Offener Liebesbrief an den Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak
Bruder!
So treffend wie Elif Eralp selber hat niemand das sensationelle Ergebnis der Berliner Wahl zusammengefasst. „Die Liebe hat gesiegt!“ Nicht ganz so treffend allerdings war ihr hoffnungsvoller Nachsatz. Geschlagen seien „Hass und Hetze“. Das stimmt nicht. Wo immer die Liebe sich anschickt zu siegen, recken Hass und Hetze noch einmal ihre teuflischen Häupter empor. Vielleicht hat Elif das gar nicht bemerkt. Gilt doch die Liebe ihr. Hass und Hetze aber, Bruder Ferat, gelten dir. Den Grund dafür hast du selber reuevoll eingestanden:
„Ich habe einen Fehler gemacht.“
Eingelassen hast du dich mit einem kriminellen Neu-Köllner Clan. Hast Issa, den Patriarchen dieses Clans, als Vater verehrt und dir von ihm ein Handy in die Hand drücken lassen. Hast immer brüderlicher mit Firas Remmo, dem Lieblingssohn des Patriarchen, gechattet. Hast dich zu Clan-Hochzeiten einladen lassen. Hast gar deine arglose Tante und deine unschuldige Cousine in eine der fünfundsiebzig berüchtigten Immobilien dieses Clans einquartiert.
Aber was rede ich von Clan? Du selber hast dieses Wort als „rassistisch“ gebrandmarkt. Grossfamilie klänge besser. Ganz unrassistisch ist ein altes deutsches Wort für diese uralte Art des menschlichen Zusammenschlusses. Von „Bruderschaft“ haben wir immer geredet, die Spanier von „hermandad“. Auf etwa dreihundert verschworene Brüder schätzt der Verfassungsschutz den Remmo-Clan. Du bist so etwas wie der 301. Bruder geworden. Das war, du sagst es selber, dein Fehler.
Absolvo te, Bruder! Von diesem Fehler spreche ich dich von Köln nach Neu-Kölln feierlich los. Als ich nämlich, Bruder, so alt war wie du, habe ich einen ähnlichen Fehler begangen. Dabei war ich in Köln so gewarnt wie du jetzt in Neu-Kölln. So wie besorgte Neu-Kölln*erinnen dich vor dem Remmo-Clan gewarnt haben, so haben besorgte Kölnerinnen mich vor den Kölner Box-Clubs gewarnt. Berühmt waren sie gewiss, seit der legendäre Kölner Box-Meister Peter Müller („Müllers Aap“) vor den Kameras der ganzen Welt in Berlin nicht seinen Gegner, sondern den armen alten, herzensguten Ring-Richter k.o.geschlagen hat. Noch klingt mir Müllers Triumph-Gesang in den Ohren:
„Ring frei zur letzten Runde! Ring frei, jetzt komme isch! Bis zur letzten Runde Bleibt der gute Boxer frisch.“
Das sei, so gut das Lied klingen möge, nur die Zwischenstation auf dem Abstieg aus der Oberwelt in die Unterwelt, bekam ich zu hören. Warum habe ich wie du diese wohlgemeinten Warnungen alle in den Wind geschlagen?
Hier, wie bei allem völlig Unerklärbaren, ist die tiefenpsychologische Erklärung gefordert. Du warst, Bruder Ferat, zuerst im Management der Allianz-Versicherung. Schliesslich kamst du in den Innen-Ausschuss des Bundestags. Sag, Bruder, gibt es auf der Welt etwas Langweiligeres als das Management der Allianz, als die „Arbeit“ in den Ausschüssen des Bundestags in Berlin?
Ja. Noch langweiliger ist die „Arbeit“ im Westdeutschen Rundfunk in Köln. So langweilig jedenfalls wie dir jetzt war es damals mir. In meinem gelangweilten Busen erwachte wie in in deinem jene „Selige Sehnsucht“ nach Abenteuer, nach Gefahr, nach orientalischer Fülle des Lebens, von der die Hasser und Hetzer nichts ahnen, weil sie nie auch nur zwei Zeilen Goethe gelesen haben:
„Und so lang du das nicht hast, dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“
Auf dem Diwan zwischen Ost und West brüderlich vereint ihr beiden, Goethe und du, Bruder Ferat Ali Koçak! Nur ihr beiden?
“Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte.”
Abend war es, als ich, die Sporttasche mit den Boxhandschuhen lässig schlenkernd, gedankenlos unserem Boxkeller zueilte. Zwei Häuserecken davor fing mich einer ab: „Pscht! Keinen Schritt weiter! Die Polizei ist in unserem Keller. Wenn die unsere Mitglieder-Kartei finden!“
Es ist, du weisst es, so leicht, Fehler zu machen. Drei von uns hatten, leider auch sie, einen Fehler gemacht. Einen Einbruch. Keinen meisterhaften und in diesem Sinne ehrenhaften Einbruch wie er deinen Remmo-Brüdern in dem juwelenreichen Grünen Gewölbe in Dresden gelungen ist, sondern – oh Schande! – einen erbärmlich stümperhaften Einbruch in eine besonders schicke, aber eben auch besonders wehrlose Damen-Boutique. Was dann geschah, berichtet dir Wilhelm Busch besser als ich:
„Doch die brave Polizei kam, wie gewöhnlich, schnell herbei.“
Ab ging es, nicht in Boxhandschuhen, sondern in Handschellen, aus der schicken Damen-Boutique ins nicht ganz so schicke Polizeipräsidium. „Und unser Präsident?“ fragte ich beklommen. Zu dem hatte ich ein ähnlich gutes Verhältnis wie du, Bruder, zum Patriarchen Issa Remmo. Das, musste ich erfahren, sei das Schlimmste. „Der ist nicht einmal mit hinein. Der hat nur Schmiere gestanden.“ Unser verehrter Mini-Patriarch nichts als ein Schmierenkomödiant. Ich konnte es nicht fassen.
In tiefer Nacht, in grosser Heimlichkeit haben wir uns ein letztes Mal getroffen. Nicht unbedingt die Besten, aber doch, wenn ich das so sagen darf, die Intelligentesten in unserem Verein. Lange zu überlegen brauchten wir nicht: „Wir müssen uns selbst auflösen!“ „Und zwar sofort.“ „Nur das wird die Polizei mitmachen.“ „Erfahrungsgemäss“. „Weil es ihr unendlich viel Arbeit erspart.“
Selbstauflösung!
Das sei, lieber Bruder Ferat, das Stichwort für deinen nächsten Chat mit deinem Remmo-Bruder Firas.
Selbstauflösung ist die Lösung, die intelligenteste immer, manchmal sogar, ich spreche aus Erfahrung, die einzige.
Selbstauflösung nicht nur der Remmos, sondern aller dreizehn Bruderschaften, die sich zur Zeit auf dem west-östlichen Diwan in Berlin tummeln. Geschätzte 10.000 Brüder, die sich zwischen Beirut im Osten und Berlin im Westen ganz von selber, ganz friedlich, ganz einfach irgendwie auflösen sollten.
Selbstauflösung ist Liebe! Jene Liebe, die unsere Elif in der Nacht des Wahlsiegs beschworen hat. Jene liebevolle Selbstauflösung, mit der ihr jetzt die neuen unvorhergesehenen Hindernisse für Elifs Einzug ins Rote Rathaus brüderlich ausräumen könnt.
Selbstauflösung sei´s Panier! In Neu-Kölln jetzt wie damals in Köln. Mit diesem brüderlichen Zuruf schliesse ich, lieber Bruder Ferat Ali Koçak, dich und mit dir alle dreihundert Remmos, in mein liebendes Bruderherz!
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog des Autors, mit seiner überaus freundlichen Genehmigung.

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