Autor Tomasz Konicz habe ich zuerst vor knapp 30 Jahren bei telepolis wahrgenommen. Ich lese ihn meistens mit Gewinn. Er liefert wie wenige Andere analytische Schärfe. Die jedoch immer irgendwann im Verlauf seiner Texte in eine apokalyptische Richtung umkippt (“kapitalistisches Weltsystem”). Hatten nicht schon Marx, Engels und Lenin den Untergang des Kapitalismus “vorhergesagt”? Deren – mehrheitlich – Vulgärinterpret*inn*en behaupten das. Ich kann da nicht mitgehen, weil ich von den Herren zuwenig gelesen habe. Von Konicz dagegen sicher nicht.
In diesen nun knapp 30 Jahren ist der Kapitalismus weiterhin existent. Und heterogen. Das sieht Konicz auch selbst, und mit dieser Heterogenität, all den innewohnenden Interessenwidersprüchen innerhalb der herrschenden Klassen: die wachsenden Kriegsgefahren. Das ist kaum zu leugnen.
In Konicz’ neuester Apokalypsenvorhersage gefällt mir, dass er vollkommen auf die Pathologisierung des Trump-Regimes (“irre”) verzichtet, sondern den rationalen strategischen Kern besser als viele Andere sichtbar macht. Für eine realistische Politik ist so ein Blick notwendig und hilfreich. Dass Konicz keinerlei Vorstellung einer Gegenstrategie entwickelt – das ist quasi schon sein “Markenzeichen”. Viele Redaktionen haben das offenbar irgendwann nicht mehr ertragen können, und er ist weitergewandert.
Als Leser bin ich aber dafür, mich dieser intellektuellen Anstrengung auszusetzen. Wenn Sie sich das ebenfalls zumuten wollen:
Tomasz Konicz/Untergrund-Blättle (Schweiz): “Empirebuilding von Grönland bis Feuerland: Alles muss in Flammen stehen! – Ein kurzer Überblick über die krisenbedingte Abwicklung der Rudimente amerikanischer Hegemonie durch die Trump-Administration.”
“Der menschliche Erkenntnisprozess ist prinzipiell unabschliessbar.” (Jungdemokraten, Leverkusener Manifest 1971).
Warum ist es apokalyptisch, das derzeitige Weltsystem “kapitalistisch” zu nennen? Sie verwenden diesen Begriff doch auch! Nunja, Marx und Engels haben tatsächlich seinen Untergang vorhergesagt. Sie rechneten aber nicht wie Einstein (in seinem Vergleich mit dem Universum) mit der Dummheit der Menschen, immer wieder die falschen Parteien zu wählen. Ich will jetzt nicht für den Sozialismus plädieren, da ich selbst 3 Jahrzehnte in einer pervertierten Form desselben leben musste, aber eine gemeinwohlorientierte Gesellschaft, in der alle ihr Scherflein beitragen, wäre besser als die pervertierte Form der sozialen Marktwirtschaft, in der wir jetzt leben. Peter Jelinek von GOODFORCES drückt es beispielsweise so aus: https://bsky.app/profile/peterjelinek.bsky.social/post/3lkqdzpct4c27
Zum ganzen Apokalyptikgerede, erlauben Sie mir doch, aus einem älteren Text zu zitieren:
“Die Systemkrise ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein in Schüben ablaufender, historischer Prozess zunehmender innerer Widerspruchsentfaltung des Kapitals, dass sich aufgrund konkurrenzvermittelter Rationalisierung seiner eigenen Substanz, der wertbildenden Arbeit entledigt und sowohl eine ökonomisch überflüssige Menschheit als auch eine ökologisch verwüstete Welt hineinlässt. Den an Intensität gewinnenden Krisenschüben, in denen die Krise manifest wird, geht somit eine lange latente Phase voraus, in der das aus dem Selbstwiderspruch des Kapitals resultierende Krisenpotenzial sich akkumuliert, zumeist in Gestalt ansteigender Schuldenberge oder Finanzmarktblasen, die dem System noch eine Art zombiehaftes Scheinleben ermöglichen.
Oberflächlich betrachtet, „funktioniert“ der Kapitalismus in diesen latenten Aufstiegsphasen einer Blasenbildung, es gibt keine manifesten Krisenphänomene, solange die Aktien-, Schulden, oder Immobilienblasen munter weiter wuchern und der an ihrer Produktivität erstickenden Warenproduktion kreditfinanzierte Nachfrage verschaffen – also gibt es für das bornierte linke Alltagsbewusstsein auch keine Krise mehr, alles läuft seinen bewährten, kapitalistischen Gang. Man kann wieder zu den guten, alten Wahrheiten zurückkehren und das mit dem Nachdenken erst mal wieder sein lassen. Zumal die Verheerungen ganzer Regionen, die das Kapital bei diesen Krisenschüben hinterlässt, die sich von der Peripherie in die Zentren fressen, nach einiger Zeit – dank der Vorarbeit der Kulturindustrie – schlicht verdinglicht werden, zu einer „neuen Normalität“ gerinnen und nicht mehr als Folge eines historischen Krisenprozesses wahrgenommen werden. Die Griechen sind nun mal bettelarm, die „Araber“ leben in gescheiterten Staaten, etc.”
Quelle: https://www.konicz.info/2020/12/09/der-linke-bloedheitskoeffizient/
Der kluge Jungdemokraten-Satz von 1971 am Ende meines Textes war übrigens nicht von mir. Ich war erst 14 und erst zwei Jahre später Mitglied. Wenn jemand aus der werten Leser*innen*schaft, weiss, wer “es” war, bitte melden! 😉