Pakistan, Indien, die Medien und die Jugend
In Delhi wurden am Samstag und in der Nacht davor mindestens 7000 junge Menschen verhaftet, darunter auch der Gründer der Kakerlaken-Partei (Cockroach Janta Party), Abhijeet Dipke. Es wurde sogar ein Fussballstadion in ein provisorisches Gefängnis umgewandelt. Dazu wurden 48 Metrostationen in der Hauptstadt gesperrt und 245 Züge mit Ziel Delhi gestrichen.23.000 Polizisten und Paramilitärs machten die 35 Millionen Einwohnerstaat zu einer Festung, das Internet wurde auch abgestellt. Dazu flogen Drohnen über die Straßen im Zentrum New Delhis und „sprachen“ Menschengruppen an, die mehr als drei Personen groß waren. Zur Unterstützung machten hindunationale Schlägertrupps jagt auf Demonstranten, und schlugen dabei auch auf junge Frauen ein. Trotzdem führten junge Demonstranten das Katz- und Mausspiel mit den Sicherheitskräften unerschrocken fort und hielten bei jeder Festnahme ihre Smartphones Fragen stellend den Polizisten unter die Nase.
Alles was die Festgenommenen verbrochen hatten, war am Samstag den 10. Oktober ihr Recht war zunehmen, auf dem Janta Mantar Platz in Delhi zu demonstrieren, denn dafür ist dieser Platz da. Genauer gesagt: war dafür da – mittlerweile hat die Modi-Regierung auch den Platz als Versammlungsort verboten.
133 Mio. Wähler*innen weniger
Die vorwiegend jungen Demonstranten forderten den Rücktritt des Chefs der Wahlaufsichtskommision Gyanesh Kumar. Bei einer Überprüfung der Wählerverzeichnisse sind bisher 133 Millionen Namen gestrichen worden. Die Demonstranten, die politische Opposition und Aktivisten werfen der Modi-Regierung vor, das aus wahltaktischen Gründen zu tun. So sind vor den diesjährigen Wahlen im Bundesstaat West Bengalen 9 Millionen Menschen von den Wählerlisten verschwunden. Vorwiegend Muslime. Modis BJP gewann dann erstmals die Wahlen in diesem östlichen Bundesstaat, den bis dahin die größte Modi-Kritikerin Mamata Banerjee regierte.
Indiens Innenminister Amith Shaha verteidigte die Ausgangssperre in Delhi, wie alle angewandten Sicherheitsmaßnahmen und warf der politischen Opposition vor, mit ihrer Unterstützung für die Demonstranten Eindringlinge zu schützen .
Nach den Demonstrationen der „Kakerlaken-Partei“ im Mai, die zum Sturz des Bildungsministers führten, versuchte die Modi-Regierung es noch mit verständnisvollen Worten. Es wurde auch darauf verzichtet, die jungen Demonstranten wie bei allen anderen Demonstrationen zuvor gegen die Modi-Regierung als „anti-indisch“ zu brandmarken.
Indische Leitmedien: Pakistan ganz anders
Indiens Leitmedien unterstützen aktuell mehrheitlich die Version der Modi-Regierung und damit auch die brutalen Sicherheitsmaßnahmen. Nur ihren Journalisten wurde es erlaubt, aus Delhi von den Demonstrationen zu berichten, 37 andere wurden verhaftet. Gleichzeitig berichten sie über ähnliche Vorfälle in Pakistan ganz anders. Offen warfen die indischen Leitmedien Pakistans-Regierung vor, ihre Bevölkerung und das Recht auf Demonstrationen im Namen des Terrorismus zu unterdrücken und den Notstand auszurufen.
In Pakistan hat sich die Partei des seit drei Jahre inhaftierten Imran Khan, Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI), zu einem großen Marsch auf die Hauptstadt Islamabad aufgemacht. Eine der Forderungen ist die Freilassung Khans, der selbst hinter Gittern noch der beliebtester Politiker Pakistans ist.
Die Regierung reagierte darauf mit der Stationierung von 40.000 Polizisten alleine in und um die Hauptstadt. Dazu stehen Schiff-Container bereit um alle großen Straßen zu sperren. Mittlerweile hat die pakistanische Regierung, die Regierung der Provinz Khyber Pakhtunkhwa (KPK) quasi abgesetzt und dort die per Notstandsgesetzt die Karte „governors ruel“ gespielt .
Bisher wurde KPK von Khans PTI regiert. Doch Beobachter sind sich sicher, dass hinter all den Maßnahmen Pakistans oberster General Asif Munir steckt (Chief of the Army Staff, COAS) denn die eigentliche Macht in Pakistan ist seit 1988 die Armee. Auch für Imran Khan steckt Munir hinter seinem Sturz und die aktuellen grausamen Haftbedingungen .
Imran Khan gegen Geheimdienst = Ende
Selbst Imran Khan konnte nur mit Zustimmung der Armee 2018 die Macht übernehmen, doch dann hatte Khan vor, die Geheimdienste und die Armee unter zivile Kontrolle zu bekommen: Als erste Masßnahme entließ er im Juni 2019 Asif Munir, der damals den größten Geheimdienst Pakistans führte, den Inter-Services Intelligence (ISI). Damit war Khans Ende eingeleitet.
Die Armee dürfte auch dieses Kräftemessen gewinnen, denn sie hat die aktuelle Regierung im Griff. Die besteht aus einer Koalition der beiden großen Familienparteien PPP der Bhuttos und der PML-N der Sharifs. Beobachter sind sich einig, dass sie nur mit Hilfe von Wahlfälschungen und dem Ausschluss von Khans PTI die Wahl gewinnen konnte. So traten die Abgeordneten von Khans PTI als Einzelkandidaten an, gewannen die Provinz Khyber Pakhtunkhwa und stellten eigentlich auch den Wahlsieger im ganzen Land.
Dabei hätten es die beiden Familienparteien Pakistans besser wissen müssen, als sie das Angebot der Armee annahmen statt Khan zu regieren. Auch frühere Premierminister ihrer Parteien PML-N und PPP wurden verhaftet, als sie die Gnade der Armee verloren, oder sogar von ihr gehängt.
Auch hat General Munir die Unterstützung von Präsident Donald Trump. Kurz vor dem Angriff auf den Iran besuchte ihn Munir am 18.Juni 2025 in Washington. Offensichtlich wollte sich Trump versichern, dass die einzige islamische Atommacht dieser Erde sich raushält. Als Belohnung gab es kurz darauf nagelneue amerikanische Kampfflugzeuge für den General für den General.
Schockierende Armut und ökologische Katastrophe
Doch der wirtschaftliche wie ökologische Zustand Pakistans ist katastrophal. Das liegt nicht nur am Mangel an Benzin, der in Pakistan herrscht, seit die USA und Israel den Iran angegriffen haben. Die Armut bei meinem letzten Besuch schockierte mich und ist laut Kollegen seitdem noch schlimmer geworden.
Dazu hat die Regierung wie die Armee die Zustimmung der pakistanischen Jugend verloren. Da nützt es wenig, dass die Regierung die alten Medien Pakistans unter Kontrolle hat, selbst die ehemals großartige Zeitung The Dawn.
In Pakistan Angst vor Verhaftung – in Deutschland Optimierer in Turnschuhen
Als im Jahr 2014 Pakistan mit Bombenanschlägen der pakistanischen Taliban überzogen wurden, Karachi von bewaffneten Banden kontrolliert wurde und der Geheimdienst ISI versuchte, jegliche objektive Berichterstattung unterbinden wollte, blieben die Kollegen von The Dawn standhaft und berichteten selbst über Korruption von Teilen der Armee. Ich fragte damals einen Redakteur der Zeitung mit dem ich zusammenarbeitete, wie sie das machen. Z.K. (Name der Redaktion bekannt) antwortete damals: „Indem wir das Risiko verteilen. Wir sind etwa 20 Kollegen bei The Dawn die regelmässig aber abwechselnd die vorgegebene rote Linie der Geheimdienste überschreiten.“ Das ist keine Kritik an den aktuellen Journalisten von The Dawn:. In Deutschland brauchte es nicht einmal die Angst vor Verhaftung, Folter oder den vorzeitigen Tod. Hier reicht der Umstand aus, dass aufwendiger Journalismus finanziell nicht rentabel ist. Statt Geheimdiensten tauchen in den Redaktionen Unternehmensberater und junge Optimierer in Turnschauen auf, um dem Journalismus den Garaus zu machen. Wie schrieb mir ein Kollege gerade: „Wenn ich Leute treffe, die Kultur machen, fühlt es sich völlig normal an. Und ich weiß, dass ich am richtigen Ort bin. Sobald es aber ans Schreiben geht, quasi mit dem Blick der Chefs über meine Schulter, fühle ich mich wie jemand, der ein sehr fragwürdiges Hobby pflegt und es in der «schönen neuen Zeitungswelt» wohl besser versteckt.“ Auch bei seiner Zeitung laufen seit längerer Zeit die Optimierer in ihren Turnschuhen herum.
“Die können uns nicht alle einsperren” – Modi kann nicht gewinnen
Bei meinem letzten Pakistan-Besuch hörte ich dann aber von jungen Menschen in Pakistan auf der Straße, in Zügen, Bussen oder am Teestand, ähnliches wie damals von Z.K.: Ganz offen machten die jungen Menschen sarkastische Witze über ihre Regierung und die Armee. Auch ihnen war bekannt, dass die Regierung Menschen verhaftete, die sich negativ in den sozialen Medien äußerten (selbstverständlich auch Journalisten) : „Wir sind Millionen, die das im Netz tun. Die können uns nicht alle einsperren,“ lautete unzählige Male die Antwort.
Pakistan wie Indien haben junge Gesellschaften, die nicht mehr die alten Medien brauchen, um sich zu informieren – die aktuellen Machthaber haben somit die Kontrolle über die Jugend verloren und ihnen bleibt nur noch Einschüchterung und Gewalt. Das mag kurzfristig funktionieren. Doch seitdem die Modi-Regierung selbst die Unterstützung von Elon Musk und damit X zu verlieren scheint, wird er und seine hindunationalistische BJP mittelfristig verlieren.
Ohne den progressiven Teil der Jugend auf seiner Seite zu haben, wird jedes Land mittelfristig im Chaos versinken, weil es „innerlich“ vermodert. Die Müllberge und verseuchten Flüsse Indiens und Pakistans sind das beste Beispiel, wenn Menschen regieren, die nur Macht, Nationalismus und Wachstum (für wenige) kennen. Selbst in reichen Ländern wie Deutschland bröckelt einer unsere größten Reichtümer, die Infrastruktur.
Es braucht niemand Angst zu haben, dass uns durch die KI die nächsten Jahrzehnte die Arbeit ausgeht – nicht nur Pakistan und Indien sind in einem katastrophalen Zustand.

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