Ein Bildband schwelgt in analogeren Zeiten
Nicht alles was glänzt, ist Gold. Kaugummiautomaten glänzten nie, nicht mal brandneu, aber für manch einen Hosenscheisser hatten sie etwas mystisches, Verbotenes. Wer Mutti völlig skrupellos zehn Pfennig aus dem Portemonnaie, Verzeihung: der Geldbörse, stibitzte, stieg in Westdeutschland ad hoc zum Macker auf. Er und die Maschine. Er gegen die Maschine. Zwergenaufstand. Auch Glück war nun endlich käuflich! Man stopfte den Groschen in den Schlitz eines Kaugummiautomaten, drehte das schwarze Rädchen so lange nach rechts bis unten in der Ausgabeklappe die Ware erschien, es war wie Fadenziehen auf dem Rummel. Es klick-klackerte und war doch schon ein Vorbote im Vorhof der Hölle zur Pubertät. Beim Schiessen wusste man, dass man den kleinen Hasen haben wollen sollte, wegen irgendeinem Mädchen. Fadenzieher waren die Geheimnisvollen, sie liessen sich gerne überraschen. Mädchen wollten aus Kaugummiautomaten nur eines: Plastikringe. Die schoben sie dann ihren Boyfriends unter und erwarteten mit den Händen in den Hüften einen Heiratsantrag. Es klingt bescheuert und war genau so. Die Jungs taten dann zunächst wie ihnen geheissen, gingen dann aber mal ganz rasch Zigaretten kaufen, die warn ja nich blöd.
Mensch und Maschine
Die Automatenkultur entstand um 1870 in den USA, der erste Kaugummiautomat wurde dort 1888 auf die Schreihälse losgelassen. Ein Jahr zuvor stellte die Kölner Firma Stollwerck den ersten Schokoladenautomaten auf. Deutschland hinkte hinterher: Hitler liess ausser Kondomautomaten alle anderen einschmelzen und zu Munition verarbeiten. Doch nach dem II. Weltkrieg wurden Automaten in der BRD populär, Waren aller Art konnte man ziehen: Topfblumen, Taschenbücher, Kugelschreiber, Kölnisch Wasser, Parfüm. Sich die Füsse im Schuhladen röntgen zu lassen, kostete 10 Pfennige. Es war das kleine Glück, noch bevor Fussballfans mit dem Glück des kleinen Mannes Sonnenscheins verballhornt wurden. Damals trugen sie noch Nadelstreifen und Hut, die Tormänner (Schiebermütze), keine Handschuhe.
Heute ist die BRD komplett automatisiert, es gibt sogar Pizza-Automaten. Rund 800.000 Kaugummiautomaten soll es noch oder wieder in Deutschland geben. Sie wirken wie Relikte einer anderen Zeit, als es noch keine Nachttanke gab, keine Kioske und die Supermärkte nicht bis Mitternacht aufhatten. Im umtriebigen niedersächsischen Verlag Andreas Reiffer ist nun eine Reminiszenz in Wort und Bild erschienen, die diesem Phänomen huldigt. Es ist nicht der erste Bildband zu diesem Thema, das zudem dutzende Internetportale von überwiegend Hobbyfotografen füllt. Doch stellt er einen angenehmen Moment der Entschleunigung dar.
Bildung oder Kapitalismus
Wenn man nicht gerade selbst vor solchen Schächten steht, die mitunter mal wieder einem depperten Feuerteufel zum Opfer gefallen sind oder es kommt nichts raus, auch das Geld nicht mehr, rotes Groschengrab nannten wir das deshalb schon früher. Während sich die bürgerliche Gesellschaft immer damit verteidigte, das die Chose „nur der Bildung“ diente, weil Kinder dort „den ersten Kaufvertrag“ ihres Lebens abschliessen würden (stand and deliver!), sah die Wirklichkeit doch ganz anders aus. Kindern wurde einfach nur der Kapitalismus eingefleucht, Glücksspiel für Erstklässler, nicht bargeldlos aber anonym wie in der Peep-Show. Und selbstverständlich auf Augenhöhe: kindgerechte Mindesthöhe von 80 Zentimeter (ab Unterkante), was ein Grund sein mag, das die Kisten, die nie weg waren, vielen Erwachsenen angeblich nicht mehr auffallen.
Kauen für den Frieden
Es begann mit purer Propaganda, dem Kaugummi, dem Symbol der Konsumgesellschaft, das die Besatzungstruppen als Teil der Army Ration einschleppten. Rasch war das nicht mehr genug. Nun wurde den Erben der Krauts auch noch die Plastemüllkultur der Yankees in den Schächten kredenzt. Und immer schön Vorkasse! Kinder wurden alsdann zum Bierholen abkommandiert und durften sich auf dem Rückweg „was ziehen“. Der Kapitalismus wurde immer beliebter, zumindest bei den bleich im Partykeller der 70er versumpften Oldies, deren Götter Heinz Schenk und Fips Asmussen waren, dann Y.M.C.A. von den Village People, später die Polonäse Blankenese und der Ententanz. Es war eine gute Zeit, um sich in den Schächten der Kaugummiautomaten zu verstecken, nur waren sie zu klein, alles war falsch. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Das niemand den Schrott daraus brauchte, dass der Süsskram oder die roten kandierten Erdnüsse ungeniessbar und die Lutschbonbons so hart waren, das sie im Volksmund zärtlich „Kieferbrecher“ hiessen wurde nicht direkt thematisiert.
Heute stecken in diesen Schächten überwiegend die gleichen Abfallprodukte. Zuckerbomben: Kaugummis mit Erdbeer- oder Cola-Geschmack, in Wassermelonenform, Center-Shock-Kaugummis; Mini-Taschenmesser, Perlen-Armbänder, Flummis, Glasmurmeln, Glibberhände, Katapult-Tiere, Spring-Frösche, Mini-Feuerzeuge, Drehkreisel, Kompasse, Mundharmonikas, Radiergummis, Mini-Taschenlampen, Schlüsselanhänger, Creeblers (klebrige Fensterkrabbler), kleine Fussballpuzzles oder Piratengedöns. Verkauft wird das Ganze medial als Relikte „echter Kindheit“. Da wird es dann wirklich absurd. Heute jagen die Blagen nach dem Pfützen-Hüpfen schliesslich ganze deutsche Familien-Klans mit Sakrotan-Spray.
Geplatzte Blase
Immer öfter hängen nur noch leere Blechschächte an den Wänden oder da ist ein schmuddeliger Fleck auf hellem Grund, Dübellöcher. Es gibt mehr Backshops und Spätis. Love Me Spender ist out. Die Blase Kaugummi ist geplatzt, der Kapitalismus komplexer geworden. Verschrotten ist oft teurer als hängenlassen. Weniger Kinder bedeuten geringere Drehzahlen. Es hat auch sein gutes. Kaugummibatz an den Tretern ist auch nicht besser als Hundekot.
Dennoch scheint es eine neue Welle zu geben. In den Touri-Hotspots der Küste florieren Automaten wie nie zuvor – mit Seehundfigürchen, maritimen Ketten oder Muschelkrams. Die Geräusche der Kindheit spielen dabei keine Rolle mehr. Zinnsoldaten sind längst eingeschmolzen, Jukeboxen nicht erst seit Handke verstummt. Kriegsentscheidend bei den Kaugummiautomaten war immer der Standort, laut Zunft der „Bildungsauftrag“: Bushaltestellen, Bahnhöfe, Kinderarztpraxen, Schulen, neben Frittencontainern, vor Asylbewerberheimen, an Wirtshäusern, vor Fahrradgeschäften, neben dem Hort, Spielplätze. Ich kenne sie eigentlich nur aus Pissecken, wo sich Pädophile und Stricher herumtrieben. Ihr Bildungsauftrag war der, dass tote Schächte als Drogendepots benutzt wurden. Es passt irgendwie zu einer Branche, die nicht die transparenteste ist. Der konservative Bundesverband der Warenautomatenaufsteller wurde 1961 von Kondomautomatenbetreibern gegründet.
Gegen die Strömung
Vermutlich gibt es aktuell rund 1.200 Aufsteller dieser Automaten. Organisiert sind die wenigsten. Wer nicht selbst mindestens 1.000 Automaten betreibt, hat keine Überlebenschance. Der Trend scheint zur 2-Euro-Münze zu gehen für 3D-gedrucktes Spielzeug, da läuft gerade ein Hype. Mechanische Münzwerke, Drehhebel, Body, Münzprüfer, Ausgabeklappe sind nur noch Vokabeln für Sammler und deren Privatmuseen. Unterdessen ziehen die Kids Are United wie seit Äonen durch die Dörfer, bewaffnet mit Rohrzangen aus dem Hobbykeller und biegen den Drehgriff mit Gewalt gegen den Uhrzeigersinn, bis endlich die Feder kracht. Fazit: Vier Jahre Realschule, in zweien davon ging in jeder Unterrichtseinheit eine Stinkbombe los. Die gab es damals bei uns nur im Kaugummiautomaten. Ein Hort der Glückseligkeit und ein Schelm, der denkt, die seien „gezogen“ worden. „Bunkern, wir müssen bunkern!“ sagte der Scheff. Wir waren alle loyal.
A. Soul: Gib Gummi!, Eine Liebeserklärung an den Kaugummiautomaten in Wort und Bild, Verlag Andreas Reiffer, Meine 2025, 80 Seiten, mit zahlreichen vierfarbigen Fotografien, gestaltet von Karsten Weyershausen, ISBN 978-3-910335-05-9, Euro 16,–. Dieser Beitrag erschien zuerst in gekürzter Fassung im “nd”, hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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