.,
    weil keiner mehr zum Tanken rollt.
    Die Deutschen sterben aus.

    Wir kriegen keine Kinder mehr
    trotz Kindergartenbaus.
    Die Schulen stehen öd und leer.
    Die Deutschen sterben aus.

    Die Bundeswehr wird dichtgemacht,
    entlassen Mann und Maus.
    Die Fußballelf hat nur noch acht.
    Die Deutschen sterben aus.

    Beseitigt ist die Wohnungsnot,
    leer steht so machen Haus.
    Welche Riesenwohnungsangebot.
    Die Deutschen sterben aus.

    Einst suchten wir fürs Volk den Raum,
    wir wollten hoch hinaus.
    Zu Ende ist der schöne Traum.
    Die Deutschen sterben aus.

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